Literatur

Strafanzeige gegen „Stella“-Autor Takis Würger

Streit um Stella Goldschlag: Wegen Verunglimpfung der Protagonistin geht der Berliner Anwalt Karl Alich gegen Takis Würger vor.

Der Berliner Autor Takis Würger schrieb den Roman „Stella“.

Der Berliner Autor Takis Würger schrieb den Roman „Stella“.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Berlin. Der Berliner Schriftsteller und „Spiegel“-Journalist Takis Würger hat seinen Roman „Stella“ beim Hanser Verlag veröffentlicht und mit seiner handwerklich wie ethisch umstrittenen Geschichte über die jüdische Gestapo-Kollaborateurin Stella Goldschlag die Literaturkritik gespalten.

Jetzt kommt eine strafrechtliche Diskussion hinzu, denn der Berliner Anwalt Karl Alich wird am heutigen Donnerstag eine Strafanzeige „wegen des Verdachts der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ nach Paragraph 189 des Strafgesetzbuches bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin einreichen.

„Die Tathandlung besteht im Verunglimpfen des Andenkens der 1994 verstorbenen ,Stella‘ durch bewusst unwahre, unvollständige beziehungsweise verzerrende Tatsachenbehauptungen“, heißt es in der elfseitigen Strafanzeige, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Stella Goldschlag war 1922 in Berlin geboren worden. Die Wilmersdorfer Jüdin hatte unter schwerer Folter und unter Androhung der Deportation ihrer Eltern in den 40er-Jahren mit der Gestapo kollaboriert und als „Greiferin“ in Berlin untergetauchte Juden denunziert. Von 300 Fällen ist die Rede. 1994 beging sie Selbstmord, zuvor aber übertrug sie dem Historiker Ferdinand Kroh ihre publizistischen Persönlichkeitsrechte.

Seine Witwe Birgit Kroh hat jetzt den Anwalt beauftragt. „Stella ahnte bereits im Jahre 1990, dass ihre schweren Verfehlungen, ihre Verbrechen an ihren jüdischen Glaubensschwestern und Glaubensbrüder ausgeschlachtet werden und für antisemitische Parolen wie ,Juden verraten Juden‘ missbraucht werden könnten“, schreibt Karl Alich. Deshalb hatte sie ihre Geschichte dem Historiker anvertraut. Es ist eine vielschichtig-tragische Geschichte der Entmenschlichung, wie sie der Nationalsozialismus in seinem Mordwahn hervorgebracht hat.

Liebesgeschichte im Stil von Rosamunde Pilcher

„Wenn jedoch ein Nachkriegsdeutscher“, schreibt Alich, „zumal des Jahrgangs 1985, das Thema des Verrats von Juden an Juden im Auftrag der Gestapo zum Romanthema macht, dann ist nicht nur doppelte Vorsicht geboten, dann verlangt dies auch die erforderliche sittliche und moralische Reife und den unbedingten Respekt vor den Opfern des Holocaust.“

Würgers Roman erzählt zunächst nur eine fiktive Liebesgeschichte, die der Kudamm-Anwalt mit Rosamunde Pilcher vergleicht und im Sinne der künstlerischen Freiheit nicht weiter betrachtet. Aber die zwischendurch kursiv gedruckten Denunziationsfälle rund um Stella Goldschlag beschäftigen ihn. Der Romanautor verweist zu Beginn darauf, dass es sich „um Auszüge aus den Feststellungen eines sowjetischen Militärtribunals“ handelt. „Teile dieser Geschichte sind wahr.“

Im Buch finden sich 15 Auszüge, die in Zeugenaussagen darstellen, wie jemand verraten, verhaftet und überwiegend nach Auschwitz deportiert wurde. Die Schwärzung dieser Auszüge bei weiterem Verkauf hatte der Anwalt bereits vom Hanser Verlag gefordert. Der Autor habe „zu Werbezwecken“ das „Monster Stella“ erschaffen, so Alich. Dafür hat er auf das Militärtribunal von 1946 zurückgegriffen. Die Darstellung bleibe im Romanstoff weitgehend isoliert, sprich unreflektiert. Der Autor habe „die Ausführungen erkennbar deswegen eingefügt, um die Person der Stella zu schmähen und so eine größtmögliche Auflage zu erzielen“.

