Kinderoper

Wenn Schneewittchen auf 77 Zwerge trifft

Die Komische Oper zeigt Elena Kats-Chernins Kinderoper „Schneewittchen und die 77 Zwerge“als Zirkusnummer. Das Publikum jubelt.

Alma Sade (Schneewittchen) und Adrian Strooper (Prinz) sowie der Kinderchor der Komischen Oper als Zwerge an der Komischen Oper in der Kinderoper „Schneewittchen und die 77 Zwerge“

Alma Sade (Schneewittchen) und Adrian Strooper (Prinz) sowie der Kinderchor der Komischen Oper als Zwerge an der Komischen Oper in der Kinderoper „Schneewittchen und die 77 Zwerge“

Foto: Britta Pedersen / dpa

Ein Zauberkaninchen im Clownskostüm, das leidenschaftlich gerne steppt. Eine kunterbunte Horde Hippiezwerge, die zu esoterischen Sonnenanbetern mutieren. Und nicht zuletzt ein rastalockiger Prinz, der seine plötzlich Geliebte mit schlagerverdächtigen Reimen zum Heiraten animiert: Eine Überraschung jagt die nächste in Elena Kats-Chernins Kinderoper „Schneewittchen und die 77 Zwerge“. Nicht nur das Märchenpersonal ist reichhaltig aufgestockt. Auch der Schluss ist ein ganz anderer: Prinz Maximilian, Schneewittchens Held und Lebensretter, hat erst vor kurzem den Großteil des königlichen Erbes seinen Untertan geschenkt. Nun möchte er sich einen langgehegten Lebenstraum erfüllen: die Gründung des Zauberzirkus „Wundersam“.

Und dies scheint nach allem spektakulären Bühnengeschehen nur konsequent zu sein. Denn Regisseur Christian von Götz betreibt bei dieser Premiere an der Komischen Oper bereits von Anfang an eine Art Zauberzirkus, bei der nicht nur die kleinsten Zuschauer aus dem Staunen kaum herauskommen. Da ist beispielsweise die schönheitswahnsinnige Königin, die sich zunächst mit beulender Haarpracht wie ein Alien aus der berühmten H. R. Giger-Werkstatt ausnimmt und beim Versuch, in Schneewittchens Zwergenversteck einzudringen, in immer Slapstick-artigere Rollen rutscht. Und da ist ihr dauerschläfriger Spiegel, dem die Königin Fußtritte verabreichen muss, wenn sie mal wieder hören möchte, wer die Schönste im ganzen Land ist.

Schneewittchen ist zum Schönschreiben verdonnert

Fast normal dagegen Schneewittchen – ein selbstbewusstes Mädchen in zunächst rosa Outfit, das von ihrer Stiefmutter zum Schönschreiben gezwungen wird, während sie viel lieber die Wände ihres Kinderzimmers mit Farbpinseln verziert. Ein Chefkoch mit französischem Akzent treibt ihr ein weißes Zauberkaninchen mit Namen Richard III. zur Tür hinein, mit dem Schneewittchen schließlich vor der Königin flüchtet. Genauer nachdenken sollte man darüber allerdings nicht: darüber, warum die Königin sie ausgerechnet zum Schönschreiben zwingt, sie für ihr Schönsein dann aber mit dem Tod bestrafen möchte. Auch die Schlussidee des Zirkus als Ort von Friede, Freude und Freiheit zeigt vor allem: Es ist und bleibt alles natürlich ein Märchen.

Ebenso märchenhaft klingt Kats-Chernins Musik zum Libretto von Susanne Felicitas Wolf. Der usbekisch-australischen Komponistin, Jahrgang 1957, gelingt eine kurzweilig bezaubernde

