Ein seltener Luxus ist dieser Tage in der Philharmonie zu erleben. Gleich fünfmal steht Richard Strauss’ Alpensinfonie auf dem Programm – von Montag bis Freitag, mit drei unterschiedlichen Spitzenorchestern und drei Weltklassediri­genten. Der Grund: Am 28. Oktober jährt sich die Berliner Uraufführung dieser gigantischen Tondichtung zum hundertsten Mal.

Gustavo Dudamel und die Staatskapelle läuten das Alpensinfonie-Jubiläum nun mit zügiger Wucht ein. Der 34-jährige Venezolaner schmiedet gleißende hohe Streicher und schlanke Celli zusammen. Die Kontrabässe halten sich zumeist im Hintergrund. Für Dunkelheit und Tiefe sorgen muskulöse Blechbläser. Dudamel treibt den Klangkörper ohne Umwege auf die Bergspitze. Der Dirigent wirkt wie ein Anführer mit engem Zeitplan. Er ist dem Orchester mit seinen Gedanken stets ein paar Schritte voraus. Plötzliche Farb- und Szenenwechsel unterwirft er einem stringenten Ablauf, trickreiche Instrumentationsdetails gehen im dichten Gesamtklang auf. Erst beim Abstieg gönnt Dudamel den 140 Musikern wirkliche Atempausen. Doch auch das nicht ohne Hintergedanken: Sie sollen maximale Kraft für das noch anstehende Gewitter sammeln – für ein Horror-Unwetter von apokalyptischen Ausmaßen. Dudamel ist hier absolut in seinem Element. Sein Körper lebt diese Musik von innen heraus, er zuckt und zappelt, schäumt und tobt. Und das Orchester tobt mit.

Keine Frage: Dies ist der Höhepunkt des Abends. Die erste Konzerthälfte wirkt dagegen vergleichsweise harmlos. In Haydns Sinfonie Nr. 103 pflegt Dudamel gutbürgerliche Konventionen. Es ist ein netter, gemütlicher Haydn. Zu selbstverständlich musiziert, um zu überraschen. Noch vor Kurzem hatte der Italiener Giovanni Antonini mit den Philharmonikern eine vollkommen andere „Paukenwirbel“-Sinfonie Nr. 103 präsentiert: gnadenlos düster, geräuschhaft, spektakulär. Man meinte, einer Uraufführung beizuwohnen. Dudamel dagegen lädt sein Publikum ins Museum ein. Er bietet einen Haydn hinter Glas. Mit gediegenen Mischklängen, die an die 80er-Jahre erinnern – an jene Zeit, als große Sinfonieorchester die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis noch nicht wirklich wahrnahmen.

Mit Weberns Passacaglia op. 1 dagegen scheint Dudamel direkt an Daniel Barenboim anzuknüpfen. Erst vor wenigen Wochen hatte der Maestro einen kompletten Arnold-Schönberg-Abend von der Staatskapelle gefordert. Er rückte damals den Erfinder der Zwölftontechnik in die Nähe von Mahler und Strauss, setzte auf Klangschönheit und zusammenfassende Gesten – und brachte Schönberg so einem breiten Publikum nahe. Dudamel macht es nun ganz ähnlich mit Schönbergs Schüler Webern. Er setzt auf offensive Sinnlichkeit, zwingt Disparates unter große Bögen. Und erzeugt auf diese Art in Weberns Passacaglia eine ganz unerwartete Kurzweiligkeit.

Felix Stephan