Berlinale Ehrenbär

Noch ein Ehrenbär – dann zieht sich Michael Ballhaus zurück

Er war der Kameramann von Fassbinder und Scorsese. Auf der Berlinale bekommt Michael Ballhaus einen Ehrenbär. Damit will er sich verabschieden.

Es ist stiller um ihn geworden. Das findet er aber gar nicht so schlimm: Michael Ballhaus, der als einer von ganz wenigen Kameramännern zum Weltstar gewordenist

Es ist stiller um ihn geworden. Das findet er aber gar nicht so schlimm: Michael Ballhaus, der als einer von ganz wenigen Kameramännern zum Weltstar gewordenist

Foto: © Ralph Mecke

Am frühen Morgen in Zehlendorf, nahe dem Mexikoplatz. Michael Ballhaus kommt persönlich an die Tür, um seinen Gast zu empfangen. Es ist ein schöner, aber auch ein etwas trauriger Besuch. Der gebürtige Berliner hat es als einer von ganz wenigen Kameramännern zum Weltstar gebracht, hat mit Größen wie Fassbinder, Coppola und immer wieder Martin Scorsese gearbeitet. Dafür wird er auf der Berlinale mit dem Goldenen Ehrenbären fürs Lebenswerk ausgezeichnet. Außerdem wird ihm eine Hommage gewidmet mit einer Auswahl von elf seiner Filme. Aber damit will sich der 80-Jährige auch ein bisschen zurückziehen. Er leidet an einer Augenkrankheit und hat nur noch 20 Prozent Sehkraft. Sein Festival-Auftritt wird damit so etwas wie ein leiser Abschied aus der Öffentlichkeit.

Berliner Morgenpost: Herr Ballhaus, darf ich mich zunächst erkundigen, wie es Ihnen geht?

Michael Ballhaus: Sie wissen von meinen Augen. Sie wissen auch mein Alter. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Auch mein Namensgedächtnis ist furchtbar schlecht, da muss ich Sie gleich warnen. Sonst geht es mir eigentlich gut.

Empfinden Sie das als eine bittere Ironie, dass ausgerechent Sie, „das Auge Hollywoods“, mit einer Augenkrankheit geschlagen sind?

Ja, natürlich. Ich hätte gerne noch weiter gearbeitet. Da ich aber nun schon seit vielen Jahren weiß, dass ich diese Krankheit habe, habe ich mich irgendwann damit abgefunden. Es gibt immer noch Momente, in denen es mir sehr schwer fällt. Früher kam ich ja nie zum Lesen, weil ich dauernd gearbeitet habe, ich habe nur Drehbücher gelesen. Jetzt entdecke ich die Weltliteratur. Und das ist für mich eine große Erfüllung, da drehe ich im Geiste meine eigenen Filme. Und wissen Sie was? Das macht ungeheuren Spaß.

Was bedeutet es dann für Sie, auf dieser Berlinale mit dem Ehrenbären ausgezeichnet zu werden?

(lacht) Damit fühle ich mich eigentlich ganz gut. Ich habe ja eine gute Beziehung zu diesem Festival. Nicht erst seit Dieter Kosslick – zu dem ich eine sehr herzliche Beziehung habe! –, sondern schon seit vier Jahrzehnten. Das ist ein schöner Abschluss, wenn ich da nun zum Ende meiner Laufbahn auch noch diesen Preis erhalte.

Sie kennen das Festival fast aus allen Blickwinkeln. Sie hatten Filme im Wettbewerb, waren Jurypräsident, auf dem Talent Campus, haben 2006 die Berlinale-Kamera bekommen. Ist die Berlinale das Festival, das Sie am besten kennen?

Auf jeden Fall. Ich war natürlich auch oft in Cannes, Venedig und anderen Festivals. Aber mit diesem verbindet mich doch am meisten. Zumal es ja auch das Festival in der Stadt ist, in der ich wohne und, wie Sie wissen, ja auch geboren bin.

Darf ich frech fragen: Ein Ehrenbär, ist das noch ein Preis, noch ein Staubfänger? Oder haben Sie einen besonderen Schrein, in dem Sie all Ihre Auszeichnungen aufbewahren?

Nein, einen Schrein habe ich nicht. Die meisten Preise befinden sich inzwischen in der Deutschen Kinemathek, der ich das als Vorlass überlassen habe. Aber ein paar wenige stehen noch bei mir im Arbeitszimmer. Die schaue ich noch sehr gerne an.

Gibt es bei all den Preisen, die Sie bekommen haben, einen, der Ihnen der wichtigste ist?

Den gibt es. Das ist einer, der eigentlich gar nicht so bekannt ist. Das ist der International Award der ASC, der American Society of Cinematographers. Das ist eine Auszeichnung für einen ausländischen Kameramann, den bis dahin noch kein Deutscher bekommen hatte. Das ehrt mich, weil das meine direkten Kollegen sind, die meine Arbeit natürlich am besten beurteilen können. Außerdem war das mit einem schönen Fest verbunden, bei dem Martin Scorsese eine tolle Laudatio gehalten hat. Das war sehr bewegend, mehr kann man eigentlich nicht wollen.

