Es wäre eigentlich seine vorletzte Berlinale. Aber dann wurde der Vertrag von Bären-Chef Dieter Kosslick noch mal bis 2019 verlängert. Das hat ihm ein paar bissige Kommentare eingebracht über Festivalchefs, die nicht abgehen können. Einmal war sogar vom „ewigen Kosslick“ die Rede. So weit muss man sicher nicht gehen, und im Vergleich zu anderen Festivals ist Kosslick auch noch eher einer der Jüngeren. Aber die Frage muss er sich schon gefallen lassen, und unter diesem Aspekt wird man sich auch die 65. Filmfestspiele, die er heute eröffnen wird, ansehen müssen: Wie gut kann Kosslick noch Berlinale?
Noch nie ist die Internationale Jury, die über die Bären entscheidet, so spät bekannt gegeben worden. Lange sah es auch so aus, als ob es keinen passenden Eröffnungsfilm gäbe. Will keiner mehr auf die Berlinale? Sicher, mit Terrence Malick kann das Festival einen Regisseur bieten, der kultisch verehrt wird. Und mit „Cinderella“ quietschbunte Unterhaltung bieten. Damit ist der Rahmen schon mal weit gesteckt.
Aber „Jupiter Ascending“, das neue Werk der „Matrix“-Macher, ging lieber nach Sundance und kommt jetzt während der Berlinale ins Kino, wie „Inherent Vice“ von Paul Thomas Anderson, dem Goldbären-Gewinner von 1999, der gar nicht erst einen Umweg über ein Festival machte. In Zeiten sofortiger Downloaderei und Videopiraterie werden Filmfestspiele, allem Teppich-Glamour zum Trotz, unattraktiver. Das geht nicht nur Kosslick so, darunter hat selbst Cannes, nach wie vor Nummer eins der Festivals, zu kämpfen. In Berlin kommt indes noch der vorgezogene Oscar hinzu, weshalb immer mehr Hollywoodgäste lieber zu Hause bleiben.
Kosslick kann Trümpfe aus dem Ärmel ziehen
Unter diesen verschärften Bedingungen muss Dieter Kosslick sein Festival behaupten. Doch trotz der späten Bekanntgabe konnte er so manche Trümpfe aus dem Ärmel ziehen. Mit drei deutschen Beiträgen im Wettbewerb und zwei Altmeistern des deutschen Films, Werner Herzog und Wim Wenders, obendrauf. Dazu ein Sadomasofilm, über den alle reden werden. Die Stars werden, wie es aussieht, auch wieder zahlreich über den Roten Teppich schreiten, wenngleich eher für kleinere Arthouse-Produktionen. Und dann öffnet sich die Berlinale in diesem Jahr auch dem Fernsehen: ein gewiefter Coup, um einen großen Konkurrenten mit ins Boot zu holen. Er kann es also noch, der Kosslick. Das Programm macht Lust auf elf Tage Festival und Ausnahmezustand. Jetzt müssen nur die Filme auch das halten, was die Namen versprechen.



