Kino

Er kann es noch: Wolfgang Becker meldet sich zurück

12 Jahre nach „Good Bye, Lenin!“ endlich ein neuer Film des Regisseurs: „Ich und Kaminski“. Daniel Brühl überrascht als Kotzbrocken.

Täter/Opfer oder doch zwei einsame Seelen, die sich finden: Daniel Brühl als Zöllner, Jesper Christensen als Kaminski

Täter/Opfer oder doch zwei einsame Seelen, die sich finden: Daniel Brühl als Zöllner, Jesper Christensen als Kaminski

Foto: Gordon Timpen/X-Verleih

Im Bikini-Haus Berlin im ersten Stock, gleich über Kaiser’s, ist sie zu sehen: die „Kaminski Retrospektive“. Große, pastöse Ölgemälde wie „Der Tod am fahlen Meer“ nebst Vorstudien. Die nie gezeigte „Blind Serie“ des erblindeten Malers, die den Verlust des Augenlichts thematisiert.

Daneben hängen Fotografien, die den Maler neben anderen Größen wie Strawinsky, Matisse und Warhol zeigen. Diverse Bücher und Kataloge über Kaminski. Ein Porträt von Man Ray. Eine Postkarte von Picasso. Und eine Vita, die das gesamte Leben des Künstlers (1909–1995) rekapituliert. Und die meisten, die sich hier zufällig verirren, dürften das alles für bare Münze nehmen.

Ein solches Ekelpaket hat Daniel Brühl noch nie gespielt

Ist es aber nicht. Ist alles ein Streich von Wolfgang Becker, der seinen neuen Film „Ich und Kaminski“ über die Kinoleinwand hinaus weiterführt. In der Verfilmung des Daniel-Kehlmann-Romans geht es um einen fiktiven Künstler namens Manuel Kaminski, und in den ersten Filmminuten erzählt Becker dessen Lebensstationen mit lauter gefälschten Bildern, in denen er, irgendwo zwischen Woody Allens „Zelig“ und „Forrest Gump“, einen Schauspieler zwischen all die historischen Größen schummelt.

Bis sich das alles als Wunschtraum erweist. Wunschtraum eines schmierigen, eitlen, arroganten Journalisten, der mit der ersten Biografie über den halb vergessenen Maler endlich zu Ruhm kommen will.

Dieser Unsympath Sebastian Zöllner, der im Titel so unhöflich das „Ich“ vor den „Kaminski“ stellt, wird gespielt von Daniel Brühl. Und das ist die erste Sensation des Films. Denn eigentlich spielt Daniel Brühl nicht mehr in deutschen Filmen mit.

Weil er im hiesigen Kino seit dem Erfolgshit „Good Bye, Lenin!“, also immerhin schon seit einem Jahrdutzend, auf den lieben Bubi von nebenan, auf Schwiegermuttis Traum reduziert wird. Jetzt aber kehrt er zurück mit einer echten Arschlochrolle, die Antithese zu all dem, was den Castern hierzulande gemeinhin so zu ihm einfällt.

Seit einem Jahrdutzend ohne Film

Brühl gibt ein wahres Ekelpaket, ewig verschwitzt und mit fettigen Haaren ist er schon rein äußerlich eine Zumutung. Er hält sich aber für den Größten und lässt keinen Fettnapf aus, um das zu beweisen. Der Schmierenjournalist macht sich nicht nur auf linke Art an diesen Maler heran, er tut alles, wirklich alles, um an exklusives Material zu kommen. Auch wenn man dafür den Künstler entführen muss.

Der ihn das spielen lässt, ist aber Wolfgang Becker , und das ist die zweite Sensation des Films. Eben jener Regisseur, der Brühl die Chose mit „Lenin!“ überhaupt erst eingebrockt hat. Und der ganz offensichtlich der Einzige in Deutschland ist, der ihn auch ganz anders sieht. Und den Mut hat, ihn gegen den Strich zu besetzen.

