Zubin Mehta kommt wieder einmal nach Berlin. Diesmal steht er aber nicht am Pult der Staatskapelle oder der Philharmoniker, sondern leitet das Gastspiel seines Israel Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berlin am 6. September. Der Inder ist in Tel Aviv Chefdirigent auf Lebenszeit. Im Gespräch geht es um die Selbstbestimmung der Musiker, das Wagner-Aufführungstabu in Israel und seine Hoffnung, dass bald schon israelische Araber ins Orchester kommen.
Berliner Morgenpost: Was unterscheidet die Israel Philharmonic von anderen großen Orchester in New York, London oder Berlin?
Zubin Mehta: Es ist ein echtes kooperatives Orchester. Wir haben kein Board of Directors, keinen Verwaltungsrat, wie etwa in Amerika. Es gibt keine Leute, die nur dafür verantwortlich sind, mit den Zahlen zu jonglieren. Das machen wir selber. Das Orchester wählt alle zwei Jahre drei Musiker, die die Führung des Orchesters übernehmen - künstlerisch wie geschäftlich.
Es gibt doch aber einen Manager?
Wir haben einen Generalsekretär, der fast ein Intendant ist, der aber selber nichts entscheidet. Er führt nur wirtschaftlich fort, was die drei Musiker und ich künstlerisch entscheiden.Das unterscheidet sich von anderen Orchestern. Die Wiener Philharmoniker sind auch kooperativ, aber nur, was die Konzerte angeht. Wir werden auch nicht von der Stadt dafür bezahlt, um in der Oper zu spielen. Fast 65 Prozent unseres Etats kommt aus dem Kartenverkauf, nur acht Prozent von der Regierung, und alles andere erbetteln wir uns.
Wie wichtig ist den Musikern ein Konzert in Deutschland?
Berlin ist für uns sehr wichtig. Es hat einen ganz sentimentalen Grund, es war die erste Stadt in Deutschland, die wir 1971 besucht haben. Damals hatten wir die Berliner Festwochen eröffnet, seither kommen wir alle paar Jahre her.
Und was sagt Ihr Stammpublikum zwischen Tel Aviv, Jerusalem und Haifa zu Berlin-Konzerten?
Es gibt keine negativen Kommentare, im Gegenteil. Und politisch herrscht zwischen Israel und Deutschland wirklich eine Freundschaft. Das macht solche Gastspiele einfacher.
Als das Orchester 1936 mit 75 Mitgliedern gegründet wurde, sprach man untereinander Deutsch, Polnisch, Ungarisch und Russisch.
Es waren hauptsächlich Musiker aus dem Habsburger Reich. Als ich 1961 kam, sprach ich offiziell Englisch, aber die drei gewählten Musiker waren alle Wiener und Deutsche.
Und wie ist es heute?
Heute sind es gebürtige Israelis. Und es sind viele Musiker aus der ehemaligen Sowjetunion besonders bei den Streichern. Etwa halbe-halbe. Aber in der nächsten Generation werden es hauptsächlich gebürtige Israelis sein. Wobei wir auch nichtjüdische Israelis im Orchester haben, zum Beispiel den Chefdirigenten. Der ist Inder, und niemand ist hier dagegen. (lacht)
Und wie steht es um arabische Israelis?
Sie wissen, dass unsere Vorspiele für neue Musiker hinter dem Vorhang stattfinden. Ich erwarte sehnsüchtig den Tag, dass sich der Vorhang öffnet und dort ein israelischer Araber steht. Ich habe eine Stiftung im Norden von Israel, und wir betreuen über 150 junge arabische Studenten, die neben arabischer Musik auch westliche Musik studieren. Sie werden von Orchestermusiker betreut. Die Guten werden in der zweiten Stufe an die Universität eingeladen. Wir haben jetzt zehn oder zwölf Studenten in der Tel Aviver Universität, die mit unseren Orchestermusikern studieren. Und ich bete, dass die Entwicklung so weiter geht, dass sie bei uns vorspielen. Sie spielen schon als Substituten, wie es auch in deutschen Orchestern üblich ist.
Als Chefdirigent haben jetzt Sie bereits mehrere Generationen von Musikern erlebt?
Wir sind bereits an dem Punkt, dass jeder Musiker des Orchesters von mir engagiert wurde. Ich bin 47 Jahre als Direktor hier. Ich weiß nicht, wer länger bei einem Orchester war?
Herbert von Karajan war bei den Berliner Philharmonikern von 1956 bis 1989 Chefdirigent. Also mehr als drei Jahrzehnte.
Eugene Ormandy war 42 Jahre lang Chefdirigent in Philadelphia. Ich muss mal nachfragen, wie lange Mengelberg in beim Concertgebouw in Amsterdam war? Das waren, glaube ich, noch ein paar Jahre mehr.
