Deutsche Oper

Elefanten haben in der Deutschen Oper keine Zukunft

Intendant Dietmar Schwarz über die sanierte Deutsche Oper, die Tänzerstreiks und die neue politische Korrektheit im Opernbetrieb.

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper Berlin

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper Berlin

Foto: Amin Akhtar

Regisseure hätten es seit Jahren immer schwerer, sich auszuprobieren, ja zu provozieren, sagt Intendant Dietmar Schwarz. Im deutsche Opernbetrieb greift politische Korrektheit um sich. In der „Zauberflöte“ ist etwa Mozarts Bösewicht Monostatos in die Kritik der öffentlichen Moral geraten, denn schwarz geschminkte Darsteller sind nicht mehr zeitgemäß. Für die Neuproduktion von Verdis „Aida“ sucht Regisseur Benedikt von Peter vorsorglich „Statisten mit dunkler Hautfarbe“. Zunächst aber beginnt die Deutsche Oper ihre neue Saison mit einem Eröffnungsfest am 30. August. Ein Gespräch mit dem Intendanten.

Berliner Morgenpost: Herr Schwarz, in neuen Statistiken ist zu lesen, dass es in deutschen Orchestern wieder mehr Musikerstellen gibt. Wie ist der Trend an der Deutschen Oper Berlin? Mit wie vielen Mitarbeitern gehen Sie in die neue Saison?

Dietmar Schwarz: Es sind nach wie vor um 500 besetzte Stellen am Haus, von 550 Planstellen. Wir haben momentan keine Möglichkeit, offene Stellen zu besetzen. Der Chor ist nicht voll besetzt. Aber im Orchester haben wir durch den neuen Haustarifvertrag die Tendenz, dass wir wieder attraktiver geworden sind für junge, sehr gute Bewerber. Das ist eine langsame positive Entwicklung, die natürlich auch der kontinuierlichen Arbeit von Generalmusikdirektor Donald Runnicles zu verdanken ist. Er hat das künstlerische Profil deutlich geschärft.

Zumal die Orchester an den Opernhäusern immer die stärkste Hausmacht sind.

Das stimmt. Als ich mich bei meinen Vertragsgesprächen beraten ließ, haben mich manche vor dem Orchester gewarnt. Das habe ich ganz anders erlebt: Der Funke der Gemeinsamkeit ist übergesprungen. Das ist schon an der Tischordnung bei unseren Sitzungen zu bemerken, früher saßen sich Orchestervorstand und Theaterleitung gegenüber, heute ist alles viel lockerer.

Mit Eröffnungsfesten und Tagen der offenen Türen ist das Berliner Publikum verwöhnt. Womit will die Deutsche Oper punkten?

Wir nutzen den Tag, um in einer Art Oper für alle unser Programm der neuen Saison vorzustellen. Außerdem können wir jetzt auch wieder unsere große Bühne vorzeigen. Nach drei Jahren der Sanierung kann man sich raufstellen, Dinge vorführen lassen, staunen. Wir sind stolz auf die moderne Technik. Als Kanzlerin Angela Merkel zuletzt im April beim „Lohengrin“ im Haus war, da haben wir ihr auch unsere neue Bühnenmaschinerie gezeigt. Sie zeigte sich sehr beeindruckt.

Normalerweise sind Eröffnungsfeste dazu da, Menschen ins Haus zu locken, die sonst nie kommen würden.

Wir sind die Deutsche Oper, aber auch die Oper in Charlottenburg und werden den Interessierten im Kiez die Palette unseres Angebots zeigen. Darüber hinaus haben wir vor, auf die Bewohner des nahe gelegenen Flüchtlingsheims zuzugehen und sie einzuladen. Wir haben bereits Ende der vergangenen Spielzeit gemeinsam mit der Schwarzkopf-Stiftung im Flüchtlingsheim Moabit ein kleines Programm präsentiert. Musik kann zwar die großen Probleme nicht lösen, aber menschliche Verbindungen herstellen.

Als Premieren sind Verdis „Aida“, Strauss’ „Salome“ oder Mozarts „Entführung angekündigt. Mit den großen Premieren gehen Sie in der neuen Saison schon auf Nummer Sicher?

Nein. Wir eröffnen mit Giacomo Meyerbeers „Vasco da Gama“, was fürs Publikum ein unbekanntes Werk ist. Außerdem zeigen wir von dieser Saison an jedes Jahr eine Uraufführung auf der großen Bühne, in diesem Jahr Georg Friedrich Haas’ „Morgen und Abend“. Verdis „Aida“ inszeniert bei uns Benedikt von Peter, den ich als Regisseur sehr schätze, weil er immer an den Kern der Opern geht. Er hat einen ungewöhnlichen Ansatz, der alle überraschen wird und die beklemmenden Machtstrukturen dieser Oper erlebbar macht. Die Oper wird vom Regisseur auf Menschlichkeit, auf Nähe zur heutigen Zeit hin überprüft. Das Orchester sitzt mit auf der Bühne, der Chor mit im Zuschauerraum. Das ist eine Anordnung, die mich als Intendanten eigentlich nicht freuen dürfte, weil dadurch verkaufbare Sitzplätze verloren gehen, aber der Ansatz ist so überzeugend, dass er verfolgt werden muss.

Die Proben beginnen im Oktober. Sie suchen öffentlich dafür „Statisten mit dunkler Hautfarbe“. Männer, Frauen und Kinder. Lebt Kunst nicht immer auch von guter Schminke?

