Aus den Augen, aus dem Sinn: Es gibt sie leider immer wieder, die großartigen Dirigenten, die zu Lebzeiten so viel geleistet haben und dann doch recht schnell wieder vergessen wurden. Wer zum Beispiel erinnert sich noch an Antal Doráti, Rafael Kubelík oder Klaus Tennstedt?

Auch dem deutsch-spanischen Rafael Frühbeck de Burgos droht ein ähnliches Schicksal bevorzustehen. In den Jahren 1992 bis 1997 war er Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, von 1994 bis 2000 leitete er auch das Rundfunk-Sinfonieorchester. Ein Mann, der das Berliner Musikleben der frühen Nachwendezeit entscheidend mitgeprägt hat. Im Februar 2012 gastierte Frühbeck de Burgos ein letztes Mal beim RSB; nach schwerer Krankheit verstarb er im Juni 2014. Das Rundfunk-Sinfonieorchester hat ihm nun einen Konzertabend gewidmet. Es ist eine Erinnerung an die letzte musikalische Begegnung mit seinem ehemaligen Chefdirigenten. Damals wie heute stehen Frühbecks Orchesterfassungen von Albéniz’ Klavierzyklus „Suite espagnole“ und Bartóks Violakonzert auf dem Programm. Aus gegebenem Anlass weicht Rimsky-Korsakows „Scheherazade“ der „Pathétique“ von Tschaikowsky – jenem Werk, in dem der manisch-depressive Komponist seine Visionen vom eigenen Tod in Töne kleidet. Obwohl der Engländer Karel Mark Chichon am Dirigierpult des RSB steht, meint man den ganzen Abend über Marek Janowskis Klangästhetik zu vernehmen.

Die Musiker präsentieren sich in Tschaikowskys Sechster bodenständig selbstbewusst. Mit erdigen Streichern und supersolidem Bassfundament, mit tiefdunklen Holzbläsern und muskulösen Blechbläsern. Nach eher nüchternem Beginn dreht das RSB in der Durchführung des Kopfsatzes gewaltig auf. Das Orchester spielt das Publikum schwindelig. Es entfacht höllische Feuersbrünste. Die folgenden Sätze wirken danach wie verbrannt und vergiftet. Für lächelnde Träumereien scheint im 5/4-Walzer keine Zeit mehr.

Viel netter wirken die Musiker zuvor in drei Sätzen aus Albéniz’ „Suite espagnole“. Frühbeck de Burgos hat die originalen Klavierstücke für großes romantisches Orchester bearbeitet. Er schenkt den Holzbläsern eine Fülle verführerischer Soli, bietet den Streichern viel Platz zum Schwelgen. Stark kontrastiert danach Bartóks Violakonzert. Das Orchester schwenkt plötzlich auf nüchterne Begleitung um, Solistin Tabea Zimmermann steht unangefochten im Zentrum. Ihr Bartók klingt herb und ernst, beschäftigt eher den Verstand als das Herz.

Felix Stephan