Wirklich nicht? Sie waren immerhin drei Mal für den Oscar nominiert. Tut das nicht weh, das Sie den nie bekommen haben?

Es tut nicht weh. Aber natürlich hätte ich den schon gern bekommen. Das ist nun mal die größte Hochzeit, die man in unserer Branche feiern kann. Und ich gebe zu, als ich das letzte Mal nominiert war, hab’ ich mir schon Hoffnungen gemacht. Das war „Gangs of New York“ von Martin Scorsese. Ein sehr schöner Film, mit epischem Atem, den ich sehr geliebt habe.

… und ein Berlinale-Film.

Aber das war nach dem 11. September, und die Academy war damals nicht bereit für einen solch kritischen, auch gewalttätigen Film über New York. Sie haben dann lieber das Musical „Chicago“ bevorzugt, das hat alle Preise bekommen. „Gangs of New York“ war neunmal nominiert, ging aber ganz leer aus. Marty saß bei der Verleihung direkt vor mir, ich konnte richtig sehen, wie er in seinem Sitz immer kleiner wurde. Aber sehen Sie, Marty war sogar fünf Mal nominiert. Und hat den Oscar erst für „The Departed“ bekommen. Er hat immer gesagt, dass sei sein schlechtester Film. Das war natürlich kokett, aber es war sicher nicht sein bester. Ich habe mich dennoch gefreut, dass er ihn endlich bekommen hatte. Das war ja unser letzter gemeinsamer Film, und das war dann auch ein schöner Abschluss, um mich zurückzuziehen.

Stimmt es eigentlich, dass auch Ihre Liebe zu Martin Scorsese auf der Berlinale begann?

Ja, ich hatte damals, 1980, „Wie ein wilder Stier“ auf der Berlinale gesehen. Ich saß im Publikum und hab gedacht, einmal mit diesem Regisseur zusammenarbeiten. Aber nie hätte ich gedacht, dass das passieren würde. Fünf Jahre später, mit „Die Zeit nach Mitternacht“, war es dann so weit.

Zu Ihrem Ehrenbär gehört auch die Hommage, in der Sie elf Filme vorstellen dürfen. Davon sind überraschenderweise acht amerikanische und nur drei deutsche Arbeiten. Warum dieser einseitige Fokus? Sind Ihnen diese Filme wichtiger?

Alle ausgewählten Filme haben eine besondere Bedeutung und persönliche Geschichte, wegen der Regisseure, der Schauspieler und vor allem auch was mein Experimentieren in der Kameraarbeit betrifft. Und bei elf Filmen bleiben unweigerlich ein paar auf der Strecke.

Aber kennt man im Ausland nicht gerade Ihre amerikanischen Arbeiten am besten? Vielleicht will man ja mal den frühen Ballhaus entdecken.

Möglich. „Martha“ wird ja gezeigt. Das ist ein früher Fassbinder, den ich wirklich sehr schätze und der auch eine große Qualität hat. Da sieht man die Entstehung des 360 Grad, das durfte natürlich nicht fehlen. Aber nur elf Titel auszuwählen, das ist einfach schrecklich wenig.

Bei 120 Titeln: Gibt es den einen Film, von dem Sie sagen, das ist mein liebster? Oder kann man das gar nicht sagen bei so vielen „Kindern“?

Doch, das kann man sagen. Ich glaube, das ist „Zeit der Unschuld“. Von Marty. Das war vor allem auch schön, weil unser letzter gemeinsamer Film davor „Good Fellas“ gewesen war, der Film, der mir vielleicht die größten Bauchschmerzen bereitet hat. Diese ganzen Gewaltszenen, mit denen ich ja nicht so viel anfangen kann, das hat mir sehr zu schaffen gemacht. Und trotzdem vielleicht meine wichtigste Arbeit.

Mit Fassbinder verband Sie dagegen eher so eine Art Hassliebe. Ist Martin Scorsese Ihr Lieblingsregisseur oder gibt es da noch einen anderen?

Ich habe 15 Filme mit Fassbinder gedreht, da hatte ich ganz oft das Glück vor Augen, mit einem solchen Genie gearbeitet zu haben. Aber immer wieder habe ich mich auch gefragt, wie ich es mit diesem Egomanen ausgehalten habe. Mit Martin war das von Anfang an ein ganz anderes Vertrauensverhältnis, und das hat mich sehr beglückt. Wir haben sieben Filme zusammen gemacht, dass er zwischendurch auch mit anderen Kameraleuten gedreht hat, war keine Entscheidung gegen mich, das hatte einfach mit unseren Terminkalendern zu tun.

Aber es gibt auch noch einen anderen Regisseur, mit dem ich gern zusammen gearbeitet habe, auch wenn ich vielleicht nicht so viele Filme gemacht haben. Und das ist Mike Nichols. Das war ein so wunderbarer Mensch, auch ein Berliner, im Übrigen. Menschlich habe ich mich mit ihm fast noch besser verstanden als mit Scorsese.

Sind Sie eigentlich noch ab und an in den USA?

