Nacho Duato probt bereits wieder mit seinen Tänzern. Mitte September beginnt der Spielbetrieb in Berlin, es ist seine zweite Spielzeit. Außerdem gibt es ein Gastspiel in Spanien, seiner Heimat. Ein wenig chaotisch verläuft das Gespräch mit dem Intendanten schon.
Duato, 58, unterbricht gern mit „Si, si, si“ oder „No, no, no“. Letzteres sagt er auf die Frage, ob er es bereut hat, nach Berlin zu kommen. Seine erste Saison hat in einer Streikserie der Tänzer bitter geendet.
Berliner Morgenpost: Herr Duato, wie bewerten Sie Ihre Einstiegssaison?
Nacho Duato: Natürlich wäre sie ohne die Streiks besser verlaufen. Aber manchmal ist es so, wenn es schlecht läuft, arbeitet man umso mehr. Mit den künstlerischen Ergebnissen bin ich sehr zufrieden. Es gab drei Premieren. Und die Tänzer haben insgesamt wirklich gut auf mich reagiert.
Haben Sie es nicht persönlich genommen, dass Ihre Tänzer streiken?
Nein, ich nehme es überhaupt nicht persönlich, weil es nicht gegen mich als künstlerischen Leiter geht. Es geht um Arbeitsbedingungen, und ihre Forderungen sind berechtigt. Ich werde mich in dieser Saison noch dichter hinter meine Tänzer stellen. Es ist schon eine schwierige Position für mich: Aber ich finde, wenn die Tänzer bei Verdi sein wollen, dann sollte man das diskutieren und abwägen. Aber nicht alle in der Opernstiftung und in der Berliner Politik sind dieser Meinung. Dennoch muss eine Einigung gefunden werden.
Es gab bereits acht Streiks für den neuen Haustarifvertrag. Die Arbeitgeberseite betont, dass sie die Forderungen versteht und umsetzen will. Warum kommt man zu keinem Ende?
Da sollten Sie besser Herrn Vierthaler, unseren Geschäftsführer und Generaldirektor der Opernstiftung, fragen. Er ist nächste Woche wieder im Haus. Ich kann nicht viel mehr dazu sagen, als dass die Tänzer einen Haustarifvertrag haben wollen, den Verdi für sie abschließen soll.
Haben Sie sich schon gefragt, warum die Tänzer gerade in dem Moment streiklustig werden, als Sie Vladimir Malakhov als Intendant ablösen?
Die Tänzer haben Vertrauen zu mir gewonnen. Sie wissen, dass ich sie unterstütze. Und ich bin jeden Tag hier, übe mit ihnen von morgens bis abends. Vielleicht haben sie sich bisher einfach nicht getraut zu reden. Ich weiß, von außen sieht es so aus, als ob die Streiks auch gegen mich gehen.
Wann wird der Konflikt um Verdi und den Haustarifvertrag gelöst sein?
Heute wird es wieder ein Treffen mit den Tänzern geben. Ich weiß, dass die Tänzer selber mit den Streiks sehr unglücklich sind. Jedes Mal habe ich WhatsApp-Nachrichten auf mein Handy bekommen. Da stand dann: „Das ist nicht deinetwegen, aber Verdi sagt uns, dass wir streiken sollen.“ Wobei die Tänzer nach einem Jahr noch gar nicht wissen können, was sie von mir alles bekommen. Es ist so, dass ich als Intendant, der ja schon etwas älter ist und keine eigenen tänzerischen Ambitionen ausleben muss, weniger für mich arbeite, sondern für die Tänzer. Dadurch wird konsequent an der Qualität gearbeitet. Es gibt Kritiker, die nicht verstehen, warum ich nicht mehr neue Ballette mache. Aber ich bin zuerst hier, um eine Compagnie zu leiten. In der nächsten Spielzeit werde ich ein neues Stück machen. In dieser Saison geht es mehr darum, viele unterschiedliche Stücke verschiedener Choreografen einzustudieren.
Sie wissen aber schon, dass man in Berlin sehr ungeduldig ist?
Sehr wenige verstehen, wie kompliziert die Welt der Tänzer und Choreografen ist. Das braucht Zeit und Fingerspitzengefühl. Das Staatsballett ist keine Fabrik.
Was war die größte Überraschung für Sie in Berlin?
Ich dachte, dass die Berliner den Tanz mehr lieben würden. Ich kam ja aus Russland, dort gibt es keinen einzigen leeren Platz im Ballett. Dort liebt man das Ballett mehr als die Oper.
In Berlin muss Ihr Staatsballett alle drei Opernhäuser mitbespielen. Ist das ein gutes Modell?
Nein. Dass das Staatsballett kein eigenes Haus hat, ist schwierig. Im ganzen Schiller-Theater hängt kein einziges Foto vom Staatsballett aus. Das ist in der Komischen Oper und in der Deutschen Oper genauso. Ich würde am liebsten eine große Flagge mit unserem Namen hissen. Aber wo? Und auch die Programmierung übers Jahr könnte enger mit uns in Absprache gemacht werden. Ursprünglich sollten wir zwei Premieren im Oktober und im November machen. Das ist zu kurz zum Proben und zu kurz, um eine hohe Qualität zu gewährleisten, deshalb habe ich eine der Premieren abgesagt.
Würden Sie sich lieber an einem Haus wie der Deutschen Oper fest ansiedeln?
Ein Haus wäre schon schön, um sich auszubreiten. Einfach auch, um mehr Proben auf der großen Bühne zu machen.
Viele befürchteten, dass Sie das Staatsballett komplett umbauen würden. Das ist ausgeblieben. Oder kommt es noch?
Es gab einige Ballette, die ich aus dem Repertoire heraus genommen habe. Das ist normal. Es wurden nur wenige Verträge mit Tänzern nicht verlängert. Es hat sich so gesehen nur wenig verändert. Aber die Tänzer selbst haben sich verändert. Sie bewegen sich anders. Tanz ist eine Lebensart. Das ist mir wichtig.
Sie grenzen sich ziemlich deutlich von Ihrem Vorgänger Malakhov ab. Ist das notwendig geworden?
Nein. Ich bin einfach anders.
Sie waren doch einmal Freunde?
Ich kenne ihn vom American Ballet Theatre und schätze ihn sehr. Wir treffen uns meist zufällig, dann reden wir natürlich miteinander.
Was sind Ihre nächsten Vorhaben?
Das Staatsballett ist für mich eine klassische Compagnie, die auch zeitgenössische Stücke machen muss. Ich möchte neben dem „Schwanensee“-Publikum auch andere Besucher haben. Man kann nicht immer nur über Schwäne und Prinzessinnen reden, es gibt auch andere Themen, Themen, die gesellschaftliche Relevanz haben. In „Herrumbre“, das im Februar im Schiller-Theater Premiere hat, geht es um Terrorismus und Folter. Ich bin mir bewusst, dass einige Leute aus dem Theater gehen werden, weil sie das Stück nicht ertragen. Aber für mich wäre es schlimmer, wenn dem Publikum alles egal wäre und es sich nur wie Ludwig XIV. unterhalten lassen will.
Ein bisschen Glamour muss sein. Es wurde erwartet, dass Sie die russische Primaballerina Polina Semionova, die im Streit mit Malakhov gegangen war, wieder fest ins Ensemble zurück holen?
Warten wir ab. In dieser Saison soll sie bereits 14 Vorstellungen tanzen. Ich finde es sehr wichtig, große Tänzerinnen zu haben.