Vorwurf der ungenauen Quellenangaben

Zur Strategie von Juristen gehört es auch, Ungenauigkeiten bei der gegnerischen Partei offenzulegen. Alich wirft Würger vor, ungenaue Quellenangaben und eine falsche Jahresangabe zu machen und obendrein keine Kenntnis von den weiteren rechtsstaatlichen Prozessen, den dort erfolgten Zeugenaussagen und den Urteilen gegen Stella Goldschlag zu haben. Das belegt er ausführlich.

„Feststellungen eines sowjetischen Militärtribunals können in der heutigen Zeit nicht kommentarlos übernommen werden, da diese sowjetischen Militärtribunale Teil der stalinistischen Terrorjustiz waren, die eher Grundsätzen der Inquisition folgten, als rechtsstaatliche Grundsätze einhielten“.

Der juristische Vorstoß gegen den Roman „Stella“ ist ein weiterer spannender Fall, der sich zwischen künstlerischer Freiheit und Wahrung von Persönlichkeitsrechten bewegt. Die Liebesgeschichte, die eher an einen Filmplot erinnert, spart der Anwalt weitgehend aus. Er nennt sie eine „banale Romanze im Dritten Reich“.

Aber vielleicht sollte man auch diese Liebesgeschichte einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählen und danach fragen, wie Juden darin dargestellt werden. Es ist entlarvend. Der Autor muss sich schon fragen lassen, auf welches intellektuelle Milieu er in unseren Zeiten des wachsenden Antisemitismus eigentlich spekuliert?

Der Ich-Erzähler hat eine antisemitische Mutter

Der Ich-Erzähler Friedrich ist ein junger Schweizer, ein stiller Gutmensch mit unabhängigem Blick. Aber er hat eine leidenschaftlich antisemitische Mutter, der Vater verteidigt die dicke jüdische Köchin vor ihr und neigt selber später dem Islam zu. Friedrich kommt auch ins verrufene Berlin, weil er die Situation der Juden im Scheunenviertel verstehen will. In Berlin trifft er auf den zwielichtigen, charismatischen SS-Mann Tristan von Appen und das bildschöne Nacktmodell Kristin ohne Nachname. Kristin ist eine Verführerin, Friedrich verfällt ihr sexuell. Sie ist raffgierig, etwas unheimlich, klug und verschlagen. Später erfährt man: Das ist die Jüdin Stella. Diese literarische Darstellung „der schönen Jüdin“ bedient zweifellos gleich mehrere antisemitische Topoi.

Zwischendurch taucht ein Berliner Meister im Weltergewicht namens Noah auf, um Stella in der Kneipe vor einem stattlichen Kerl von der SS-Panzergrenadierdivision Wiking zu beschützen. „Der Mann war klein und blass“, so wird der Nachfahre der Schtetl-Juden im Roman beschrieben. Das Exotische an der Jüdin Stella ist übrigens, dass sie blond ist. Und damit an die Nazi-Schauspielerin Kristina Söderbaum erinnert. Wie sie macht auch Stella alles, um sich bei den Nazi-Mächtigen als Künstlerin zu profilieren. Aber da zieht der brave Schweizer den Schlussstrich und reist ab.

Dem Gesamtzusammenhang des Buches sei zu entnehmen, so der Anwalt, „dass der Autor keinen Versuch unternommen hat, das Thema ,Juden verraten Juden‘ literarisch zu verarbeiten“. Für Alich ist klar, dass Stella Goldschlag es nicht verdient hat, „mit ihrem menschlichen Elend noch posthum ausgebeutet zu werden“. Die Strafanzeige soll ein erster Schritt sein. Takis Würger wird am kommenden Montag im Pfefferberg-Theater an der Schönhauser Allee aus seinem Roman lesen. So zweifelhaft seine literarische Kolportage in moralischer Hinsicht ist, große Aufmerksamkeit wird ihm gewiss sein.

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