Nein, gar nicht mehr.

Vermissen Sie Amerika? Vermissen Sie Hollywood?

Da muss ich auch Nein sagen. Es war eine wunderschöne Zeit damals. Aber da ich nicht mehr arbeiten kann, ist das Vergangenheit. Meine damalige Frau Helga und ich haben ja deshalb beschlossen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Und es war schön, zurückzukommen. Auch in diese Wohnung hier, die wir seit 30 Jahren haben. Ich wollte die eigentlich abstoßen, als wir in Amerika gelebt haben. Aber Helga hat sie geliebt, für sie kam das überhaupt nicht in Frage. Dafür bin ich ihr heute noch sehr dankbar. Ich habe natürlich gute Freunde in Amerika, mit denen ich nach wie vor in Kontakt stehe. Auch mit Marty natürlich, und mit Thelma Schoonmaker, seiner Cutterin. Aber ich bin früher wahnsinnig oft hin- und hergeflogen, das war auch anstrengend. Ich vermisse keine Langstreckenflüge mehr.

Zwei Schlagworte, die immer fallen im Zusammenhang mit Ihnen, sind „der Ballhaus-Kreisel“ und „das Auge Hollywoods“. Nimmt man das irgendwann auch für sich selbst in Anspruch oder können Sie das gar nicht mehr hören?

Ach, wissen Sie, Kameramänner stehen ja sonst nicht so im Fokus der Öffentlichkeit. Ich habe da schon großes Glück gehabt. Und natürlich schmeichelt sowas. Ich hab die Kamerakreisfahrt nicht erfunden, aber ich bin stolz darauf, dass wir das bei „Martha“ benutzt haben, weil das eine ganz spezielle Einstellung war. Die Kamera kreist um diese beiden Personen und man weiß sofort, dass mit ihnen noch etwas ganz Besonderes passiert. Ich finde es immer schön, wenn man mit Bildern erzählt, was man in Worten nicht ausdrücken kann. Ich habe diese Kreisfahrt dann immer wieder gemacht. Bis die Digitalkamera aufkam und alle damit anfingen, da habe ich’s gelassen. Tja, und was das „Auge“ angeht... Das kann man nun wirklich nicht mehr behaupten.

2007 haben Sie, auch am Rande einer Berlinale, Ihren Ruhestand verkündet. Das wurde dann erst mal doch eher ein Unruhestand. Jetzt ist es stiller um Sie geworden. Vermissen Sie was, oder ist das eigentlich gar nicht so schlimm?

Es ist stiller geworden. Und es ist gar nicht so schlimm. Eigentlich möchte ich mich mehr und mehr zurückziehen. Zum einen wegen meines Gesundheitszustands, zum anderen aber auch wegen meiner Unfähigkeit, mir Namen zu merken. Das ist bitter, wenn man Leute trifft und seine Frau fragen muss, wer das denn ist. Das möchte ich uns allen ersparen.

Sie waren 1990 Jurypräsident der Berlinale. Es war die erste Berlinale nach dem Mauerfall. Wie haben Sie die erlebt?

Ich war ganz glücklich. Denn als die Mauer gefallen ist, war ich ja nicht vor Ort, sondern weit weit weg, in Amerika. Aber eigentlich war ich ja nur ein Notnagel, weil ein anderer Prominenter, ich sage nicht wer, abgesagt hatte. Moritz de Hadeln, der damalige Berlinale-Chef, hatte mich deshalb gebeten. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich das kann. Aber in der Jury saß auch die französische Produzentin Margaret Ménégoz, die ich sehr gut kannte, die habe ich gleich zu meiner Mitstreiterin gemacht. Und dann habe ich das mit ihr auch, wie ich finde, sehr cool durchgezogen.

In jenem Jahr gewannen mit „Music Box“ und „Lerchen am Faden“ gleich zwei Filme den Goldenen Bären. War das Absicht?

Ja, damit wollten wir, so kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, ein ganz bewusstes Zeichen setzen, je einen Film aus dem Osten und dem Westen auszuzeichnen. Aber wir haben uns schon für diese Filme entschieden, weil sie es beide wirklich verdient hatten.

In diesem Jahr ist Meryl Streep Jury-Präsidentin. Wie gut ist mittlerweile Ihr Verhältnis zu ihr?

(lacht) Ich habe nur einen Film mit ihr gedreht. „Grüße aus Hollywood“, das war nicht so erfreulich. Das lag an ihrem Maskenbildner, ein Star in seinem Metier, den habe ich wohl nicht genug hofiert, deshalb musste er sich profilieren. Er hat jedenfalls Meryl immer aufgewiegelt, dass sie nicht gut genug aussehen würde, so wie ich sie ablichte. Deshalb wollte sie ständig Änderungen, die Kamera höher, die Kamera weiter links, das hat enorm genervt. Und trotzdem freuen wir uns immer, wenn wir uns sehen. Sie schwört aber vor allem auf meinen Sohn Florian, seit er bei „Der Teufel trägt Prada“ die Kamera geführt hat. Sie hat mal zu mir gesagt: „Your son is divine.“