Berlinale

Meryl Streep, die ideale Berlinale-Präsidentin

Sie kann alles: Drama und Komödie, Spielen und Singen. Aber sie saß noch nie einer Festival-Jury. Das späte erste Mal von Meryl Streep.

Ein Meister-Coup des Festivals: Meryl Streep ist die Jurypräsidentin

Ein Meister-Coup des Festivals: Meryl Streep ist die Jurypräsidentin

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Sie hat alles schon gespielt. Sie hat alles schon erlebt. Sie hat auch schon alle Preise gewonnen. Nur eines hat Meryl Streep wirklich noch nie getan, selbst wenn man das kaum glauben mag: Noch nie war sie auf einem Filmfestival in einer Jury.

Insofern gibt es auch für die 66-Jährige noch ein spätes erstes Mal. Auf der Berlinale, die im Übrigen genauso alt ist wie sie, sitzt sie nicht nur in der Jury, sondern ist gleich die Präsidentin, die Chefin. Was für ein Coup für das Festival! Normalerweise gelingen solche Bomben-Besetzungen ja eher dem großen Konkurrenten in Cannes.

Frenetische Begeisterungsstürme

Dieter Kosslick könnte diese Lorbeeren getrost für sich verbuchen. Aber eigentlich, stellte er vergangenen Dienstag auf der Berlinale-Pressekonferenz fest, sei dieser Trumpf nicht ihm, sondern den Berlinern zu verdanken.

Die hätten Frau Streep vor vier Jahren – als sie hier „Iron Lady“ vorstellte und den Ehrenbären bekam – auf der nach oben offenen Richterskala der Begeisterung so frenetisch gefeiert, dass sogar sie, die solche Begeisterungsstürme durchaus gewohnt ist, völlig überwältigt war. Und durchblitzen ließ, sie würde gern mal wieder kommen, und dann auch für länger. Dafür, meinte der Berlinale-Chef geistesgegenwärtig, gebe es ja Möglichkeiten.

Und so gibt Frau Streep also ihr spätes Debüt als Juryvorsitzende. Eine ideale Präsidentin. Denn sie ist ja nicht nur in jeder Hinsicht eine Ausnahmeschauspielerin. Meryl Streep, das ist die eine Ikone, die alle verehren, die wirklich jeder mag, während andere Stars sonst immer ihre Fans, aber auch ihre Neider und Nörgler haben. Frau Streep, das ist die ungekrönte Königin, die Primadonna Assoluta des Kinos. Und das weltweit.

Es gibt nichts, was sie nicht spielen könnte. Ob Drama oder Komödie, ob reale Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher („Iron Lady“) und Karen Blixen („Jenseits von Afrika“) oder Buchfigur („Das Geisterhaus“), ob späte Liebende („Wenn Liebe so einfach wäre“) oder kühle Chefin („Der Teufel trägt Prada“).

So erkennt man echte Streep-Fans

Wir haben mit ihr geflennt, als sie sich als KZ-Insassin („Sophies Wahl“) für das Leben eines ihrer Kinder entscheiden muss. Wir haben sie, in der wohl längsten Ampelschaltung der Filmgeschichte, angefeuert, die Autotür aufzureißen, um ihrer Ehe davon- und in Clint Eastwoods Arme zu laufen („Brücken am Fluss“) .

Wir lagen am Boden vor Lachen, als ihr in „Der Tod steht ihr gut“ per Morphing-Effekt der Hals umgedreht wurde. Wir haben im Kinosessel gewippt, als sie in „Mamma Mia!“ die alten Abba-Hits röhrte. Und was ein echter „Streeper“ ist, ein Meryl-Maniac, der weiß natürlich, wie man den Satz „Ich hatte eine Farm in Afrika...“ beendet: „... am Fuße der Ngong-Berge.“

Rekord mit 19 Oscar-Nominierungen

Sie hat es nicht nur zu den meisten Oscar-Nominierungen aller Zeiten (19!) gebracht. Sie steht mit drei Oscars auch nur knapp hinter Katherine Hepburn. Auch die aber brauchte dafür 48 Jahre, da hat sie also noch zwölf Jahre Zeit. Und wenn sie heute aufs Siegertreppchen geht, kommentiert sie das schon mal gern selbstironisch: „Ich weiß schon, dass die ganze Welt wieder denkt: schon wieder die!“ Aber das denkt wirklich niemand.

