Berlin - New York

Eine Berliner Außenseiterin ist für den Grammy nominiert

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Volker Blech
Die Berliner Pianistin Maria Lettberg ist für den Grammy in der Kategorie „Best Classical Instrumental Solo“ nominiert. Am Sonntag fällt in New York die Entscheidung

Die Berliner Pianistin Maria Lettberg ist für den Grammy in der Kategorie „Best Classical Instrumental Solo“ nominiert. Am Sonntag fällt in New York die Entscheidung

Foto: Anikka Bauer

Die Berliner Pianistin Maria Lettberg ist überraschend für den Grammy nominiert worden. Am Sonntag fällt in New York die Entscheidung

„Meine Plattenfirma Capriccio hat mir eine E-Mail geschickt. Ich dachte, das kann nicht stimmen, und habe online in die Nominiertenliste geguckt“, sagt die Berliner Pianistin Maria Lettberg. „Ich wusste immer, was der Grammy Award ist. Aber ich dachte, dafür müsste man lange im Geschäft und sehr etabliert sein. Es war wirklich eine Überraschung.“ Maria Lettberg ist in der Kategorie „Best Classical Instrumental Solo“ neben Weltklassemusikern wie Pianist Murray Perahia, Cellist Steven Isserlis oder Geiger Frank Peter Zimmermann nominiert.

Vorsorglich bereitet sie eine Dankesrede für New York vor

Ein weiterer Kandidat, Pianist Daniil Trifonov, spielt an diesem Sonnabend sein letztes Konzert bei den Philharmonikern und reist am Sonntag in seine Wahlheimat New York zurück. Am Abend findet dort im Madison Square Garden die Verleihung statt. Maria Lettberg ist bereits am Mittwoch mit ihrem Mann, einem Fotografen, abgereist. Eine kleine Rede will sie noch vorbereiten, sagt sie, damit es nicht so banal klingt, falls sie gewinnt. Irgendwie scheint sie bei der Zeremonie aber weniger an den Klassikkollegen interessiert zu sein als vielmehr an den Pop-Größen und den Veranstaltungen rundum. Dem vom TV-Konzern CBS übertragenen Grammy haftet viel Glamouröses an. Die Pianistin hat sich dafür ein neues Kleid gekauft, das sie auch bei unserem Treffen in der Berliner Bechstein-Repräsentanz an der Kantstraße vorführt. Ihr ist die Vorfreude und Aufgeregtheit anzumerken.

In Lettlands Hauptstadt Riga ist sie 1970 als Tochter eines Universitätsprofessors für russische Literatur und einer Mathematikerin geboren worden. Sich von ihr die familiären Wanderungsbewegungen durch Osteuropa erklären zu lassen, dauert lange. Der Nachname kommt aus dem Österreichischen, irgendwann sind sie in Lettland gelandet. „Meine Familie ist zum Ende der Sowjetzeiten nach Schweden ausgewandert. Mein Vater hatte politische Probleme bekommen, weil er Dinge schrieb, die den Mächtigen nicht gefielen“, sagt sie. „Ich fühle mich als Schwedin, weil ich dort aufgewachsen bin. Ich habe eher Probleme zu sagen, dass ich Russin bin, auch wenn ich in Petersburg studiert habe.“ Fünf Sprachen spricht sie quasi von Hause aus.

New York, London, Berlin? Sie entschied sich für Berlin

Sie galt als Wunderkind, bereits mit neun Jahren debütierte sie mit Beethovens Zweitem Klavierkonzert. Von der lettischen Musikeliteschule wechselte sie direkt ans St. Petersburger Konservatorium. „Irgendwann habe ich verstanden, dass ich mich in Schweden nicht weiterentwickeln konnte. Das Land ist einfach zu klein, um regelmäßig Konzerte zu spielen“, sagt sie. „Ich dachte, ich muss raus. Es gab für mich drei Möglichkeiten: New York, London oder Berlin.“ Sie entschied sich für Deutschland, weil es ein großes Land für die klassische Musik ist. „Als Schwedin konnte ich 2000 ohne Problem nach Berlin kommen und habe mir eine Wohnung gemietet.“ Zuerst wohnte sie an der Pestalozzistraße in Charlottenburg, jetzt lebt die 47-Jährige in Prenzlauer Berg.

Maximal 30 Konzerte spielt sie pro Jahr. „Wenn man mehr spielt, ist es nicht normal. Irgendwann hat man einfach keine Lust mehr. Aber natürlich ist man im Musikleben mehr präsent.“ Bis zu sechs Stunden übt sie täglich, die Nachbarn tragen es offenbar mit Fassung. „Einmal kam eine Nachbarin und fragte, ob ich die ganze Zeit CDs hören würde? Nein, sagte ich, ich spiele selbst. Das hat sie schon beeindruckt.“

Klavierwettbewerbe vergleicht sie mit Pferderennen

Dass sie beim Grammy eine unbekannte Außenseiterin ist, weiß sie. „Das erklärt sich aus meiner Programmwahl und dem, was ich bisher nicht gemacht habe: Wettbewerbe. Die empfinde ich wie ein Pferderennen. Es ist auch keine Garantie für eine Karriere. Ich versuche, vielleicht ist das eine Dummheit, andere Wege auszuprobieren. Ich habe lieber eine Gesamtaufnahme von Alexander Skrjabin eingespielt.“ Darüber hinaus hat die Akademikertochter vor zehn Jahren über ein Skrjabin-Thema an der Sibelius-Akademie in Helsinki promoviert. „Ich habe nie probiert, in den Mainstream zu kommen. Ich sehe mich auch als Person nicht im Mainstream. Ich möchte meinen Weg gehen und meine Projekte auswählen.“

Nominiert wurde Maria Lettberg für die Einspielung der beiden Klavierkonzerte von Zara Levina mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. „Sie ist wirklich eine Entdeckung. Ich habe sie ausgegraben, obwohl sie in Russland nicht ganz unbekannt ist“, sagt die Pianistin über die Komponistin. „Es ist so eine kraftvolle, ehrliche Musik. Ich dachte, ich muss sie unbedingt spielen.“ Eine zweite Levina-CD ist gerade in Vorbereitung.

Brahms ist ihr Lieblingskomponist

Ansonsten habe sie ein normales Standardrepertoire, betont sie: „Brahms ist mein Lieblingskomponist. Brahms ist die deutsche Seele.“ Wie alle Virtuosen hat auch sie kleine Tricks, um herauszufinden, ob ein Stück wirklich gut sitzt. „Wegen der Nachbarn im Haus kann ich leider nicht immer nachts aufstehen und im Halbschlaf spielen. Aber ich stelle meine Uhr auf 7 Uhr morgens und spiele sofort ohne Kaffee“, sagt sie. „Möglich ist es auch, sich einen anzutrinken. Pianisten können eigentlich keinen Alkohol trinken, weil die Koordination sofort nicht mehr funktioniert.“