Die Zeiten haben sich geändert, was wir an unserer alten, erfolgreichen „Zauberflöten“-Inszenierung deutlich merken: Ein schwarz angemalter Monostatos, wie ihn Mozart vorsah, ist heute für viele inakzeptabel.

Seit wann werden solche Diskussionen geführt?

In Amerika seit etwa 20 Jahren, in Deutschland seit vielleicht zehn Jahren. An der New Yorker Met hat man deswegen die „Otello“-Konzeption geändert. Es kann sein, dass die Otellos in der Oper irgendwann nur noch von farbigen Sängern gesungen werden können. In Deutschland fing es mit dem Verbot an, Gershwins „Porgy und Bess“ ohne farbigen Chor aufzuführen. Benedikt von Peter kann und will keine angemalten Statisten zeigen. Ich finde, bei Neuproduktionen kann man sich darauf einstellen, aber bei einer alten Mozart-Inszenierung habe ich meine Probleme mit der politischen Korrektheit.

Weil die Kunst eigentlich von politischer Unkorrektheit lebt?

Ja, inzwischen baut sich ein merkwürdiges Gesamtbild von Unterschiedlichkeit auf. Gerade in Berlin haben wir eine Gesellschaft, die durch die kulturelle Vielfältigkeit inklusive des unterschiedlichen Aussehens spannend ist. Diese Offenheit wirkt auch in den Kunstbetrieb hinein. Vor Jahren gab es noch Diskussionen, ob ein farbiger Sänger als Wagners Wotan besetzt werden kann. Das ist fürs Publikum heute aber völlig normal. Und es ist vernünftig.

Auffällig ist auch, dass im Berliner Bühnenbetrieb kaum noch Tiere auftauchen?

Wir haben den Versuch mit einem Elefanten für die „Aida“ gestartet und es bereits im Vorfeld aufgegeben. Es gibt zwar Elefanten, die man mieten kann, aber die Auflagen des Tierschutzes können wir nicht erfüllen.

Wird die Opernwelt prüder und bissloser?

Eigentlich soll die Oper der Raum sein, in dem man die Dinge einmal anders sehen und behandeln kann. Es geht ja nicht um die Korrektheit einer Nachricht oder einer Perspektive. Es geht auch nicht um die moralisch eindeutige Wertung. Die Oper kann nicht die Probleme der Welt lösen, aber sie kann die Menschen dafür sensibilisieren und durch Perspektivwechsel Erkenntnisgewinn schaffen. Regisseure haben es seit einigen Jahren deutlich schwerer, andere Sichten auszuprobieren, ja auch mal zu provozieren.

Kurz vor Saisonende haben Sie einen neuen Kollegen bekommen: An der Staatsoper wurde der designierte Intendant Matthias Schulz vorgestellt. Wie finden Sie ihn?

Wir kennen uns bereits aus dem Mozart-Jahr 2006, dass er für die Salzburger Festspiele betreut hat. Da haben unsere Häuser kooperiert – damals waren es Mannheim und Basel. Irgendwann hat Jürgen Flimm dann Barrie Kosky und mich darauf vorbereitet, dass sein Nachfolger doch gut zu uns passen würde. Ja, es ist eine Superlösung. Inzwischen haben wir auch miteinander telefoniert.

Worüber haben Sie gesprochen?

Noch nicht über die Probleme, die auf jeden Fall kommen werden. Wenn es erst losgeht, dass er dieses Stück und ich jenes Stück haben will – denn wir sind ja auch Konkurrenten. Wobei es zwischen uns drei Intendanten keine Konflikte gibt. Wir lieben uns ja wirklich. Inzwischen telefonieren wir sogar im Sommer miteinander, wenn wir eigentlich frei haben.

Matthias Schulz ist der Intendant, der den Rückzug der Staatsoper aus Charlottenburg nach Mitte vorbereitet. Hat es Auswirkungen auch auf Ihr Haus?

Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass sich durch die Staatsoper im Schiller-Theater für uns viel verändert hat. Die Bismarckstraße war dadurch eher wie ein Boulevard, an dem es plötzlich zwei gute Restaurants gibt. Mag sein, dass etwas mehr Touristen zu uns kommen. Aber der Operntourist orientiert sich heute weltweit übers Internet und sucht genau nach dem Opernhaus, den Dirigenten und Sängern, die er erleben will. Aber wahrscheinlich wird es so sein, dass nach der Eröffnung der Staatsoper Unter den Linden erst einmal alle dort reinschauen wollen.

Was soll 2017 aus dem leer stehenden Schiller-Theater werden?

Ich würde mir ein Haus für zeitgenössischen Tanz wünschen. So ein innovatives Tanzhaus fehlt noch in Berlin. Wobei ich jetzt nicht meine, dass ich das Staatsballett hergeben möchte. Das ist in der Deutschen Oper bestens aufgehoben.

Obwohl das Staatsballett in der vergangenen Saison fünf Mal Ihr Haus bestreikt hat. Das muss Sie doch verärgert haben?

Wir, die Deutsche Oper, waren die Leidtragenden. Was die Tänzer fordern, ist eine sicherlich berechtigte Sache. Darauf hat die Ballettleitung bereits reagiert, aber dass eine große Gewerkschaft wie Verdi die Tänzer derart instrumentalisieren kann, finde ich zweifelhaft. Ich habe mich selber als Hausherr an einem Streikabend vor die Tür gestellt und musste mir vom enttäuschten Publikum einiges anhören. Weder die Tänzer, noch die Gewerkschaft waren dabei. Ich finde es unverantwortlich, ein großes Haus leer stehen zu lassen.