Filmfestspiele

Das sind die Höhepunkte der Berlinale 2015

441 Filme sind in diesem Jahr zu sehen. Das macht im Schnitt 40,1 pro Tag. Die wichtigste Frage ist deshalb: In welchen Film sollte man gehen? Wann lohnt sich überhaupt das ewige Schlangestehen?

Foto: Universal

Nur noch fünf Tage, dann beginnt die Berlinale. Da heißt es, letzte Vorbereitungen treffen. Schnell noch Vorrat für die nächsten zwei Wochen kaufen, alles erledigen, was nichts mit dem Filmfestival zu tun hat. Und rüsten für das Schlangestehen. Denn ab Montag beginnt der Kartenvorverkauf. Und einige Filme werden wieder heiß umkämpft sein.

441 Filme sind in diesem Jahr zu sehen. Das sind noch mal 32 Filme mehr als im Vorjahr. Das macht im Schnitt 40,1 Filme pro Tag. Ein Pensum, das natürlich keiner schaffen kann. Und bei dem man auch mal den Überblick verlieren kann. Die wichtigste Frage ist deshalb: In welchen Film sollte man gehen? Wann lohnt sich überhaupt das ewige Schlangestehen?

Unser Filmredakteur Peter Zander hat schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen. Das ist natürlich eine völlig subjektive Wahl. Es gibt Filme, die muss man einfach gesehen haben. Den neuen Malick, den neuen Wenders. Aber auch andere Beiträge sollten nicht im Dickicht der großen Namen und der zahllosen Sektionen untergehen. Eine Empfehlung in 20 Filmen.

Für starke Frauen

Nobody Wants the Night (Wettbewerb) Es wird eine Berlinale der starken Frauen, und das fängt schon beim Eröffnungsfilm von Isabel Coixet an. Übrigens erst der zweite Film von einer Frau, mit der je eine Berlinale eröffnet wurde. 1908 reist Juliette Binoche als Frau eines Polarforschers dem Gatten durchs eisige Grönland in ein Expeditionslager hinterher – nur um dort eine traurige Entdeckung zu machen. Da heißt es schon mal: Warm anziehen.

Queen of the Desert (Wettbewerb – außer Konkurrenz) Werner Herzog liebt von jeher extreme Landschaften und Reisen: Diesmal schickt er Nicole Kidman in die Wüste. Während das Osmanische Reich zerbricht, erforscht sie als Schriftstellerin Gertrude Bell die Region. Der weibliche Lawrence von Arabien. Und eine Vermittlerin zwischen Okzident und Orient: Das passt prima in die derzeitige aufgeheizte Lage zwischen Pegida und „Charlie Hebdo“.

Die abhandene Welt (Special) Margarethe von Trotta, erste Frau, die je die Berlinale eröffnete, hat es von jeher mit starken Frauen. Und erzählt gern von Schwestern wie in „Die bleierne Zeit“ und „Schwestern oder die Balance des Glücks“. In ihrem jüngsten Film muss Katja Riemann erkennen, dass sie eine unbekannte Schwester (Barbara Sukowa) hat. Und macht sich auf die Reise, um sie kennenzulernen.

Woman in Gold (Special Gala) Sie war schon Queen Elizabeth II. und Lady Thatcher. Diesmal ist Helen Mirren als Maria Altmann zu erleben, deren Familie vor den Nazis fliehen und ein wertvolles Klimt-Gemälde verkaufen musste. Jahrzehnte später kämpft sie um ihr Erbe und für die Gerechtigkeit – und geht bis vor das höchste Gericht der USA. Mit dabei im Kampf David gegen Goliath: Daniel Brühl, der auch in der Bären-Jury sitzt.

Für Hartgesottene

Elser (Wettbewerb – Außer Konkurrenz) Am 8. November 1938 plante Georg Elser in München einen Anschlag auf Adolf Hitler, der diesem nur durch Zufall entging. Der Fall wurde schon mal verfilmt, 1989 von Klaus Maria Brandauer, selbstredend mit sich in der Hauptrolle. Nun hat sich Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) an eine Neuversion gewagt. Dabei muss der junge Christian Friedel den Vergleich mit dem alten Hasen Brandauer aushalten.