Woran aber liegt es nur, dass Meryl Streep Everybody’s Darling ist? Was macht die sogenannte „Streepness“ aus? Ihre Wandlungsfähigkeit, ihr Können im komischen wie dramatischen Fach sind unbestritten. Die Art, wie sie sich in ihre Rollen einarbeitet, bis zur Unkenntlichkeit hinter den Figuren verschwindet, ist einzigartig und viel besungen. Tatsächlich besungen: Schon im Musical „Fame“ gibt es den Durchhaltesong „Think of Meryl Streep“: „Think of all the feelings / Wasted on this creep / Think of how you could use them / Think of Meryl Streep“. Und das Musical datiert auf 1980, als Meryl noch am Anfang stand.

Das allein aber kann es nicht sein. Es muss noch andere Erklärungen geben. Bescheidenheit könnte eine sein. Sie macht kein Gewese um ihre Kunst, sie spielt sie eher herunter. Eine typische Streep-Antwort, was sie antreibe, ist: Angst. Vor dem Scheitern der Figur. Sie sagt dann Sätze wie: „Ich bin eigentlich faul, aber schwierige Rollen sind der reinste Terror für mich, und sie treiben mich dann zu Höchstleistungen.“

Sie sagt das so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Zuweilen spricht sie sogar von Erlösung: „Manche suchen ihr Gleichgewicht mit einem Psychoanalytiker. Meine Fantasien, meine Gefühle lösen sich vor der Kamera.“ Das ist dann nicht nur billiger als jeder Seelenklempner, es schließt auch den Zuschauer mit ein: eine Art Gruppentherapie mit dem Publikum.

Der Blackberry ist wichtiger als die Aussicht

Eine weitere Erklärung wäre: Normalität. Meryl Streep ist der normalste Star der Welt. Keine divösen Zickereien, keine Eskapaden oder Skandale sind von ihr bekannt. Es ist fast schon langweilig, dass sie seit 37 Jahren mit ihrem Gatten, dem Bildhauer Don Gummer, liiert ist. Dass sie nicht etwa im skandalgewohnten Kalifornien lebt, sondern im intellektuelleren New York. Und fast gluckenhaft über ihre vier nun ebenfalls alle zur Schauspielerei drängenden Kinder wacht.

Unvergessen, wie ich Frau Streep einmal in Venedig im teuersten Hotel am Lido interviewen durfte und sie überhaupt keinen Blick für den Fünf-Sterne-Ausblick hatte. Sie schielte nur dauernd auf ihr Blackberry, weil sie auf einen Anruf ihrer Jüngsten wartete. Und unterbrach dafür zwei Mal das Interview.

Die Ururgroßeltern waren deutsch

Disziplin, das wäre auch so eine Erklärung. Vielleicht hat sie ja ein preußisches Gen, immerhin waren die Urgroßeltern väterlicherseits Deutsche aus dem württembergischen Loffenau. Legendär ist jedenfalls ihre akribische Vorbereitung. Uneitelkeit wäre auch ein entscheidendes Kriterium. Jüngst zirkulierte auf Facebook ein altes Foto von ihr in der U-Bahn.

Mit dem Verweis, so sei sie 1978 von einem Casting gekommen, in dem ihr gesagt wurde, dass sie die Rolle für „King Kong“ nicht bekommen würde. Der Post war gefälscht, was man auch daran sehen konnte, dass sie behauptete: „Und heute habe ich 19 Oscars!“ Es sind ja „nur“ drei, und selbst damit würde sie nie angeben. Die Geschichte stimmt dennoch: Produzent Dino De Laurentiis soll damals getobt haben: „Sie ist hässlich. Warum habt ihr mir dieses Ding gebracht?“

Nun ist Meryl Streep keine klassische Schönheit, schon wegen der markanten Nase. Sie ist auch nicht immer ganz geschmackssicher, was man an ihren bunten Brillengläsern sehen kann. Und sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Mode egal ist.

Die Edelgarderobe für „Der Teufel trägt Prada“ wurde für einen guten Zweck versteigert. Ihr Aussehen schert sie nicht. Vielleicht hat sie aber gerade deshalb auch die eher markanten Rollen gekriegt.„Die befreiendste Sache, die ich sehr früh machte, war, mich davon zu befreien, mir über mein Aussehen Gedanken zu machen.“

Personifizierter Epochenbruch in Hollywood

Sie musste dann auch nicht, wie andere Schauspielerinnen ab 40, um künftige Rollen fürchten. Im Gegenteil, heute ist sie der personifzierte Epochenbruch für Hollywood . Weil sie auch mit über 60 noch immer Hauptrollen spielt, selbst in romantischen Filmen, und die Leute ins Kino zieht. Auf einem Filmplakat, so sagt man in Hollywood, müsse nur der Name Streep stehen, und die Leute gehen ins Kino. Risikofreude, auch das gehört ganz unbedingt zu ihren Stärken.