Mischung aus Klassik, Musical und Pop, Zeichentrickfilmmusik und Schlager. Im Orchester der Komischen Oper spielen auch Saxophone, Akkordeon und Zimbalon mit. Sie verleihen der Partitur eine zuweilen exotische Färbung. Nach den Jubelstürmen der kleinsten Zuhörer zu urteilen – die Märchenoper ist ab 6 Jahren empfohlen – sind an diesem Abend Schneewittchen und das Kaninchen die weitaus beliebtesten Figuren. Alma Sadés schlanker lyrischer Opernsopran steht im interessanten Kontrast zum fokusierten Gesang des Musicalspezialisten Dirk Johnston, der sein Clown-Kaninchen auch mit allerlei artistischen Kniffen ausstattet. Erstaunlicherweise steht die böse Königin in der kindlichen Publikumsgunst noch vor dem Prinzen Maximilian. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie auf der erfindungsreichen Jagd nach Schneewittchen ein paar Pluspunkte sammeln kann – versuchsweise als Zwergenburger-Lieferantin, als Spendensammlerin der Aktion „Wildwald-Hilfe – Tiere in Not“ und als Vertreterin praktischer Haushaltsgeräte – mit einem riesigen eierförmigen Küchenhelfer, aus dem sie Torten und bunte Tücher zaubert. Der Kinderchor der Komischen Oper mimt und singt derweil die üppig multiplizierte Zwergenschar. Sie wohnt in einem Berg in einer Art Hippiekommune. Ihre extralangen Zwergenfüße erinnern an diejenigen der Hobbits, ihre bunten Brillen und Kleider an die Flower Power-Generation. Bei entsprechend schummriger Beleuchtung stellt sich zuweilen sogar ein bisschen Halloween-Partygrusel ein. Die Inneneinrichtung der Zwergenstube wird vom Publikum begeistert beklatscht. In der Tat scheint dies der Traum eines jeden Kindes zu sein: Ein Abenteuerspielplatz als Wohn- und Schlaflandschaft, inklusive zwei Rutschen, eine Hängematte und eine Vielzahl bunter Gegenstände zum Spielen und Spaßhaben.

Bassbariton Carsten Sabrowski verkörpert nicht nur Chefkoch Meier, der das weiße Kaninchen für die Königin fangen und braten möchte. Er spielt auch Jägermeister Müller, der Schneewittchen wenig später im Wald erschießen soll und es dann doch nicht übers Herz bringt. Ja mehr noch: Er gerät in so heftige Gewissenskonflikte, macht sich so starke Vorwürfe, dass Schneewittchen und das Kaninchen ihn trösten und mit Komplimenten über seinen guten Charakter aufheitern müssen.

Gefängnisaufenthalt mit kalorienreicher Zwangsernährung

Tenor Adrian Strooper schenkt dem Prinzen Maximilian ein so verführerisch sonniges Timbre, dass sogar die böse Königin kurzzeitig seinem Charme erliegt. Er schafft es gar, dass sie sich an die Hochzeitstafel setzt – sehr zur Überraschung von Schneewittchen. Doch dann platzen wieder Eifersucht und Neid aus der Königin hervor. Mezzosopranistin Susanne Kreusch spielt furios auf an diesem Abend, speit Gift und Galle, zetert und schwefelt, dass die Luft zu stinken beginnt. Die Strafe für die Königin im Schlankheits-, Schönheits- und Fitnesswahn: ein langer Gefängnisaufenthalt mit betont kalorienreicher Zwangsernährung, darunter Torte und Schokoladeneis auf Empfehlung von Richard, dem Kaninchen – sehr zum Vergnügen des jungen Publikums.

Und das fiebert an diesem Abend spürbar mit, ruft lauthals Ja und Nein, wenn Schneewittchen sich fragend an die Zuschauer wendet. Doch als Schneewittchen in Begriff ist, in den vergifteten Apfel zu beißen, da können sie noch so laut schreien. Schneewittchen stellt sich taub – und das Happy End mit Prinz und Zauberzirkus kann kommen. Getreu nach der Devise „Es geht noch mehr“ lässt Regisseur Christian von Götz bis zum letzten Schluss die Ideen sprudeln. Dass im silbrigen Konfettiregen dann auch noch das knuffige Einhorn Agathe, Prinz Maximilians Lieblingspferd, seine Hufe in der tanzenden Menge mitschwingt – das wirkt da schon fast logisch.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400 Termine: 8., 9., 12., 22., 30.11.