First Steps

Um diesen Film-Nachwuchs muss man sich nicht sorgen

An diesem Montag wird wieder der First Steps Award verliehen. Die Filmemacher zeigen sich mutig und radikal. Nur der Moderator bangt.

Nominiert in der Kategorie Kurzfilm: „Sadakat“ von dem Berliner Regisseur Ilker Çatak, der kommenden Donnerstag dafür auch einen Studenten-Oscar erhalten wird

Nominiert in der Kategorie Kurzfilm: „Sadakat“ von dem Berliner Regisseur Ilker Çatak, der kommenden Donnerstag dafür auch einen Studenten-Oscar erhalten wird

Foto: PZander@wmg.loc / First Steps

Trügerische Idylle. Ein junges Paar erwacht am Morgen. Mildes Licht dringt von außen herein. Die Frau und der Mann necken und liebkosen sich. Plötzlich ist von ferne das Sirren von Raketen zu hören. Das ignorieren sie noch. Aber dann gibt es Schüsse in unmittelbarer Nähe. Sie spicken durch die Jalousie. Sehen zerschossene Hausfassaden. Und Nachbarn, die versuchen, sich Essen zu besorgen.

Dann peitschen die Schüsse auch ins Schlafzimmer. Der Mann liegt blutend am Boden. Harter Schnitt: Die Frau spickt in einem Wagen durch einen Schlitz nach draußen. Auf eine Stadt in Ruinen. Noch ein Schnitt, und sie steigt in Berlin aus einer S-Bahn. Da sind im Film gerade einmal zehn Minuten vergangen. Und doch haben wir schon ein ganzes Flüchtlingsdrama erlebt.

After Spring Comes Fall“ ist jetzt, da Zigtausende Flüchtlinge in den Westen drängen, der Film zur Stunde. Falls wirklich noch jemand ernsthaft fragen sollte, warum all diese Menschen aus ihrem Ländern fliehen, der muss sich nur Daniel Carsentys mutiges Drama anschauen. Das müssten sich dann allerdings auch die Flüchtlinge ansehen.

Denn der Horror ist im Westen noch nicht zu Ende. Die junge Syrerin, die aus Damaskus flieht, um als Illegale Geld für die Behandlung ihres schwer verwundeten Geliebten zu verdienen, wird in Berlin vom syrischen Geheimdienst unter Druck gesetzt: um ungeliebte Oppositionelle zu bespitzeln.

Wie ein Marathonlauf: Du musst einen langen Atem bewahren

Ein radikaler, ein wuchtiger Wurf. Und nicht etwa, wie man meinen könnte, der eines versierten Altmeisters. Regisseur Carsenty ist gerade mal 33 Jahre alt, studiert Regie an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam, „After Spring Comes Fall“ ist sein Abschlusswerk. Was er zeigt, beruht auf wahren Begebenheiten.

Carsenty, der für Studienaufenthalte in Damaskus und Amman war, hat Ereignisse aus dem Leben von Bekannten gebündelt und zu einem Drehbuch verdichtet. Filmemachen, so der Nachwuchsregisseur, sei wie ein Marathonlauf: „Egal wie schnell man am Anfang war, am Ende ist es wichtig, ins Ziel zu kommen. Und vor allem, einen langen Atem zu behalten.“

Mut, Wagnis, Finger in die Wunde legen: Das zeichnet auch die anderen nominierten Beiträge aus. In der Sparte Bester Spielfilm sind gleich zwei Abschlussfilme von Absolventen der Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) nominiert.

Katja Sambeth zeigt in „Glutnester“ eine 15-Jährige, die nach dem Tod ihres Vaters in ihrem Kaff an der Ostsee keine Chance für sich sieht und mit anderen Jugendlichen aus der Gegend abhängt und ziellos um die Häuser zieht. Ein Film, der wehtut und die Perspektivlosigkeit in manchen Ost-Gebieten zeigt, in der nie blühende Landschaften entstanden.

Eifersucht und Stalking

Die Texanerin Micah Magee, die gleichfalls an der DFFB studiert, kehrt in „Streichelzoo“ in ihre Heimat zurück und erzählt von einer 17-Jährigen, die schwanger wird und abtreiben will, was im gottesfürchtigen Texas jedoch nicht in Frage kommt. Und sie in ein Leben zwingt, das sie nie führen wollte.

Die Österreicherin Andrina Mračnikar, die an der Filmakademie Wien studierte, zeigt in ihrem prominent besetzten Kammerspiel „Ma Folie“ eine buchstäbliche Amour fou: Eine junge Frau (Alice Dwyer) verliebt sich in einen Mann (Sabin Tambrea), der aber grenzenlos eifersüchtig ist und sie, nachdem sie mit ihm Schluss macht, beharrlich stalkt.

