Film

Axel Ranisch ist die Frischzellenkur für den deutschen Film

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Peter Zander

Foto: Krauthoefer

Alle lieben den Berliner Regisseur, seit er mit seinem Guerilla-Kino „Dicke Mädchen“ reüssiert hat. Jetzt plant er gleich mehrere Filmprojekte, als Pionier im „Startbüro“. Ein Heimbesuch in Lichtenberg.

Ab in den Wald. Ein Achtjähriger traut sich nicht mehr heim und flieht ins Dickicht. Dort trifft er auf einen obskuren Räuber und einen noch obskureren Zauberer. „Reuber“ ist ein schräger Kinderfilm, der mit sichtlich wenig Geld, aber sichtlich viel Spaß gedreht wurde. Inszeniert von dem Berliner Filmregisseur Axel Ranisch, der vor drei Jahren für eine Frischzellenkur des Deutschen Films sorgte und zum Wunderkind des Kinos wurde. Weil sein Debüt „Dicke Mädchen“ gerade mal 517,23 Euro kostete und ohne Drehbuch und ohne Förderung einfach drauflosgedreht wurde. Mit der eigenen Oma, damals 89. Kein Low-, ein No-Budget zum Selbstausbeutungstarif. Aber frech, flott und anders. Echtes Guerilla-Kino.

Pionier im Start-Büro

Ranisch hatte seither einen zweiten Film im Kino, „Ich fühl mich Disco“. Der war diesmal gefördert, das Budget hatte drei Nullen mehr hinten dran. Ranisch konnte seine Mitwirkenden erstmals auch bezahlen. Aber seinen „rotzigen Schmuddelfilmen“, wie er das nennt, will er treu bleiben. Auch wenn seine Eltern den Begriff ganz schwierig finden, weil man sich früher darunter etwas ganz anderes vorgestellt hat.

„Reuber“ entstand unmittelbar nach „Dicke Mädchen“. Zwei Wochen vor dessen Premiere auf den Hofer Filmtagen, als man Zeit überbrücken musste. „Lasst uns doch noch schnell einen Film machen.“ Diesmal mit dem Neffen in der Hauptrolle, mit Heiko Pinkowski und Peter Trabner, den „Mädchen“-Protagonisten. Und der Omi. Warum hat das so lange gedauert, bis der Film jetzt ins Kino kommt? Da muss der 32-Jährige etwas ausholen.

Damals war er noch an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konard Wolf in Potsdam. Dort wurde die Nachfolge Professor von Helke Misselwitz ausgeschrieben, neun Regisseure bewarben sich. Und weil die Schnitt-Besprechung mit einem Studenten Teil des Bewerbungsverfahren war, fragte Misselwitz Ranisch, ob er nicht seinen „Reuber“ zur Verfügung stellen wolle. „Du hast doch eine dicke Haut“, sagt sie, „du kannst das aushalten.“ Zwei Tage lang haben neun Regisseure mit ihm je eine Stunde lang über seinen Film gesprochen. Am Ende wusste er nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Und ließ den Film erst mal ein Jahr in der Schublade liegen. Bis der Neffe maulte, wofür sie denn so lange im Wald gewesen seien. Also hat er ihn fertiggestellt. Bis zum Kinostart ist allerdings noch mal gehörig Zeit verstrichen.

Wir sitzen jetzt mit Axel Ranisch auf seinem Balkon in Lichtenberg. Ein Plattenbau. Aber mit viel Grün nach hinten raus und wohligem S-Bahn-Rattern vorn. Nicht so der Trendkiez für aufstrebende Filmemacher. Aber hier fühlt sich Ranisch wohl. Er hat es auch mal eine Zeit lang in Friedrichshain versucht, das war aber nicht so sein Ding. „Ich bin ja so ein Nestbauer“, sagt er. Zum Drehen ist er oft genug unterwegs. Da ist er froh, wenn er sich irgendwo zu Hause fühlt.

