Ausstellungen

Gallery Weekend – Ein Wegweiser durch die Berliner Kunst

Das Gallery Weekend geht am Sonntag zuende. Ein Überblick über die wichtigen Schauen in der Stadt. Gefeiert wird natürlich auch wieder – diesmal im Kronprinzenpalais.

Elf Jahre Gallery Weekend: Das erste Maiwochenende in Berlin ist für alle, die Kunst mögen und/oder sammeln, unbedingt ein Pflichttermin – mit Lizenz zum Feiern. Die Struktur ist immer gleich, die Ausstellungen sind immer neu, das „Best of“ des Jahres: 47 Galerien bestreiten das offizielle Programm, das sich bis zum 3. Mai auf drei Tage erstreckt.

Einige der Sammler fliegen von Berlin aus direkt weiter zur Biennale nach Venedig, die Ende nächster Woche beginnt. Der Empfang für die Sammler und Galeristen am Donnerstag findet diesmal im Kino International statt, zum begehrten Dinner geht es am Sonnabend in den Kronprinzenpalais. Im vergangenen Jahr wurde im Flughafen Tempelhof mit 1200 Gästen gefeiert, das war zu groß, dieses Mal will man sich wieder auf 1000 verkleinern. Diese Ortswechsel lieben gerade die internationalen Sammler.

Die Mischung à la Berlin ist längst bewährt: Klassiker sind ebenso vertreten wie angesagte Gegenwartskunst und ganz junge Künstler, die erstmals dabei sind. „Newcomer liegen diesmal vorn“, sagt Maike Cruse, Leiterin des Gallery Weekend sowie der abc-Messe. Dazu gehört sicher Daniel Steegmann mit 3-D-Skulpturen, die man bei Esther Schipper anschauen kann. Und, ja, das Künstlerduo Calla Henkel & Max Pitegoff, die ihr temporäres New Theater in der Urbanstraße betreiben und nun bei Isabella Bortolozzi die Räume theatralisch verwandeln werden.

Das Schöne ist, dass es auch diesmal wieder neue Ausstellungslocations in der Stadt zu entdecken gibt. Dazu zählen die Box, ein charmant ausgebauter Pferdestall im Hinterhof in der Boxhagener Straße, ebenso wie das leer stehende Kaufhaus Hertzog in Mitte. Die Baustelle Palais Varnhagen von David Chipperfield in Mitte öffnet sich fürs Publikum, allerdings wird dort mit gleich drei Videoinstallationen wohl eher die Immobilie vermarktet als die Kunst.

Katharina Grosse monumental

Religion ist keine Sache des Gallery Weekends. Kunst kann natürlich heilig sein, jedenfalls werden in diesem Jahr gleich drei Gotteshäuser zu Kunsttempeln. Ein Besuchermagnet dürfte die Eröffnung von St. Agnes sein. In den ehemaligen Räumen der Gemeinde rundherum ist dazu ein kleiner Kunst-Kiez entstanden. Johann König beauftragte den Berliner Architekten Arno Brandlhuber, den brachialen Düttmann-Bau in eine Mega-Galerie umzubauen.

König ist für seine Coups bekannt, und so wird bei dieser Eröffnung mit Farbe ordentlich geklotzt. Katharina Grosse, Königin der Farbe, malt nicht, sondern sprayt. Den traditionellen Bilderrahmen hat sie längst hinter sich gelassen, die Farbe verlängert sich bei ihr in den Raum hinein, in die Architektur, bis in die Landschaft. Und jetzt nimmt sie das Gotteshaus mit der Spraydose in Beschlag.

Die Wände lässt sie allerdings unberührt, sie stehen unter Denkmalschutz. Dafür haben ihre Leinwände Format: vier mal vier Meter und zwei mal acht Meter. Das ist ein Statement, es wirke wie ein „Film der Malerei“, heißt es aus der Galerie.

