Irgendwo in Bielefeld auf einem Dachboden liegt noch Kunst. Nichts Wertvolles, keine verschollenen Gemälde, kein neuer Fall Gurlitt. Aber trotzdem könnten es ganz interessant sein, wenn die Werke einmal das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürften. Denn hinter der Schöpferin steckt eine der wichtigsten Drahtzieherinnen Berlins in Sachen Kunst: Maike Cruse – sie ist Direktorin der Kunstmesse abc und des Gallery Weekend, das am kommenden Wochenende zum elften Mal stattfindet.
Was dort in Bielefeld auf dem Dachboden des Elternhauses lagert, sei im übrigen gut versteckt, meint sie. Was heißen soll, sie will diese Fotos und Videoinstallationen partout nicht zeigen. „Ich habe zum Glück früh genug gemerkt, dass ich nicht die geniale Künstlerin bin und mich lieber auf die andere Seite geschlagen.“
Jetzt genug von dunklen Dachböden und verstaubten Kunstwerken – wir treten in gleißender Sonne auf die verkehrsumtoste Potsdamer Straße und müssen bei diesem Lichtschock erst mal eine Weile blinzeln. Warum hat sie ausgerechnet diese wenig anheimelnde Gegend zum Spaziergang ausgesucht? Wegen des „Dalmacija-Grills“ da hinten? „Nee, da habe ich mich noch nie reingetraut“, meint sie. „Aber man sollte es mal versuchen.“ Gut, ein Grund ist, weil das Gallery Weekend hier sein Büro hier hat. Aber auch, weil Maike Cruse die Gegend „total schrammelig, aber auch interessant“ findet.
Gute Mischung
Eine dieser wunderbaren Berliner Gegensätze. Da die Dönerbude, die alte Fleischerei und das Kaufhaus Woolworth, dann wiederum die schicken, neuen Modeläden und die Galerien, die mit moderner Kunst aufwarten. Gute Mischung, sagt Frau Cruse. Ob eine Seite wohl bald die Oberhand gewinnen wird? Sie glaubt nicht: „Es dreht sich ziemlich. Aber es ist in Berlin nicht so wie in New York, dass es sich komplett dreht. Ich glaube nicht, dass man die Potsdamer Straße komplett zur Auguststraße gentrifizieren kann.“
Die Potsdamer Straße wird auch am kommenden Wochenende zu einem der Hauptorte des Gallery Weekend werden.
Kunst macht Spaß
Die Potsdamer Straße wird auch am kommenden Wochenende zu einem der Hauptorte des Gallery Weekend werden. Wenn in wenigen Tagen 47 Galerien ihre Exponate zu dem Kunstevent zeigen, hat Maike Cruse den Ehrgeiz, jede Ausstellung zu besuchen. Das gehört natürlich zu ihrem Job, ist aber nicht einfach. Denn sie ist im siebten Monat schwanger, das zweite Kind wird im Juli zur Welt kommen. Anstrengend? „Joah, geht schon. Macht zum Glück alles sehr viel Spaß.“
Und während wir die Lützowstraße hinuntergehen, versuche ich, sie für eine kleine gedankliche philosophische Exkursion zu gewinnen.
Kann Kunst glücklich machen?, frage ich.
„Mich schon“, sagt die 39-Jährige. „Ich interessiere mich für Kunst, weil sie Fragen nach Dingen aufwirft, die man vielleicht erst mal nicht versteht. Es ist eine Parallelwelt, die unsere Welt versucht zu beschreiben und zu interpretieren. Und das macht Spaß, wenn es gute Kunst ist.“ Zu Hause hat sie nur ganz wenige kleine Werke, persönliche Stücke von Freunden. „Ich würde mich nicht als Sammlerin bezeichnen.“
Einstieg über ein Praktikum
Maike Cruse hatte in London Kunst studiert, als sie 2001 nach Berlin kam. Mit ihren Eltern hatte sie die Stadt schon in den Neunziger Jahren besucht. Der Vater, Professor für Biologie, forscht über Künstliche Intelligenz und lebte deshalb eine Zeit lang im Wissenschaftskolleg. In der Zwischenzeit ging die Tochter in Ausstellungen. Vor allem die Kunst-Werke in der Auguststraße, die Klaus Biesenbach, der heutige Direktor der New Yorker Kunsthalle MoMA PS1 (die zum Museum of Modern Art gehört), mit anderen gegründet hatte, gefielen ihr. Als sie nach der Jahrtausendwende mit dem fertigen Studium in der Tasche kam, konnte sie dort ein Praktikum machen. Ein Einstieg, der auch gleich den weiteren Karriereweg ebnete. Cruse wurde Pressesprecherin.
