Konzert-Kritik

Eine Verbundenheit mit dem Publikum, die lange anhält

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Felix Stephan

Tugan Sokhiev eröffnet seine Abschiedssaison beim DSO

Klares Wasser, entspannter Wellengang: Mit einer unspektakulären „Hebriden“-Ouvertüre von Mendelssohn eröffnet Tugan Sokhiev seine Abschiedssaisons beim DSO. Betont nobel abgeklärt wirken seine sparsamen musikalischen Anweisungen. Das Orchester antwortet routiniert und sachlich. Den Streichern scheint Sokhiev seine größte Aufmerksamkeit zu schenken, die Bläser sind eher auf sich allein gestellt. Erst beim betörend intimen Klarinetten-Duo im letzten Drittel der Tondichtung weitet sich Sokhievs Blickfeld. Plötzlich ist er da, der Zauber. Plötzlich macht es sich bemerkbar, das Gefühl von Großzügigkeit und Erhabenheit.

Die scheinbare Leichtigkeit, mit der Mendelssohn in diesem Werk Programmmusik und logische Form miteinander verschmilzt, hat einst Brahms zu einem überschwänglichen Lob hingerissen: „Alle meine Werke gäbe ich her, wenn ich eine Ouvertüre wie ‚Die Hebriden‘ von Mendelssohn hätte schreiben können“, gestand er 1874. Brahms selbst stand damals in einer Schaffenskrise: Nach jahrzehntelangem Ringen plagte ihn seine erste Sinfonie noch immer.

Bei Sokhiev und dem DSO ist vom jenem Ringen nicht viel zu spüren. Gradlinig und kompakt klingen die Musiker unter ihrem Noch-Chefdirigenten in dieser c-Moll-Sinfonie von Brahms. Sokhiev geht es nicht um tiefschürfende Neuerkenntnisse, sondern um eine bündige Darstellung von Altbekanntem. Das Resultat ist eine auf Konsens zielende Interpretation, bei der sich das Orchester von seiner besten Seite zeigen kann – und romantische Expressivität mit klassizistischer Kühle unnachahmlich paart.

In Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 dagegen, ebenfalls in c-Moll, wirken die Musiker des DSO unschlüssig: Sollen sie sich auf den sanften Konversationston der Solistin einlassen? Oder sollen sie ihr sauber geordnetes Beethoven-Spiel der Orchesterexposition fortsetzen? Pianistin Elisabeth Leonskaja lässt das Allegro con brio des Kopfsatzes auf intimer Flamme glühen. Die 69-jährige Georgierin findet poetische Zwischentöne, rundet ihren singenden mezzoforte-Klang durch jenes Gewichtsspiel ab, das deutlich in der russischen Klaviertradition steht.

Es ist ein Beethoven, dem die c-Moll-Tragik fehlt, der dafür aber andere Vorzüge hat: kammermusikalische Wärme und ehrliche Hingabe. Ungewöhnlich mild fließt Leonskaja das finale Rondo aus den Fingern. Romantische Schubert-Weiten klingen im langsamen Satz an. Leonskajas Zugabe passt unter diesen Umständen bestens: Schuberts Andante aus der „kleinen“ A-Dur-Sonate D 664. Unter ihren tastenschmeichelnden Händen klingt der Satz wie eine heilige Kostbarkeit – und erzeugt zugleich eine Verbundenheit mit dem Publikum, die noch lange nachwirkt.

( Felix Stephan )