Meryl Streep hat ihre ersten Erfolge der US-Serie „Holocaust“ zu verdanken, über die 1978 in den USA heftig gestritten wurde, ob man den Judenmord als Seifenoper erzählen könne. Oder „Kramer gegen Kramer“: Da spielte sie eine Frau, die ihren Mann und ihren Sohn verließ. Sowas taten damals ja nur die Familienväter. Es war ein Affront und durchaus keine Sympathierolle.

Vorreiterin emanzipierter Frauen

Aber schon damals pickte sie sich einen Rollentyp heraus, den sie seither bedient: den der zwar zuweilen schüchternen, aber stets autarken Frau, die sich nicht fremdbestimmen lässt. Das macht sie auch zu einer Vorzeige-Emanze.

Ob als resolute Arbeiterin in „Silkwood“, als allein erziehende Mutter in „Music of the Heart“, ob als Margaret Thatcher, die sich in der Männerpolitik durchsetzt, oder, ganz aktuell, in „Suffragette“, der Film, der eine Woche vor der Berlinale in unsere Kinos kam und in dem sie Emmeline Pankhurst, eine Pionierin der Frauenbewegung spielt. Ja, gibt sie zu, sie bezeichne sich durchaus als Feministin. Nur nicht in den Staaten, da sei das ein „schmutziges Wort“.

Eine Karriere in drei Oscar-Reden

Man könnte, ein Leichtes, ihr Leben anhand ihrer 76 Filme erzählen. Wie sie sich Ende der Siebziger, weil sie eben nicht die Vorzeigeschönheit war, erst im dramatischen Fach bewährte. Wie sie sich nach einem Jahrzehnt auch in der Komödie erprobte.

Wie sie sich immer wieder neu erfand und scheinbar alle Genres, selbst Western, Science-Fiction und Action, abhakte. Und schließlich, sie wollte ja eigentlich Opernsängerin werden, auch das Singen begann, in „Last Radio Show“, „Mamma Mia!“ und demnächst als Florence Foster Jenkins, der schlechtesten Opernsängerin der Welt.

Man könnte ihre Entwicklung auch anhand ihrer Oscar-Reden rekapitulieren. 1980 („Kramer gegen Kramer“) trat sie noch im braven weißen Kostüm kam und bedankte sich ziemlich schüchtern in wenigen knappen Sätzen. Drei Jahre später („Sophies Wahl“) trat sie schon im güldenen, wenn auch hochgeschlossenen Wallekleid hochschwanger auf die Bühne, wobei sie zwar ihre Dankesrede verlor, dies aber charmant überbrückte und damit schon deutlich mehr Souveränität ausstrahlte: Sie war angekommen.

Und dann, vor vier Jahren, der bislang letzte Triumph („Iron Lady“), nun in einem goldenen Glitzerkleid mit atemberaubend tiefen Ausschnitt eine Show hinlegte, bei der auch das Orchester nicht wagte, die überschrittene Dankeszeit niederzumusizieren. Sie wirkte wie die Übermutti für den ganzen Laden, wie eine Majestät, die Hof hält.

Sie kann einfach nicht Nein sagen

Nur eines kann man nicht: ihre Entwicklung anhand der Rollen aufzeigen, die sie abgelehnt hat. Das gehört sonst zwar zum Geschäft. Aber Meryl Streep soll in den vier Dekaden ihrer Laufbahn nur vier Filme abgesagt haben. Auch das ein Rekord.

Sie könne einfach nicht Nein sagen. Das erklärt, warum sie auch in nicht immer ganz guten Filmen mitwirkt, die sie dennoch veredelt, weil sie das Beste aus ihren Figuren macht. Sie sei, frotzelte sie einmal , „so die Sorte Mädchen, die an der Tanzfläche wartet, ob sie jemand auffordert“.

Neid auf Lars Eidinger

Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht ist auch Dieter Kosslick einfach an sie herangetreten und hat sie zu einem Tänzchen beschwatzt. Davon profitiert jetzt die ganze Stadt. Wie immer die Filme werden, welche Stars auch sonst kommen: Meryl Streep ist schon mal die halbe Miete. Mit ihrer Art wird sie die Stadt erneut bezaubern. Wir können uns selbst ausmalen, wie sie ihre Jury leiten hart: ob hart wie Maggie Thatcheroder ein Prada-Teufel oder so gütig und verstehend wie im „ Geisterhaus“. Wir alle dürfen aber schon mal Lars Eidinger beneiden, dem es als einzigem Berliner in der Jury vergönnt ist, zehn Tage lang in nächster Nähe dieser idealen Frau zu sein.