Deutschland 83 (Special Series) Die Berlinale guckt fern. Hier werden nicht mehr länger nur Filme gezeigt, sondern von nun an auch neue TV-Serien vor ihrer Ausstrahlung. Ein Höhepunkt in dieser Reihe ist hier dieser ambitionierte Achtteiler über den Kalten Krieg in den Achtzigerjahren, der einmal drohte, ganz heiß zu werden – was ein junger, in den Westen eingeschleuster Ost-Spion verhindern will. Gemein: Das Ende wird man erst bei der Ausstrahlung erfahren.

Härte (Panorama) Wer hält den Rekord mit den meisten Berlinale-Beiträgen? Lothar Lambert oder Rosa von Praunheim? Letzterer erschüttert mit diesem Drama über einen Berliner Karate-Champion, der als Junge vom eigenen Vater misshandelt und von der Mutter Jahre lang sexuell missbraucht wird und später ein Leben in Verachtung und Brutalität lebt. Basierend auf der Autobiografie von Andreas Marquardt, eine Mischform aus Doku und Spielfilm, mit Hanno Koffler als jungem Marquardt.

Als wir träumten (Wettbewerb) Die Mauer ist offen, unendliche Freiräume tun sich auf. Ein paar Leipziger Jugendliche wollen daran teilhaben, indem sie einen Technoschuppen eröffnen. Dabei kommen ihnen aber lokale Neonazis in die Quere. Andreas Dresen hat den Roman von Clemens Meyer mit starken Nachwuchsdarstellern verfilmt. Nach all den Mauerfalljubiläen ein beklemmendes Drama über die Zeit kurz darauf.

Für Berliner

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin (Panorama Dokumente) Die Insel Berlin der 80er-Jahre hatte ihren eigenen Soundtrack. Der dürre Blixa Bargeld hat daran mitgewerkelt, und Nick Cave, der in seiner Altbauwohnung „Berlin Gothik“ sammelte. Auch der Brite Mark Reeder war Teil dieser Szene – und hat alles mitgefilmt! Jetzt sind die einmaligen Dokumente zu entdecken: eine wilde Mischung aus Musikfilm und Doku. Eine Liebeserklärung an die Stadt!

Victoria (Wettbewerb) Berlin, das muss man ja keinem sagen, ist Partyhauptstadt Nummer eins. Eine junge Spanierin tanzt sich durch die Clubs und lernt vier Kumpel kennen, die in der Nacht aber noch ganz andere Dinge vorhaben. Und das Mädchen soll ihnen bei einem krummen Ding helfen. Sebastian Schipper, einer von gleich fünf Regisseuren im diesjährigen Wettbewerb, inszeniert die lange Nacht als einzige Drama-Tour-de-Force.

Jahrgang ’45 (Berlinale Classics) Einen ungeschönten Blick auf das Leben junger Menschen im Ostberlin wollte Jürgen Böttcher zeigen. Doch so viel Authentizität kam bei den DDR-Oberen nicht an. „Jahrgang ’45“ war einer von 12 DEFA-Filmen, die 1965/66 verboten wurden. Erst 1990 wurde er uraufgeführt. Jetzt ist er restauriert wieder zu erleben. Nicht nur ein Zeitdokument, sondern auch ein wunderschöner Berlin-Film.

Dora oder Die sexuellen Ängste unserer Eltern (Panorama) Klingt nach deutschen „50 Shades“, ist aber Hardcore-Drama: Schaubühnenliebling Lars Eidinger in einer ultra fiesen Rolle als Mann, der ein geistig behindertes Mädchen verführt. Und deren Eltern können, sie ist ja 18, nichts dagegen tun. Auch dieser Berlinfilm handelt letztlich von starken Frauen: der Mutter – und dem Mädchen, das seine Sexualität entdeckt.