Ein paar Jahre später gründete sie mit Freunden ihr eigenes Kunstprojekt. Der Ort war ein kleiner Raum, zehn Quadratmeter, in der Kreuzberger Schönleinstraße. Vorher standen drei Schreibtische dort, jetzt zogen eine Bar und jede Menge Kunst ein. „Die „Forgotten Bar“ machte Schlagzeilen. Denn die Ausstellungsmacher hatten sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Jeden Abend eine neue Ausstellungseröffnung. Es funktionierte. Mal hielt der Filmemacher Harun Farocki einen Vortrag, dann engagierte der Künstler Christian Jankowski einen Alleinunterhalter und installierte eine Lampe, die auf die Musik reagierte. „Die Leute haben natürlich nicht ihre klassischen Arbeiten gezeigt, die in Galerien ausgestellt werden, sondern etwas gemacht, was zu einem Abend passt.“ Es waren „barspezifische Arbeiten“.
Drei Monate, einen Sommer lang, hatten sich Maike Cruse und ihre Kollegen für das Projekt gegeben. Jeden Abend standen die Besucher bis auf die Straße, überregionale Magazine berichteten und immer mehr Neugierige wurden angezogen. Cruse stand oft hinter dem Tresen und gab Getränke aus. Sie hat wenig geschlafen in der Zeit. Und dann flatterte das Angebot der Art Basel herein, eine der wichtigsten Kunstmessen der Welt. Ob sie nicht dort die Pressearbeit übernehmen wollte? Keine Frage, so ein Angebot lehnt man nicht ab.
Ab nach Basel
Die „Forgotten Bar“ hielt noch einige Monate länger durch als geplant, allerdings folgten die Ausstellungseröffnungen dann einem wöchentlichen Rhythmus. Aber dann schloss die Tür des kleinen Kunstraums wieder und ein Büro zog ein.
„Basel“, sagt sie, „das war ein Riesenschritt. Ich habe wahnsinnig viel gelernt. Mit Kunstmarkt kannte ich mich vorher gar nicht aus.“ Sie glaubt seitdem an das Galeriesystem. „Ich finde, dass die Galerien die Künstler am meisten unterstützen. Sie bauen sie auf, kümmern sich darum, dass sie richtig ausgestellt werden, sie produzieren können und auch, dass die Preise nicht so schnell in die Höhe gehen.“ So viel Werbung für seinen Arbeitgeber muss man schon machen, wenn man für das Gallery Weekend zuständig ist.
Die Galeristenszene hier gelte als eine der weltweit interessantesten. Auf der Art Basel ist Berlin nach New York als zweitstärkste Stadt vertreten. „Das hat viel damit zu tun, dass die Künstler, die hier leben, sehr eng mit ihren Hausgalerien arbeiten und der wirtschaftliche Druck nicht so hoch ist wie in London oder New York – wo jeder Quadratzentimeter gleich kommerziell Sinn manchen muss.“
Weniger wirtschaftlicher Druck
In Berlin hätten die Galerien eine ganz spezielle Grundvoraussetzung, führt sie weiter aus. „Im Gegensatz zu Städten wie London oder New York haben wir hier einen eher schwachen Kunstmarkt. Dafür ist die Galeriedichte und -qualität sehr hoch.“ Cruse ist neben dem Gallery Weekend auch für die Kunstmesse abc zuständig, die im September stattfindet. In ihrer Berufsbeschreibung sieht sie sich als Moderatorin. Formate weiter entwickeln und dann die Galerien dafür begeistern. Aber auch Geld von Sponsoren zu bekommen, gehört dazu. „Wir haben als Firma kein Grundkapital und sind nicht profitorientiert. Von den Galerien und den Sponsoren sammeln wir Geld ein und nutzen dies alles um eine gute Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Unsere Firma gehört Galeristen, eigentlich machen wir eine Veranstaltung von Galeristen für Galeristen.“
Was ist ihre Stärke? „Dass mein Herz für die Kunst schlägt. Dass ich mit Galeristen reden kann und auch verstehe, was sie brauchen. Und vielleicht auch ein gewisser Enthusiasmus für das, was ich tue.“
Wir sind mittlerweile an der Genthiner Straße angekommen. In den siebziger und achtziger Jahren wummerte in der Hausnummer 26 die Musik der Diskothek „Sound“. Bekannt wurde sie vor allem durch eine ihrer Besucherinnen: Christiane F, die davon in ihrem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erzählte. Aber das war eine Zeit, als Maike Cruse noch ein kleines Kind war. Die Gegend wirkt auf den ersten Blick verödet, trostlos und doch haben sich hier quasi im Hinterhof der Potsdamer Straße einige Galerien eingerichtet.