Was hat sich in den Jahrzehnten Ihrer Chefzeit verändert?
Das Orchester hat sich enorm entwickelt. Als ich anfing, gab es fast kein Schlagzeug. Das waren keine jüdischen Instrumente. Jetzt ist alles aufgebaut. Das Orchester hat überhaupt keinen Schwachpunkt mehr. Wir haben großartige Solisten bei den Holz- und Blechbläsern. Ich freue mich sehr, die Neunte von Mahler in Berlin zu spielen.
In welcher Klangtradition sieht sich das Orchester?
Ich habe immer versucht, keine Klangtradition zu bevorzugen, sondern sich dem Stil des jeweiligen Komponisten anzunähern. Wenn wir Bruckner spielen, wollen wir einen Wiener Klang haben, wenn wir Debussy aufführen, einen französischen Klang. Das ist mir wichtiger.
Gibt es etwas, was Ihre Musiker weniger mögen?
Die moderne Musik. Aber das kann man wohl von jedem Orchester sagen.
Aber Sie kommen doch jetzt mit Schönberg nach Berlin.
Moment. Wenn die Musiker ein Stück gern haben, dann läuft es sehr gut. Die Sinfonien von Josef Tal, unserem urisraelischen Komponisten, werden sehr geliebt. Oder auch Paul Ben-Haim. Das Orchester weiß, dass es wichtig ist, zeitgenössische Werke zu spielen. Weil es etwas ist, was von der jeweiligen Generation über bleibt.
Nach den Novemberpogromen 1938 in Deutschland hatte das Orchester entschieden, nicht mehr Wagner zu spielen. Es ist nach wie vor ein Tabu in Israel, Hitlers Lieblingskomponisten aufzuführen.
Das Verbot gilt nicht offiziell. So etwas kam nie von der Regierung. Aber es gibt noch viele Menschen mit den eintätowierten Zahlen auf den Armen. Es geht darum, sie im Konzertsaal nicht zu beleidigen. Das gilt, selbst, wenn nur zwei Überlebende im Saal sitzen. Die Musik wirft sie zurück in die Zeit des Holocausts. Das wollen sie nicht. Es ist keine intellektuelle Auseinandersetzung, wonach wir Wagner eigentlich spielen müssten, weil er der Vater der Opernmusik des 19. Jahrhunderts ist. Es ist eine emotionale Frage.
Ihr Orchester hat seit 1938 nie mehr Wagner gespielt?
Nein. Also ich habe es einmal versucht, und es ist misslungen. Und mein Freund Daniel Barenboim hat es auch einmal versucht.
Was heißt misslungen?
Es gab Leute im Publikum, die aufstanden und schrien, wir sollen aufhören. Dabei hatte ich Wagner nicht aufs Programm gesetzt, um niemanden zu zwingen. Es war eine Zugabe nach dem Konzert. Ich habe vorher angesagt, alle, die es nicht hören wollen, können den Saal verlassen. Keiner ging. Als ich dann mit dem „Tristan“-Vorspiel anfing, begannen einige an zu schreien.
Es gibt viele historische Fotos des Orchesters etwa mit Soldaten. Wie ging Ihr Orchester zum Beispiel mit dem Gaza-Krieg um?
Genau vor einem Jahr haben Menschen aus dem Gaza-Streifen täglich Geschosse auf Israel abgefeuert. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Raketen das waren. Jeden Nachmittag habe ich kleine weiße Wolken am Himmel gesehen. Die Abwehrraketen des israelischen Iron Dome haben perfekt funktioniert, ansonsten läge halb Tel Aviv in Schutt und Asche. Dann sind die Israelis in den Gazastreifen gegangen und haben in einer übertriebenen Weise vieles zerstört.
Und was haben die Musiker solange gemacht?
Wir haben jeden Abend Konzerte gespielt. Wenn manchmal die Sirenen anfingen, dann haben wir für 20 Minuten unterbrochen. Aber wir haben kein Konzert abgesagt, und die Säle waren voll. Die Leute haben das Gefühl, das Land wird sie schützen.
Chefdirigenten gelten immer auch als moralische Figuren. Wie ist Ihr Verhältnis zur israelischen Politik, zu den Politikern?
Nicht besonders gut. Aber ich sage immer, Israel ist eine Demokratie, in der ich mich frei äußern kann. Ich liebe das Land und die Israelis, aber ich finde, dass die Regierung zu viele Entscheidungen trifft, die sie von der Welt immer weiter isoliert.
Philharmonie Israel Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berlin. Am 6.9. um 20 Uhr