Für Liebhaber

Fifty Shades of Grey (Special Gala) Sex! Erotik! Skandal! Die Verfilmung des hartnäckigen Lust-Bestsellers ist der eine Film, den jeder sehen und über den jeder reden will. Ob die Fesselspiele am Ende wirklich so fesselnd sind und ob Dakota Fanning danach, wie prognostiziert, zum Superstar aufsteigen wird, muss sich aber erst noch erweisen. Wer keine Karten mehr kriegen sollte, kann aufatmen: Nur einen Tag nach der Premiere kommt er ganz regulär ins Kino.

45 Years (Wettbewerb) Eigentlich will ein reifes Ehepaar seinen 45. Hochzeitstag feiern. Aber da wird ein lange im Eis eingefrorener Leichnam einer alten Jugendliebe aufgefunden. Der Ehemann wird daraufhin immer stummer, was die Ehefrau zunehmend verunsichert. Ganz allmählich gerät ein lange eingespieltes Zusammenleben aus dem Takt. Ein Kammerspieldrama mit Tom Courtnay und Charlotte Rampling, der Berlinale-Jurypräsidentin aus dem Jahr 2006.

Ant Boy (Generation K+) Wer sagt denn, dass Comichelden immer nur erwachsen sein müssen. Dieser Emsenjunge ist eine Parodie auf Spiderman & Co., ein Jugendlicher mit Superkräften, wann immer er Süßigkeiten nascht. Zahnärzten gefällt das. Aber wogegen weder Schokolade noch Superkräfte helfen, sind Schmetterlinge im Bauch beim ersten Verliebtsein. Hübscher Kinderfilmspaß aus Dänemark.

Knight of Cups (Wettbewerb) Ein Mann und seine Frauen. Christian Bale als Erfolgsmann in Hollywood auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens und der echten Liebe. Terrence Malick ist wohl der scheueste Regisseur der Welt. Er kommt selten auf Festivals, und wenn, lässt er sich meist nicht sehen. Mal sehen, ob das diesmal anders wird. Zur Not müssen die Co-Stars Natalie Portman und Cate Blanchett reichen.

Für Nostalgiker

Mr. Holmes (Wettbewerb – außer Konkurrenz) Alle kennen Sherlock Holmes, aber was hat der Meisterdetektiv eigentlich gemacht, nachdem er in Rente ging? Regisseur Bill Condon betreibt hier wunderschöne Spekulation – und bereitet auch ein wenig Tolkien-Inzest: Ian McKellen, der ewige Gandalf, ist der alte Mr. Holmes, der in jung im Fernsehen bekanntlich von Benedict Cumberbatch gespielt wird, dem Drachen Smaug aus den „Hobbit“-Filmen. Cinderella (Wettbewerb – außer Konkurrenz) 1951, bei der allerersten Berlinale, gewann der Disney-Trickfilm „Cinderella“ einen Goldenen Bären. Jetzt hat, 64 Jahre später, Kenneth Branagh, die Aschenbrödelei neu verfilmt. Diesmal als Realfilm, mit Stars wie Cate Blanchett und Lily James. Wieder ist es ein Disney-Film. Aber kann der Shakespeare-Mime auch Märchen? Bombastische Bilder und Opulenz waren jedenfalls schon immer sein Ding.

Vom Winde verweht (Retrospektive) Eigentlich fanden wir Vivian Leigh als Scarlett O’Hara ja immer schon zickig. Warum sollte sich Clark Gable als Rhett Butler in sie verlieben? Aber die Bürgerkriegsszenen haben auch heute nichts von ihrer Wucht verloren, und im Kino, noch dazu frisch restauriert, wirken die alten Farben noch mal ganz neu. Hat jeder schon zigmal gesehen, kann man aber immer wieder gucken!

Die Angst des Torwarts beim Elfmeter (Hommage) In seinen ersten großen Film steckte Wim Wenders alles rein, was ihm wichtig war. Auch seine Lieblingssongs. Weil die Musiklizenzen aber ausliefen, durfte der Film Jahrzehnte nicht gezeigt werden. Nun hat Wenders die Lieder aufwendig neu einspielen lassen und den alten Film restauriert. Der blinde Fleck kann endlich aufgearbeitet und wiederentdeckt werden.