Micky Schubert ist vor ein paar Wochen erst aus dem Hansaviertel in die Nummer 36 gezogen. Ihre erste Ausstellung, in der sie Werke all ihrer Künstler gezeigt hat, wird gerade abgebaut, um Platz zu schaffen, für das, was sie zum Gallery Weekend präsentieren will: Skulpturen und Fotos der dänischen Künstlerin Benedicte Gyldenstierne Sehested.
Erst Möbel, dann Kunst
In den Räumlichkeiten war zuvor 50 Jahre lang ein Möbelgeschäft, dann standen sie lange leer, bis Micky Schubert einzog. Sie erzählt, dass sie nur fünf Minuten von hier entfernt wohnt. Auch das sei ein Grunde für den Wechsel. „Ich habe eine Tochter, da braucht man zeitsparende Wege.“
Zwei Stockwerke über ihr gibt es seit vier Jahren die Galerie „Société“. Auch hier wird umgebaut für das Gallery Weekend. Der gebürtige Berliner Timur Si-Qin wird seine Arbeiten zeigen. Aber im zweiten Stock, ist das nicht ungewöhnlich? Viele Galerien, die vorher im Erdgeschoss waren, würden sich für eine obere Fläche entscheiden, meint Maike Cruse. Und zwar, um gezielt Gäste zu haben. Daniel Wichelhaus, einer der Chefs von „Société“, sagt es so: „Wir wollten ein bisschen privater sein. Mir ist es lieber, die Leute wissen wo es ist und kommen deswegen dahin, als dass jemand durch Zufall reingeht.“
Manche Besucher können nämlich ganz schön nervig sein, wenn sie in eine Galerie reinschneien. Dann muss man Fragen begegnen wie: Ist das ein Bild? Bist du der Künstler? Oder auch mal dem Satz: Meine Mutter malt auch Bilder.
Die „Société-Betreiber“ haben mit einer riesigen Altbauwohnung als Galerie angefangen, mittlerweile haben sie immer mehr Räume dazu gemietet. Einiges, eine Etage tiefer, muss noch saniert werden.
Maike Cruse und ich treten wieder nach draußen und gehen langsam die Pohlstraße entlang zu unserem Ausgangspunkt. Ich frage sie, was sie sich für die Kunststadt Berlin wünscht: „Ich hoffe, dass der Markt stabiler wird, sodass sich Galerien und Künstler hier halten können. Dass Berlin nicht nur Künstler-, sondern auch Kunstmarktzentrum wird. Die Zeichen stehen gut, denn es wird immer mehr auch innerhalb von Berlin verkauft.“ Und noch ein Wunsch: „Dass Berlin weiterhin eine Stadt bleibt, wo sich Künstler wohl fühlen und wo es die Freiräume gibt, die sie benötigen.“
Sie hat unter dem jetzigen MoMA PS1-Leiter Klaus Biesenbach gearbeitet – ist New York auch für sie eine Option? „Grundsätzlich schon. Aber mit kleinen Kindern momentan nicht. Vielleicht dann, wenn sie aus dem Haus sind.“ Sagt’s und legt die Hand auf den Bauch. Gut zu wissen, dass es jetzt erst mal andere Lebensvorstellungen gibt.
Das Gallery Weekend findet in diesem Jahr vom 1. bis 3. Mai statt, zum elften Mal in Berlin. 47 Galerien nehmen teil. Zahlreiche Künstler zeigen an Orten zwischen Charlottenburg und Mitte ihre Arbeiten. Mehr Informationen zum Programm gibt es unter: www.gallery-weekend-berlin.de