Axel Ranisch lacht oft und herzlich, wenn er erzählt. Ein sonniges Gemüt. Das war nicht immer so. Als pummeliges Kind hatte er es nicht leicht. „Dick sein war nicht schön“, meint er. Dass er schwul war, gestand er sich erst mit 23 Jahren ein, als er längst an der HFF studierte. Aber dann hat ihn vor allem Rosa von Praunheim geschult und gestählt. Ranisch ist ein „Rosakind“. Wer Praunheim bewältigt, der kann alles bewältigen. Beides, das Moppel-Ich und das Schwulsein, hat er dann in „Dicke Mädchen“ und in „Disco“ verarbeitet. Ein filmisches Coming-Out.

Seither liegt ihm die Filmwelt zu Füßen. Iris Berben hat sich als Fan von „Dicke Mädchen“ geoutet – und wurde sofort für seinen neuen Film „Alki Alki“ verpflichtet. Der kommt im Herbst ins Kino und feiert nächsten Monat auf einem Filmfest in Süddeutschland Premiere. Vor allem aber ist Ranisch, der Impro-, der Underground-Filmer, nun Pionier. Weil seine Produktionsfirma mit dem herzlich größenwahnsinnigen Titel „Sehr gute Filme“ als erste das sogenannte „Startbüro“ nutzen darf, das das Filmstudio Babelsberg, die HFF und das Medienboard Berlin-Brandenburg gegründet haben. Ein Jahr lang im Filmpark: eine ziemlich befruchtende Umgebung. Und so haben sie die Wände mit Notizen zu allen möglichen Projekten beklebt: der Miniserie „Eheberater“, eine Hänsel-und-Gretel-Adaption, bei der mal nicht die Kinder, sondern die Eltern im Wald ausgesetzt werden, ein großes, transmediales Projekt („Da müssen wir aber noch basteln“). Und, wer weiß, vielleicht auch bald ein „Tatort“. Ranisch brummelt da etwas in seinen Bart. Er will noch nichts verraten. Aber bei der Reihe überlegt man wohl gerade, dass ein „Tatort“ auch mal ohne Drehbuch auskommen könnte.

An der Fleischertheke erkannt

Der „Tatort“ ist so ziemlich das Dickste, was man einem Filmemacher hierzulande anbieten kann. Und so ziemlich das Konträrste zu einem „gerockten Schmuddelfilm“. Aber Ranisch will sich nicht verbiegen lassen. Zu seiner Firma „Sehr gute Filme“ haben sie auch ein „Sehr gutes Manifest“ verfasst. Zu den Statuten zählt, dass man auch mal daneben hauen, aber nie zu viel planen darf. „Das Reiten auf den Wellen des Moments“, umschreibt Ranisch das poetisch. Er probt zwar mit seinen Schauspielern, aber nie die Szenen, die gedreht werden: Es könnte sonst etwas Spontanes entstehen, was sich nicht wiederholen ließe. Das oberste Kriterium: „Der erste Take ist heilig. Wenn was schief geht, muss es eingebaut werden.“ Das macht seine Filme holperig, auch trashig, aber sie atmen dadurch eine ganz andere Authentizität. Und eine Frische, die man sonst oft vermisst. „Alles“, bringt Ranisch sich selbst auf den Punkt, „bloß keine Perfektion.“

Ironie: Die meisten kennen Axel Ranisch gar nicht als Regisseur, sondern als Schauspieler. In der Krimireihe „Zorn“ spielt er den Kollegen des grantigen Titel-Ermittlers. Da ist er „so reingeraten“. Die Produktion ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Ranisch steht. Mit all den glatten Dialogen und Dramaturgien, die er selber so schrecklich findet. Aber so einen „Zorn“ sehen halt fünf Millionen Zuschauer im Fernsehen, im Kino sahen dagegen gerade mal 25.000 „Disco“. Und so ein TV-Auftritt bringt mehr Geld als jede Filmregie. Das fließt selbstredend in seine eigenen Projekte.

Ranisch findet es schon seltsam, dass er jetzt manchmal auf der Straße erkannt wird. Als der aus der Serie. Aber neulich habe ihn bei Kaiser’s die Frau hinter der Fleischtheke als „der Herr Regisseur“ angesprochen. „Das“, grinst er, „ehrt mich natürlich mehr.“

„Reuber“ ab 7.5. im Kino. Premiere in Anwesenheit des Filmteams am 9.5. im Filmtheater am Friedrichshain, 15 Uhr. „Ich fühl mich Disco“ Arte, 22.5.,

20.15 Uhr