Die Galerie Zak | Branicka wird neben ihrer Galerie im Stammhaus in der Lindenstraße St. Elisabeth in der Invalidenstraße öffnen. Der einschiffige Putzbau im typischen antik-griechischen Stil Schinkels wird des Öfteren für Ausstellungen genutzt. Der sakrale Raum eignet sich hervorragend für dramatische Inszenierungen wie die von Magdalena Abakanowicz, die mit 83 kindsgroßen „Bambini“ ihren Auftritt hat. Diese Figuren, jede ist unterschiedlich, zeigte sie bereits im Metropolitan Museum in New York und im Reina Sofia in Madrid.

Im Berliner Kirchenraum gewinnt dieser dunkle Figurenreigen einmal mehr an existenziellen Qualitäten. „Ich habe die Masse in die Bildhauerei eingeführt“, sagt sie über ihre Arbeit. Die 85-Jährige zählt zu den großen polnischen Bildhauerinnen – in Berlin läuten nun die Premierenglocken. Ihre „Bambini“ sind aus Material mit Ewigkeitswert: Beton.

Keine Einzel-, sondern eine vielschichtige Gruppenschau ist im Hauptschiff der St.-Johannes-Evangelist-Kirche zu sehen, „Hidden treasures“ heißt das Motto. Im Zentrum stehen hier Malerei und Zeichnung. 14 Galerien nehmen teil an „I AMsterdam YOU BErlin“, sieben aus jeder Metropole. Schon zum dritten Mal ist dieser Ausstellung während des Gallery Weekends dabei, mit wachsendem Erfolg. Aus Berlin sind Jarmuschek + Partner und Lorch & Seidl dabei. Die Stellwände sind offen im Kirchenraum verortet, sie legen dem Besucher nahe, die Werke mit dem Kirchenraum zu denken.

Kunst mit Brunnen und Geplätscher

Raus aus der Galerie: Die Nachbar der Galerie neugerriemschneider wundern sich schon seit Wochen, was da alles so in ihrem gepflasterten Hinterhof in Mitte passiert. Renata Lucas, Künstlerin aus Brasilien, Mitte 40, werkelt an einer aufwendigen Brunnen-Installation. Länger schon interessiert sie sich für Berliner Stadtstrukturen, quasi den Kiez vor der Tür. Für die Kunstwerke in der Auguststraße verlegte sie kurzerhand ein Stück Bürgersteig vor dem Haus.

Als sie über Berlins Wasserwege recherchiert, stieß sie irgendwann auf historische Brunnen aus verschiedenen Epochen. Sie ließ Abgüsse fertigen und montiert nun die drei Brunnenteile zu einem mächtigen Becken. Wasser soll es auch geben, inklusive Geplätscher. Die Frühlingsnächte werden wohl idyllisch, der Brunnen im Hof soll länger stehen als nur zum Gallery Weekend, kündigt die Galerie an. Die Nachbarn werden sich freuen.

Auch die Galerie Johnen in Mitte verlässt ihre Galerieräume im ersten Stock, wandert in den Garten. Biennale-Künstler Tino Sehgal bietet mit „This You“ wieder eine seiner „Situationen“. Nicht erschrecken: Eine Dame wird zwischen Grün und Häusermauern eigens ein für den Besucher ausgewähltes Lied vorsingen, da gab es schon Gäste, die durften sich etwa „Ein Männlein steht im Walde“ anhören. Was Sehgal herstellt, verschwindet rückstandslos. Sein Werk bleibt immateriell. Wer „This You“ kaufen möchte, bekommt ein Konzept, die Übergabe erfolgt ohne Rechnung, in Anwesenheit eines Notars.

Alles andere als immateriell ist die Malerei, ein Medium, das auch bei diesem Gallery Weekend nicht zu kurz kommt. Valérie Favre präsentiert ihr „Tier ohne Brille“ bei Barbara Thumm, Francis Picabia (1879-1953) kann man bei Michael Haas anschauen. Judy Lybke, Chef von Eigen + Art, schickt seinen coolen Hauskünstler Martin Eder ins Rennen um die beste Ausstellung der Stadt. Eder liebt Frauenpower, egal ob nackte Lolitas oder stolze Heroinen. Mit „Those Bloody Colours“ geht es blutig zu, Frauen in Rüstungen, bewaffnet mit Schwertern, verletzt im Gesicht. In der Auguststraße herrscht – zumindest zum Gallery Weekend – Malerkrieg.

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