Buch "Stella"

Takis Würger hatte den Mut, sich Stella Goldschlag zu nähern

In seinem zweiten Roman widmet sich Takis Würger der historischen Figur der Stella Goldschlag – einer jüdischen Gestapo-Gehilfin.

Um den Roman "Stella" von Takis Würger gibt es große Diskussionen. Hier sitzt der Autor im Café  „Hallesches Haus“ in Kreuzberg. Er wurde 1985 geboren, arbeitet als  Journalist und lebt in Berlin.

Um den Roman "Stella" von Takis Würger gibt es große Diskussionen. Hier sitzt der Autor im Café „Hallesches Haus“ in Kreuzberg. Er wurde 1985 geboren, arbeitet als Journalist und lebt in Berlin.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Da liegt es nun wie eine düstere Verheißung, das Buch, auf dem Cover eine schwarz-weiße, maliziös lächelnde Figur – eine Zeichnung von Stella Kübler, geb. Goldschlag, Tochter des Komponisten Gerhard Goldschlag und einer Konzertsängerin namens Toni, Gestapo-Kollaborateurin. Während des Zweiten Weltkriegs war sie als „Greiferin“ tätig, so nennt man Juden, die für die Gestapo und zum Schutz ihrer eignen Familie, andere Juden verraten haben. Takis Würger, Bestsellerautor seines Debüts „Der Club“ (Kein & Aber, rund 90.000 verkaufte Exemplare) und „Spiegel“-Redakteur wagt sich an einen schweren Stoff, an eine vielleicht sogar größenwahnsinnige Aufgabe – er hat die wahre Geschichte der Stella Goldschlag fiktionalisiert aufgearbeitet.

Sein zweiter Roman „Stella“ (Hanser, 224 Seiten, 22 Euro) ist seit Freitag im Handel. Auf dem Werk liegen hohe Erwartungen – Hanser, der Münchener Verlag mit Dependance in Berlin kaufte das Buch als Spitzentitel seines Frühlingsprogramm 2019. Kurz vor seinem Erscheinen und dem der ersten Kritiken gibt sich der Autor noch äußerlich entspannt. Die Idee zum Roman, so erzählt er bei einem Kaffee im Halleschen Haus, sei ihm bei einem Gespräch mit einem Kumpel über das Musical „Cabaret“ gekommen. „Wir redeten darüber, dass Schönheit und Terror so nah beieinander liegen und er sagte: Das ist ja wie bei Stella Goldschlag“, erzählt Takis Würger. Ein Stück über ihre Geschichte lief zu dieser Zeit in Neuköllner Oper und wurde jüngst wieder aufgenommen. So habe er angefangen zu lesen, Unterlagen im Landesarchiv Berlin, Zeitungsartikel, Historientexte über das Dritte Reich.

Die Unmöglichkeit einer Liebe in schrecklichen Zeiten

Jede Warnung, die ein Literaturagent seinem Autor mitgeben würde, galt es sicherlich im Kopf dabei auszuschalten, die ungeschriebene Regel der Buchbranche, dass Stoffe wie das Dritte Reich, die Geschichte der BRD und der fragmentierten Sichtweisen auf die deutsche Geschichte, die Deutungshoheit darüber nur von hochkarätigen gereiften Autoren zu besetzen ist. Wer gegen die Regel verstößt – und als gutes Beispiel ist hier Bernhard Schlink mit dem Weltbestseller „Der Vorleser“ im Jahr 1995 zu nennen – wird von den Kritikern bösartig verrissen. Gut für Schlink, dass damals noch Harvey Weinstein seinen Mitarbeiter nach Deutschland schickte, um den Stoff für eine Hollywood-Verfilmung zu sichern. Und gut jetzt, für Würger, dass er kühn und leidenschaftlich schreibt, scheinbar ohne Dämonen zu kennen – am Ende bleibt Literatur immer ein Risikogeschäft für das Ego. Auch seinen Protagonisten stattet Würger mit Drang nach Abenteuer und einer leicht ins Depressive abrutschenden Leichtigkeit aus, mit der sich selbst gewappnet hat.

Friedrich, einen junger Schweizer vom Genfer See aus bestem Hause zieht es im Jahr 1942 in das vom Krieg geplagte Berlin. Ziellos, nur mit dem festen Vorsatz zu malen, zieht er in ein Berliner Luxushotel, er will die Welt sehen, weiß aber so vieles nicht und hat aus Naivität keine Angst. Dann lernt er Stella kennen, zunächst als Aktmodell an der Kunsthochschule, wenig später haben sie eine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht auf offener Straße, dann sieht er sie als Jazzsängerin in einem Untergrundclub wieder, als Lebefrau in Berliner Kneipen unter Soldaten, in seinem Bett, denn sie werden bald ein Paar. Das Leben ist ungestüm, überraschend und wild mit Stella, solange Friedrich nicht ihr Doppelleben kennt. Doch der Wendepunkt kommt schnell, als Stella eines Tages verschwindet und dann mit Spuren von Folter am Körper wieder vor seiner Hotelzimmertür steht. Die hochmütige Stella, die bislang als Opportunistin dieser Beziehung gezeichnet wurde, als die Frau im Leben Friedrichs, die auf seine Kosten im Hotel isst und Sekt trinkt, sie braucht ihn jetzt. „Ein Mensch wie Friedrich verfällt einer Frau wie Stella wohl aufgrund seiner Vorgeschichte“, sagt Takis Würger im Gespräch. „Und eine Frau wie Stella kann sich in Fritz verlieben, weil er standhaft ist und zu ihr hält.“

Die Liebesgeschichte zwischen Friedrich und Stella, sie bleibt dennoch unterkühlt und unfühlbar, obwohl man ahnt, dass hier der Zauber in der Auslassung stecken soll. Sex wird angedeutet, Intimitäten beschränken sich auf flüchtige Küsse und feste Umarmungen, aber sei’s drum. Denn ohnehin mitreißender erscheint in „Stella“ das schlafwandlerische Spazieren durch das Berlin der Dreißiger Jahre. In das Nicolai-Viertel, eine Soldaten-Kneipe an der Torstraße, wo Kornbrand getrunken wird, der Krieg, das Elend der Deportationen, der Nahrungsmittel- und Medikamentenknappheit zu jener Zeit scheint im Universum von Stella und Friedrich nicht existent, so schirmen sie sich gegen die Welt ab und schaffen ihre eigene.

Sicher ist es schwer, den Zauber, ja sogar die Sinnhaftigkeit einer Liebesgeschichte im Fiktionalen vor der düstersten historischen Kulisse zu halten. Vielleicht ist es aber das, was die Liebe, wenn es um das eigene Überleben geht, am Ende ist – nur eine Banalität.

Die wahre Stella Goldschlag wurde im Jahre 1946 durch ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) aufgrund ihrer Spitzeltätigkeit für die Gestapo zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Als sie nach der Haftentlassung nach West-Berlin zog und den Kontakt zu ihrer Tochter suchte, wendete diese sich jedoch von ihr ab. Stella Goldschlag war fünf Mal verheiratet, im Alter von 72 Jahren beginn sie in ihrer Freiburger Wohnung Selbstmord. Laut historischen Quellen schwankt die Angabe über die Zahl ihrer Opfer in den Nachkriegsprozessen zwischen 600 und 3000 Juden. Den Schrecken einer solchen Einzeltäterin abzubilden, selbst in fiktionalisierter Form, ist nicht möglich. Es ist aber erlaubt, sich diesem Stoff mit Mut zu nähern. Takis Würger hatte den Schneid, es zu tun.