Und die aus der Mongolei stammende Regisseurin Uisenma Borchu, die an der Hochschule für Film und Fernsehen München studierte, spielt selbst die Hauptrolle in „Schau mich nicht so an“, wo eine mongolische Frau erst eine Affäre mit ihrer Nachbarin beginnt – und dann auch mit deren von Josef Bierbichler gewohnt knarzig gespielten Vater.

Bernd Eichinger und Nico Hofmann waren es, zwei Erfolgsproduzenten, die den First Steps Award 1999 ins Leben gerufen und dem deutschen Filmnachwuchs damit ein Forum gegeben haben. Seit 2000 wird der Preis verliehen und hat sich inzwischen – neben dem Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken – zur renommiertesten Auszeichnung für Abschlussfilme gemausert. Und zum Sprungbrett in die harte Realität in der Branche – nach dem Elfenbeinturm des Filmstudiums.

Heute First Stepper, morgen versierte Filmemacher

Der erste Jahrgang ist bis heute das Hammerjahr: Hier waren Dennis Gansel, Hannu Salonen, Achim von Borries, Hendrik Handloegten, Veit Helmer und Vanessa Jopp nominiert sowie Florian Gallenberger, der danach einen Oscar erhalten sollte.

Zu weiteren First-Steps-Absolventen zählen Jessica Hausner, Valeska Grisebach, Benjamin Heisenberg, Dietrich Brüggemann, Christian Schwochow, Burhan Qurbani und David Wnendt, die allesamt ambitionierte Karrieren vorgelegt haben.

Vergeben werden die First Steps in fünf Kategorien: Spielfilm, Kurzfilm, Mittellanger Film, Dokumentar- und Werbefilm. Dazu kommt seit 2012 der No Fear Award für Produzenten sowie seit 2014 der Michael-Ballhaus-Preis für Kameraabsolventen. Für die mit insgesamt 92.000 Euro dotierten Preise wurden in diesem Jahr 106 Spielfilme, 37 Dokumentationen und 46 Werbefilme eingereicht.

Im Segment Kurz- und mittellanger Film treten zwei der drei Anwärter für den Studenten-Oscar an, Ilker Çataks „Sadakat“ und Patrick Vollraths „Alles wird gut“. Der dritte, Dustin Looses „Erkundigung einer Sache“, war bereits im Vorjahr nominiert. Fast alle Filme eint der Blick auf große, globale Themen. Das Vorurteil, dass Filmstudenten vor allem Coming-of-Age-Geschichten erzählen und damit um ihren eigenen Nabel kreisen, ist längst widerlegt.

Einmal nominiert, ein Leben lang befreundet

Moderiert wird der Abend von Axel Ranisch . Einem Regisseur, der selbst erst vor drei Jahren für die First Steps nominiert war: mit dem No-Budget-Überraschungshit „Dicke Mädchen“, der für sage und schreibe 517 Euro entstand. Der 32-Jährige hat nun gerade mal seinen Second oder Third Step hinter sich, ist obendrein Regisseur und nur so Nebenbeischauspieler in der Krimi-Reihe „Zorn“. Im Vordergrund stehen ist seine Sache eigentlich nicht.

Ihm geht jetzt „der Arsch auf Grundeis“, wie er bekennt. „Ich bin auch weder sexy noch cool“, sagt er, der wie seine Mädchen zu seinem Leibesumfang steht. Und „wenn das ein komplett peinlicher Abend wird, hat das ja Konsequenzen“. Aber man habe ihn halt gefragt, habe ihn gebauchpinselt. „Ich konnte einfach nicht Nein sagen. Jetzt habe ich den Salat.“

2012 hat er den Preis für seine „Dicken Mädchen“ übrigens nicht bekommen. Ärgert das? „Das ärgert einen“, gibt er zu, „für einen Abend.“ Das, sagt er bewusst ironisch, „ist auch gut so“. Hält aber nicht an. Der Abend biete eine solche Aufmerksamkeit, die ganze Branche schaue auf den Nachwuchs, da sei es schon Wahnsinn und Auszeichnung genug, wenn man dabei sein dürfe. „Einmal nominiert, aber ein Leben lang befreundet mit den First Steps.“

Was für ein schönes Motto. Das könnten auch all jene auf die Fahnen schreiben, die heute Abend nicht reüssieren sollten. Und wer weiß? Vielleicht sind sie ja dann in zwei, drei Jahren als Moderatoren wieder dabei.