Berlinale

Für die Kunst geht das Festival in die neue Kirche St. Agnes

In St. Agnes in Kreuzberg feiert das Forum Expanded analoge Filmtechniken. Zwölf internationale Beiträge gibt es in der Black Box aus Beton zu sehen. Ein Besuch.

Foto: Massimo Rodari

Frau Hoffmann macht das gut, sehr gut sogar. Frau Hoffmann kocht Tee, besser gesagt sie zelebriert diesen Vorgang. Tässchen auf den Tisch stellen, Wasser brühen, Tee auswählen, einschenken. Wie sie das so macht, sieht sie bald aus wie eine moderne Heilige, die ihre Reliquien Tag für Tag fein säuberlich ordnet.

Passt auch irgendwie, denn Frau Hoffmann ist in St. Agnes, der alten Kreuzberger Kirche, zu sehen, dem diesjährigen Ausstellungsort des Forum Expanded mit dem kryptischen Titel „What Do We Know When We Know Where Something Is“.

Frau Hoffmann, die bekannte Berliner Kunstsammlerin, hat es auf das ästhetisch reduzierte schwarzweiße Loop des US-Videokünstlers Robert Fenz geschafft. Er hat sich auf Porträts spezialisiert. Wo einmal der Altar stand, gibt es nun „Tea“. Und tatsächlich hat dieses alltägliche Ritual fast religiösen Charakter.

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Hier stehen an diesem Abend die meisten Besucher, auch weil Frau Hoffmann quasi über einen riesigen Filmapparat läuft, wir zählen etwa 120 kleine Spulen, es rattert und knattert ganz wunderbar. Ein fast vergessener Sound in dieser Dunkelheit.

Poesie der analogen Technik

Die Poesie des analogen Filmemachens- und guckens kehrt zurück. Überhaupt feiert das Analoge hier seine Auferstehung, alte Plattenspieler, Dia-und Filmprojektoren dienen als Requisiten einiger Installationen wie bei Azin Feizabadi und Jakrawai Nilthamrong. Viele strömen also in den alten Kirchenklotz in der Kreuzberger Alexandrinenstraße.

Zwölf Beiträge sind präsentiert. Zu Gottesdienst-Zeiten hätten die Pfarrer sich diesen Zulauf gewünscht. Nun sieht man pensionierte Museumschefs mit jungen Cineasten plaudern, und mittendrin kann sich Galerist Johann König freuen über die Reunion von Kunst und Kino im ewigen Beton dieses Brutalismo-Baus.

Fensterlos funktioniert das ehemalige Gotteshaus wie eine ideale Black Box, bestens geeignet für filmische Installationen jeder Art und größerer Dimension. Alles frei, alles offen für cineastische Schattenspiele. Demnächst wird König hier seine Galerie eröffnen. Wir steigen auf den Turm, die schmalen Treppen hinauf. Hier oben sieht man nur Beton überm Kopf, aber dem Himmel ist man sehr nah.

Brieftaube im Flug als Soundinstallation

„Music for Drifting“ ist eine Soundinstallation, bestehend aus den luftigen Geräuschen einer Brieftaube beim Flug. Malak Helmy begleitete den Vogel mit dem Mikrofon im Norden Ägyptens, fünf Orte flog sie an, auch den alten Hafen am Rand Alexandrias. Ohrenbetäubend laut ist es, als sei eine Boeing gerade kurz vor dem Start.

Zeit für Clemens von Wedemeyers beeindruckendes „Afterimage“. Wie ein klappriger Geist – Schritte sind zu hören – durchwandert die Kamera die verwaiste Requisiten- und Skulpturenwerkstatt der römischen Cinecittà.

Per Laserscan sind wir mittendrin. Eine unheimliche Versammlung von Göttern, Engeln, Heiligen, Arme, Füße, Köpfe. Alles Kopien, ein Spiel der Illusionen. Und trotzdem: Es lebe die alte Traumfabrik, es lebe St. Agnes.

Forum Expanded, St. Agnes, Alexandrinenstr. 118-121. Bis 17.2.