Ausstellungs-Tipp

An dieser Kirche führt am Gallery Weekend kein Weg vorbei

Der Galerist Johann König hat die Kirche St. Agnes zur Megagalerie umgebaut. Sie ist zweifellos ein Höhepunkt im großen Programm des Berliner Gallery Weekend – und ein besonderer Raum für Kunst.

Foto: Amin Akhtar

„Ihr seid wohl in Berlin aufs Beten gekommen“, feixt jemand, schwingt sich auf den alten Drahtesel, weg ist er. Der Mann ist ziemlich frech, aber an diesem Tag reden wirklich alle von „der Kirche“, „the church“, und ob man schon da war. An der Eröffnung von St. Agnes, der ehemaligen Kreuzberger Kirche als Großgalerie, führt an diesem Gallery Weekend kein Weg vorbei.

Solche Orte gibt es nur in Berlin und mit spektakulären Räumen wie St. Agnes schafft es das Gallery Weekend eben auch, sich immer wieder neu zu erfinden. Ohnehin scheinen Gotteshäuser in diesem Kunstfrühjahr im Trend: Neben St. Agnes öffnen auch St. Elisabeth und St. Johannes-Evangelist, beide in Mitte, temporär ihre Pforten fürs Kunstpublikum.

Mittendrin im Gotteshaus aus Beton und Grauputz steht an diesem Nachmittag Johann König, müde schaut der Galerist, aber glücklich. „Mein Gott, es ist geschafft.“ So manche Stoßgebete hat er wohl die letzten drei Jahre gen Himmel geschickt, der Umbau von St. Agnes war heikel, der monströse Düttmann-Bau mit den Gemeindehäusern drumherum aus den 60er-Jahren stehen unter Denkmalschutz, da wird bis zur letzten Türklinke alles genehmigt.

Umbau der Kirche zur Kunstkathedrale kostete rund fünf Millionen Euro

Die alten Pfarrwohnungen sind umgestaltet und vermietet. In der Sakristei arbeitet ein Verlag, nebenan im ehemaligen Gemeindesaal ein Architekturbüro. In einem Gebäudeflügel hat die New York University Studioräume für ihre Studenten eingerichtet. Der Kiez um die Alexandrinenstraße wird durch St. Agnes einen frischen Schub bekommen. Das hat seinen Preis: Um die fünf Millionen Euro, so viel wird König am Ende in seine Kunstkathedrale gesteckt haben.

Und wohl auch Betonhasser werden nun zugeben, dass der Turmbau in seinem strengen Zuschnitt aussieht wie eine minimalistische Riesenskulptur. Die Größe allein ist spektakulär: 15 Meter hoch, über dem Altar sogar 20 Meter. Länge: 35 Meter, Breite: 12 Meter. König hat im Hauptschiff eine Ebene einziehen lassen, die sieht aus wie ein Riesentisch mit acht Beinen, das sind die Säulen, die die Platte tragen. Und in dieser Platte verbirgt sich die gesamte Technik der Galerie: Klima, Heizung, Licht. Kein Kabel, nirgends.

Dennoch kritisierten einige Architekten diese Zwischendecke wegen des Eingriffs ins Original. Doch König braucht ja Platz für einen ganz normalen Galeriebetrieb. Das neu entstandene Erdgeschoss nutzt er künftig als Showroom und Depot, heute hat er auf dem Betonboden Holztische mit weißen Decken aufgestellt, für das Dinner und die anschließende Party. Das letzte Abendmahl mit Kunst, schöne Idee! Am Freitag zum „Grand Opening“ erwartete König 1500 bis 2000 Gäste.

Katharina Grosses explosive Farbtableaus an den Kirchenwänden

In der Marienkapelle lässt Jeppe Heinen an der Decke sieben verchromte, spiegelnde Ballons schweben, sie tänzeln bei Bewegung. Der Blick nach oben ist gewollt, Gott ist überall. Jeppe Heinen weiß seine Betrachter zu verführen. Johann König steigt nun über eine Betontreppe hinauf ins fensterlose Himmelreich der Malerei.

Zehn Meter Höhe muss ein Künstler mit einem Werk erst einmal füllen. Katharina Grosse kann das – ihre explosiven, wuchernden Farbtableaus nehmen mächtige Architekturen und gar weite Landschaften ein. Die Malerin ist an diesem Nachmittag vor dem großen Besuchertrubel ihre eigene Betrachterin, still steht sie da, fast meditierend, und schaut in die Farbwolken auf dem Putz, acht Meter ist die größte Leinwand.

St. Agnes’ Weg vom Gotteshaus zum Raum für Kunst

Sie mag den Betonbau, die 60er-Jahre, das „ist meine Zeit“, sagt sie, geboren 1961. Gerade der Kontrast reizt sie, die reduzierte, graue Architektur und ihre opulente, raumgreifende Farbigkeit. St. Agnes als Ikone spielt mit Bildern von Architektur, Arno Brandlhuber, der sie drei Jahre lang umbaute, verwandelte das Gotteshaus in einen modernen Kubus. Und Grosse selbst stülpt die Malerei um, malt nicht, sondern sprayt, hält sich an keinen klassischen Bilderrahmen, sondern erobert alles Dreidimensionale leichthändig mit ihrer Farbdose.

Darüber könnte sie an diesem Nachmittag lange philosophieren, als Professorin für Malerei in Düsseldorf verhandelt sie mit ihren Studenten ständig über die Bedingungen von Malerei und ihre Relevanz. In St. Agnes wird künftig wohl ihr bestes Beispiel sein.

St. Agnes, Alexandrinenstr. 118–121, Kreuzberg. Sa–Mo 11–19 Uhr. Öffnungszeiten: 11–18 Uhr, So 13–18 Uhr. Bis 31. Mai. Informationen zum Gallery Weekend: www.gallery-weekend-berlin.de