Kultur

Das Geheimnis der Notenblätter

Ari Benjamin Meyers ist der Komponist der Kunstwelt. Ein Besuch in seinem Kreuzberger Studio

Notenpapier ist über den Flügel ausgebreitet, und auch auf dem Arbeitstisch in seinem Kreuzberger Studio liegt ein Stapel mit hinskizzierten Melodien. Aber diese Notenblätter sind nicht zur Aufführung bestimmt, sie bilden das Kunstwerk „Atlas of Melodies“. Das hat der New Yorker Komponist Ari Benjamin Meyers im Auftrag der Berliner Galerie Esther Schipper kreiert, es wird vom 17. bis zum 20. September bei der Kunstmesse „abc“ ausgestellt. Meyers ist der Komponist der Kunstwelt, er ist ein Spezialist für die Frage, wie man Musik ausstellen kann?

„Notenpapier wird kaum noch produziert“, erklärt der Komponist und Dirigent, der seit acht Jahren auch in der Bildenden Kunst unterwegs ist. „Notenpapier ist ein Objekt, an das die meisten Leute also gar nicht mehr denken. Es ist ein Opfer der Modernisierung geworden, weil heutzutage Musik meist auf einem Computer geschrieben wird.“ Von Chicago bis Hongkong habe er über die Jahre hinweg Notenpapiere in verschiedenen Größen und Farben gesammelt, erzählt er. Manches ist explizit für Symphonieorchester, anderes für die Orgel vorgesehen. Für Meyers wurden die Papiere selber zur Inspirationsquelle. „Sie haben tolle Namen wie King David oder Aztec MP12“, sagt Meyers. „Gewisse Melodien wurden hervorgerufen, oft aus meiner persönlichen Geschichte.“

Für den 1972 in New York geborener Künstler bietet Berlin die nötigen Freiräume für seine Arbeit, welche immer die Grenzen der Musik aufsprengt. Klassik und Unterhaltung sind für Meyers keine Gegensätze. Noch in Zeiten, als er an der Juilliard School in New York, der Yale University und am Peabody Conservatory Komposition und Dirigieren studierte, spielte er auch in Rockbands. Bei einem Sommerkurs traf er auf Leonard Bernstein, der darauf hinwies, dass es zwischen der „West Side Story“ und einer Sinfonie kaum Unterschiede gibt. Die Katalogisierung in Genres stamme noch aus den Tagen, als es Plattenläden gab, glaubt Meyers. Seine eigenen Projekte sind nur schwer in Schubladen zu stecken, sie reichen von einer choreografierten Installationen seiner „Symphony X“ mit dem ebenfalls in Berlin lebenden Choreografen Tino Sehgal über Filmmusik bis hin zu Opern. Meyers arbeitete mit der Band Einstürzende Neubauten und dem Technoproduzenten Ricardo Villalobos – und er ist ein Partner für alle Bildenden Künstler, die sich mit Musik auseinandersetzen.

Der Tunnelblick in New York

„Wenn ich zurückblicke, dann weiß ich gar nicht, ob ich gewisse Sachen in New York hätte verwirklichen können“, sagt Meyers: „Dort muss man eine Art Tunnelblick haben: Wenn du zum Beispiel in der Filmmusik arbeiten willst, muss du rund um die Uhr arbeiten, um in der Szene richtig anzukommen.“

Als Meyers 1999 in der deutschen Hauptstadt ankam, waren ihm als experimentellem Musiker fast keine Grenzen gesetzt. „Berlin war ein tolles Laboratorium, in dem man auch mal scheitern konnte. Es gab leere Büroräume, die man ohne Miete besetzten konnte. Die Besitzer waren einverstanden, denn die Gebäude wurden somit aktiv. Die Ironie daran ist natürlich, dass Künstler immer auch als Motor für die Gentrifizierung dienen.“

Noch 2001 nutzte Meyers leere Gebäude wie die ehemalige Staatsbank in Mitte als Aufführungsort. Die Zuschauer saßen auf Sofas mitten unter den Werken von Dmitri Schostakowitsch und seinem Schüler Benjamin Fleischmann – die Musiker bewegten sich frei im Raum herum. „Nur in einem solchen Raum ist so etwas möglich“, sagt Meyers. Auch wenn er das Verschwinden der Berliner „Underground“-Szene mit einer gewissen Nostalgie betrachtet, begrüßt er die Tatsache, dass sich die Kultur des Experimentierens längst Wege in den öffentlichen Institutionen gebahnt hat. Er denkt an Iván Fischers „Mittendrin“-Serie im Konzerthaus, wo der Chefdirigent das Publikum zwischen den Musikern sitzen lässt. Meyers verspricht sich auch einiges vom Kurator Chris Dercon, momentan Direktor der Tate Modern London, als neuem Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. „Die Theater und Symphonieorchester halten nicht mehr so extrem an bestimmten Genres fest“, sagt Meyers. „Es ist spannend, dass Berlin eine Vorreiterrolle übernimmt.“

Darüber hinaus finden in Museen und Galerien immer mehr Live-Performances statt. Bereits im Sommer waren die von Sehgal choreografierten „Situationen“ im Martin-Gropius-Bau zu erleben. Ende September wird das Solistenensemble Kaleidoskop am selben Ort eine Installation zur Monteverdi-Oper „Orfeo“ aufführen.

Meyers betrachtet Ausstellungsräume als idealen Rahmen, in welchem sich multidisziplinäre Konzepte verwirklichen lassen. „Die zeitgenössische Kunst bietet sich als eine Art Container für verschiedene Elemente an, die in etablierte Schauplätze nicht reinpassen.“ Seine ersten Ausstellungen für Esther Schipper waren überwiegend performativ. In „Songbook“ komponierte Meyers kurze musikalische Por-träts aller Mitarbeiter der Galerie und stellte von ihnen ausgewählte Instrumente zur Schau. In der folgenden Ausstellung „Black Thoughts“ schrieb er ein Pendant zu Erik Saties Klavierwerk „Vexations“, in dem eine Sequenz 840 Mal wiederholt werden muss. Mit der Hand kopierte Meyers sein neues Werk „Vexations II“ genauso viele Male, und die Blätter bedeckten die Wände der Galerie.

Die Musik wird nicht erklingen

Im Gegensatz dazu basiert „Atlas of Melodies“ auf einer eher visuellen Ebene. „Im Mittelpunkt steht das Objekt“, sagt Meyers. „In gewisser Hinsicht ist es immer noch eine Komposition, welche zur Aufführung kommen könnte. Wird sie aber nicht.“ Dem Betrachter verschlossen bleibt ein biografischer Bezug. „Niemand wird erkennen, dass ich mich an eine Melodie erinnere, die mir mein Großvater vorgesungen hat. Das Papier hat so viel mit meiner Geschichte zu tun. Nachdem ich so viele Porträts von anderen geschrieben habe, fühlt es sich vielleicht richtig an, einmal den Blick auf mich selbst zu richten.“