Knut-Fans müssen jetzt ganz tapfer sein. Der Berlinale-Eröffnungsfilm beginnt nämlich mit einem Eisbären, der fröhlich durch den Schnee stapft. Und dann kaltblütig niedergeschossen wird. Von einer Frau. Juliette Binoche ist einem nicht sympathisch, wie sie da mit der Flinte auf der Lauer liegt und triumphierend ruft: „Mein erster Bär!“ Aber diese Jagdszene soll uns wohl zeigen: Diese Frau steht ihren Mann.
Die Berlinale, das hat Festivalchef Dieter Kosslick ja schon vorab verkündet, wird ein Festival der starken Frauen. Und gleich zum Auftakt gibt es ein ganz resolutes, historisches Exemplar: Josephine Peary, die Frau des Arktisforschers Robert Peary, der 1908 den Nordpol als Erster erreicht hat. Oder als Zweiter, nach Cook. Vielleicht haben es auch beide verfehlt, richtig bewiesen ist das bis heute nicht. Wie auch immer: Peary ist auf dem Weg zum Nordpol, und Josephine Peary reist ihrem Gatten nach. Sie ist es leid, dass sie ihn in 16 Jahren nur 14 Monate bei sich hatte. Der Film beginnt mit spektakulären Bildern, wie diese Frau mit einem kleinen Trupp durch imposante Schneelandschaften reist und sich durch Stürme und Lawinen kämpft. Dabei sind die Bilder zuweilen so grell, so gleißend, dass man eine Schneebrille bräuchte wie Frau Binoche. Aber das ist großes Abenteuerkino. Zumindest die erste halbe Stunde.
Berlinale Auftakt mit dunklen Bildern aus dem Iglu
Gabriel Byrne als Co-Star stirbt dann aber recht schnell aus dem Film, und die begleitenden Eskimos weigern sich, weiterzuziehen. Plötzlich ist die Frau mit ihren hier völlig deplatzierten Kleidern ganz allein im ewigen Eis, in einer Hütte, die auch ihr Mann einmal genutzt hat. Nur ein Eskimomädchen bleibt bei ihr. Frau Peary mag das eigentlich nicht, ganz eindeutig fühlt sie sich dem Mädchen gesellschaftlich und auch sonst überlegen und begegnet ihr anfangs ganz offen rassistisch. Aber zusammen müssen sie den Winter durchhalten. Und dann findet Frau Peary heraus, dass ihr Mann mit ebendiesem Mädchen eine Beziehung unterhält. Irgendwann legt das Mädchen auch einmal seine Felle beiseite, und wir sehen, dass sie schwanger ist.
Vom spannungsvollen Auftakt sind wir bald bei einem Kammerspiel in einer Hütte, und als auch die der Witterung erliegt, im Iglu. Ein Duell zweier ungleicher Frauen, wobei die eine die andere erst entschieden ablehnt, aber zunehmend auf sie angewiesen ist. Wobei die weithin unbekannte Rinko Kikuchi die undankbare Aufgabe hat, gegen den Star, Madame Binoche, anzuspielen. Die Bilder werden dabei immer klaustrophobischer, immer düsterer, irgendwann sieht man eigentlich gar nichts mehr. Aber auch blind ahnt man, wie es weitergeht. Dass am Ende nur Platz für eine Frau auf dem Schlitten für den Rückweg ist. Und dass auch das Baby nicht überleben wird.
„Nobody Wants the Night“ spät als Auftaktfilm bekannt gegeben
Dieses Drama im ewigen Eis hätte innerhalb des Wettbewerbs sicher einen verdienten Platz. Aber ist das ein Eröffnungsfilm? Der Auftakt muss ja immer irgendwie Laune machen für die nächsten zehn Tage Festival. Und im Vorjahr ist dies der Berlinale mit „Grand Budapest Hotel“ ja auch mustergültig geglückt. Aber in diesem Jahr hat Dieter Kosslick seinen Auftaktfilm erst sehr sehr spät bekannt gegeben. Als ob er keinen bekommen hätte. Man munkelt, er hätte gern „Jupiter Ascending“ gezeigt, den neuen Science-Fiction-Film der „Matrix“-Macher, der nun just am Tag des Berlinale-Starts in unseren Kinos anlief. Ist „Nobody Wants the Night“ also nur eine Verlegenheitslösung?
Es ist jedenfalls kein Film, der einen beschwingt aus dem Kino gehen lässt. Eher fällt der geneigte Berlinale-Gänger gleich zu Beginn in eine Art Winterstarre. Und dass das Warten auf den Gatten irgendwie ein Warten auf Godot ist, dass wir diesen Mister Peary nie zu Gesicht bekommen, macht es auch nicht eben spannender.
Historisch unkorrekt
Immerhin ist dies erst der zweite Film einer Frau, der eine Berlinale eröffnet – nach Margarethe von Trottas „Das Versprechen“ vor exakt 20 Jahren. Gleich drei Filmemacherinnen sind in diesem Jahr im Wettbewerb vertreten. Immer noch zu wenig, beklagen Vertreterinnen der Pro-Quote-Initiative. Aber immer noch drei mehr als in Cannes. Da zeigt sich dann doch, dass Kosslick in seinem bewegten Leben auch mal Frauenbeauftragter der Hansestadt Hamburg war.
Starke Frauen, das ist erst mal ein gutes Motto für ein Festival. Juliette Binoche, das ist auch ein starkes Pfund für den Teppich. Und Isabel Coixet, die spanische Regisseurin, ist ja so was wie eine Berlinale-Entdeckung, die hier mit „Mein Leben ohne mich“ und „Elegy“ erste Triumphe feierte. Aber leider stimmt so gar nichts an ihrem neuen Film: Nicht die Schneestürme, die ganz offensichtlich aus dem Computer generiert sind. Nicht die Geschichte, weil das Ehedrama um zehn Jahre umdatiert wurde, weil das dramaturgisch spannender scheint („inspiriert von wahren Figuren“, heißt es denn auch verschämt im Vorspann).
Man muss sich erst mal warm anziehen für diesen Auftakt. Immerhin passt das Wetter draußen gut zu den Bildern drinnen. Aber selten wurde ein Filmtitel so treffend gewählt: Diese Nacht will wirklich keiner.
Wiederholungen 6.2., 12 u. 19 Uhr; Cinemaxx 7 15.2., 13 Uhr




