Kultur

Literaturzeitschrift "Sinn und Form" feiert Jubiläum

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Volker Blech
Die Berliner Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ ist erstmals im Januar 1949 erschienen. In der Akademie der Künste wurde jetzt das Jubiläum gefeiert.

Die Berliner Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ ist erstmals im Januar 1949 erschienen. In der Akademie der Künste wurde jetzt das Jubiläum gefeiert.

Foto: Florin Ristau

Die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ erscheint seit 70 Jahren. Was sie ausmacht und was die Macher für die Zukunft planen.

Wir sind in einem Zeitalter, in dem man auch die Jubiläen feiern muss, wie sie fallen. Selbst wenn es krumme Jahre sind. Das hat weniger mit Vergnügungssucht zu tun als mit der Selbstvergewisserung, dass es einen noch gibt. Die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ feierte in der Akademie der Künste am Dienstag ihr 70-jähriges Bestehen, ein altes Ehepaar würde bei dem Anlass seine „Gnadenhochzeit“ begehen.

Bei der Zeitschrift geht es zuerst um die Gnade einer kulturellen Tradition und wie man sie behüten kann. Die Anwesenden sind sich offenbar einig, gegen jedes laute Thesen­gehupe zu sein oder dagegen, dass am Beginn eines Textes stehen muss, wie viele Leseminuten zu veranschlagen sind.

Historiker Gustav Seibt kramt in seiner Festrede die Ausgabe „Sinn und Form“ vom Juli/August 1989 hervor. Die DDR ist bereits in Auflösung, wie wir aus der Rückbetrachtung wissen, der Mauerfall steht kurz bevor. Seibt verweist auf die Autoren, die auf dem Cover werben. Da finden sich Namen wie Norbert Elias, Gertrud Kolmar, Anna Achmatowa und auch Erich Honecker. Das Staatsoberhaupt ist nur mit einem Grußwort vertreten. Aber dennoch. Seibt sieht darin die „wichtigste Methode durchzukommen“. Man habe Überlebensfähigkeit bewiesen. Der Arbeiter-und-Bauern-Staat hat seiner Intelligenzija immer misstraut.

Der erste Chefredakteur sah sich Angriffen ausgesetzt

In der Sowjetischen Besatzungszone war „Sinn und Form“ 1949 gegründet worden. Der Dichter und spätere erste DDR-Kulturminister Johannes R. Becher konzipierte sie als Verständigungsort für Intellektuelle und als Vorzeigeorgan nach außen. Es war die Zeit, als man noch gesamtdeutsch argumentierte. Ein Hauch von Liberalität strömte aus den Heften. Die Literaturzeitschrift war kein Parteiorgan und unterlag keiner Vorzensur. Aber Seibt erinnert an die „nachträgliche Bewertung“. Er nennt sie „ein Scherbengericht“. Das konnte dazu führen, dass Redakteuren zum Teil Parteiverfahren angedroht wurden. Auch ein Verbot der Zeitschrift stand zur Diskussion.

Womit klar ist, dass die Literatur und ihre Protagonisten letztlich doch unter ständiger Beobachtung standen. Der Lyriker Peter Huchel sah sich als erster Chefredakteur immer wieder Angriffen ausgesetzt. 1962 gab er auf, die Stasi drangsalierte den gebürtigen Lichterfelder weiter, 1971 verließ er die DDR. Für Seibt war die Ära Huchel eine prägende Zeit für „Sinn und Form“, ebenso die Amtsjahre von Sebastian Kleinschmidt nach der Wiedervereinigung. Der Pfarrerssohn, der einem oppositionellen Zirkel angehört hatte, war in der Zeitschrift herangewachsen und führte sie ab 1991. Ein Epochenbruch. Es ging nicht mehr um die subtile Abstandswahrung zur Obrigkeit. Seibt beschreibt die neue Situation damit, dass die „Erfahrungsfülle des Ostens“ auf den Westen traf, und „es hätte ganz langweilig werden können“, aber man habe sich gegen einen Wessi an der Spitze entschieden.

Das Layout ist ein Klassiker

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wird Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff darüber reden, dass West-Berlin eine abgeschottete Enklave war und vieles einfach nicht zur Kenntnis genommen hat. Das nennt sie „dumm und beschränkt“. An „Sinn und Form“ findet sie bis heute „die Aufmachung grandios“.

Genau genommen hat sich von Anbeginn nicht viel verändert. Inzwischen werden auf dem Cover nicht nur die Autoren, sondern auch ihre Themen genannt. Chefredakteur Matthias Weichelt nennt das schlichte Layout einen „fast schon Designklassiker“. Bachmann-Preisträger Georg Klein entdeckt in den Heftkonzeptionen eine „Form von höherer Geselligkeit“. Die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot beschreibt Literatur eher als einen Rückzugsort.

Moderatorin Katharina Teutsch lässt nicht locker und will wissen, wie es weitergeht. Das ist der spannendste Teil des Abends. Drei Phasen werden besprochen. Zunächst brach die Phase der modischen Entspanntheit ein, dann traten die Verfechter der politischen Korrektheit auf den Plan. Eine zwiespältige Angelegenheit, weil es einerseits zu einem anständigen Umgang miteinander führen sollte, andererseits Tabubrüche, wovon die Künste leben, erschwert.

Wenn es um Likes und nicht mehr um Argumente geht

Als dritte Phase nennt die Moderatorin den numerischen Populismus. Im Internetzeitalter könne jeder alles öffentlich äußern. Wobei es bei der Meinungsbildung nicht mehr um den Austausch von Argumenten, sondern um die meisten Likes ginge. Seibt ist es, der diesen Populismus mit einem Aphorismus von Heiner Müller beiseiteschiebt: „Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.“

An diesem Abend wird immer wieder das Konzeptuelle der alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift beschworen. Ein bisschen Betriebsblindheit kann man den Autoren und Machern schon unterstellen, weil sie das wirklich Genussvolle selbst nicht benennen können. Denn wer sich auf „Sinn und Form“ einlässt, wird entdecken, dass es einer der letzten Orte ist, an dem unsere Sprache auf vielfältig berührende Weise behütet wird.

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