Auch für Becker war „Lenin!“ Fluch und Segen zugleich. Doch während Brühl auch im Ausland zum Star geworden ist, hat Becker seit „Lenin!“ keinen Langfilm mehr gedreht. Seit zwölf Jahren ist er der Mann, der „Lenin!“ drehte. Seit zwölf Jahren wird er daran gemessen.

Und natürlich haben nun, wenn „Ich und Kaminski“ am heutigen Dienstag seine Berlin-Premiere feiert und am Donnerstag ins Kino kommt, alle ganz große Erwartungen. Denn Becker hat ja gleich zwei Werke gedreht, die man mit einigem historischen Abstand fast epochal bezeichnen könnte: Erst „Das Leben ist eine Baustelle“, ein Film, der die Republik im Umbruch zeigte („Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära“, so wurde er damals beworben) und mit dem auch ein heilsamer Ruck durch das damals recht trutschige deutsche Kino ging. Und dann „Lenin!“, die Komödie zur Wiedervereinigung und Ostalgie, über die nicht nur die alten und neuen Bundesländer, sondern ganz Europa lachen konnte.

Ein großer Diskurs über Bilder und übers Filmemachen

Zwölf Jahre hat Becker auf einen neuen Film warten lassen. Man darf da schon ein wenig im Kaffeesatz lesen, ob der Meister selbst von seinem eigenen Erfolg überrascht, überfordert, wenn nicht gar gelähmt war. Und die Frage, die sich aufdrängt, ob er einen neuen „Lenin!“ gedreht hat, darf man mit Fug und Recht verneinen: Nein, hat er nicht. Und er hat klug daran getan.

Statt noch einmal eine große Kinometapher aufs eigene Land anzulegen, hat er sich auf das vermeintlich einfachere Terrain einer Literaturverfilmung begeben. Wobei ja Isabel Kleefeld und Detlev Buck mit ihren Adaptionen von „Ruhm“ und „Die Vermessung der Welt“ leider ziemlich deutlich bewiesen haben, dass es doch gar nicht so leicht ist, Daniel Kehlmann zu verfilmen. Beide Werke sind an der Kasse recht empfindlich gefloppt. Und nun kommt Wolfgang Becker und zeigt, dass es doch geht. Dass es sogar hervorragend geht.

Becker ruht sich nicht aus in Kehlmanns Welt, stellt sie nicht nur nach. Sondern kreiert sie sich neu, mit vielen kleinen, höchst eigenen, immer wieder überraschenden Einfällen. Wie die Fake-Doku zu Beginn oder Filmbilder, die zu Gemälden werden, und umgekehrt.

Er hat „Kaminski“ mit heimischen und internationalen Stars besetzt, den grantigen Maler mit dem Dänen Jesper Christensen und die alte, verlorene Liebe, mit der ihn der Journalist konfrontiert, mit Geraldine Chaplin.

Wolfgang Becker kann es immer noch

Vor allem aber hat Becker einen Film über Bilder gemacht. Über die, die man von sich selbst hat, und die, wie man tatsächlich wirkt. Das trifft ganz klar auf den Brühl’schen Antagonisten Zöllner zu. Aber auch der Maler hat noch ein paar Bilder im Keller, die die Welt noch nicht gesehen hat.

Und auf der langen Reise werden aus dem Täter und seinem Opfer plötzlich zwei Gleichgesinnte, zwei Verlorene ohne Freunde. Und plötzlich fühlt man doch mit diesem Brühl’schen Ekelpaket.

Einmal philosophiert der Maler darüber, dass wir alle falsche Bilder von uns haben. Damit ist Wolfgang Becker auch bei seinem eigenen Metier angelangt. „Ich und Kaminski“ ist auch ein Diskurs übers Bilder- und Filmemachen. Und wie der greise Maler, der seit Jahrzehnten nicht mehr gemalt hat, scheint sich auch der Regisseur mit der Zwangspause kritisch zu beäugen, zu hinterfragen, ob er „es“ noch kann. Er kann es noch, und wie. Das beweist sein neuer Film – trotz einigen Längen in der Mitte – meisterhaft.