Rückkehr ins eigene Haus

Künstlerische Visionen benötigen entsprechende Technik

| Lesedauer: 8 Minuten
Uwe Sauerwein

Foto: Deutsche Oper Berlin / Ulrich Niepel

Die Erneuerung der Obermaschinerie ist abgeschlossen. Die Deutsche Oper Berlin kann endlich wieder im Großen Haus spielen, auf einer der modernsten Bühnen Europas. Ein Besuch vor Ort.

Blöße hat ihren Reiz. Das gilt auch für Theaterbühnen. Keinerlei Kulisse ziert die große Spielfläche der Deutschen Oper Berlin, trotzdem präsentiert sie sich atemberaubend attraktiv. Vor allem wenn man von oben auf sie runter schaut, aus 27 Metern Höhe von der vierten Arbeitsgalerie herab. Die befindet sich direkt unter dem Schnürboden, und man sollte schwindelfrei sein, denn die Galerie schwankt leicht und man fühlt sich ein wenig wie ein Seemann im Ausguck.

„Wussten Sie nicht, dass die ersten Bühnenarbeiter Matrosen waren?“, fragt Uwe Arsand, der Technische Direktor, und meint das wahrscheinlich ernst. Scherze scheinen hier, in der Obermaschinerie von Deutschlands zweitgrößtem Opernhaus, nicht angebracht. Auch jetzt nicht, da die Deutsche Oper mit der neuen Obermaschinerie über eine der modernsten Bühnen Europas verfügt.

Erfolgreiche „Auswärtssaison“

Als im Mai die alte Anlage komplett demontiert wurde, begann die dritte und umfangreichste Bauphase an der Bismarckstraße. Die Sommerpause reichte dafür nicht aus, die Deutsche Oper war gezwungen, an andere Spielorte auszuweichen. Was mehr als nur eine Notlösung war, wie Chefdramaturg Jörg Königsdorf resümiert: „Mit dem Parkdeck haben wir einen tollen neuen Spielort für uns entdeckt. Wir haben zudem Präsenz gezeigt in der Philharmonie, im Haus der Berliner Festspiele und anderswo.“ Die Botschaft, dass Musiktheater auch abseits der großen Häuser funktionieren kann, sei angekommen. „Aber wir sind alle froh, endlich wieder im großen Haus spielen zu können.“

Wenn sich am 27. November der Vorhang für „Der Nussknacker“ mit dem Staatsballett Berlin öffnet, haben Uwe Arsand und sein Team kurz zuvor noch jede Menge technische Prüfungen und amtliche Abnahmen überstanden, die sich von früh morgens bis spät abends hinzogen. Für Arsand, der seinen ersten großen Bühnenumbau 1999 im Berliner Ensemble zu Claus Peymanns Antritt meisterte, war das Unternehmen im Opernhaus der bisher schwierigste Auftrag seiner Laufbahn. Das Budget von 20 Millionen Euro wurde nicht gesprengt und auch der Zeitplan eingehalten. „Die Kollegen der Maschinenabteilung sind nach Dresden gefahren und wurden dort in die neue Technik eingewiesen.“ Schlaflose Nächte habe er während des Umbaus nicht gehabt, so der Technische Direktor. „Natürlich wird es am Ende knapp. Es ist auch nicht alles reibungslos verlaufen, aber das ist doch normal“, meint Arsand und vergleicht die Spannung bei den Baumaßnahmen mit der vor einer Opernpremiere. „Mit dem Unterschied, dass wir wissen, wie es ausgeht. Der Regisseur muss warten, wie das Publikum reagiert.“

Die alte Technik machte Probleme

Ein Teil der alten Obermaschinerie stammte noch von 1961, dem Jahr der Eröffnung des Opernhauses. Hauptproblem: „Die Maschinerie war nicht mehr zuverlässig“, so Arsand. „Bisweilen hat die Elektronik ausgesetzt. Dazu kam es zu Verzögerungen beim Aufbau oder zum Ausfall von Verwandlungen. Zum Glück hielt sich das alles in Grenzen.“ Es waren oft kleine, aber wichtige Details, die bei manchen Produktionen dann nicht wie gewohnt funktionierten. In Katharina Thalbachs zauberhafter Inszenierung „Das schlaue Füchslein“ schwirrten die Libellen nicht mehr durch die Luft, sondern blieben am Boden. In Verdis „Otello“ schwebte vor Desdemonas Nachtgebet das Bett nicht wie vorgesehen von oben herunter. Schwierig auch einmal die Situation bei „Tristan und Isolde“: Wichtiger Bestandteil der Inszenierung ist eine überdimensionale Lampe, die gewissermaßen als „Drittes Auge“ die Protagonisten begleitet. „Weil ein Zug, an den dummerweise das Gestell für die Lampe gekoppelt war, blockierte, mussten wir sie an diesem Abend weglassen“, erinnert sich Arsand. Jetzt können die 60 Produktionen im Repertoire für die Hauptbühne wieder komplett so gespielt werden, wie sie konzipiert waren.

Doch es geht nicht allein um die Technik, erklärt Chefdramaturg Königsdorf. „Aus dem Eröffnungsjahr 1961 existiert noch die Fernsehaufzeichnung des ,Don Giovanni’. Wer sich die DVD anschaut, merkt: Das hat mit dem, was heute szenisch nötig ist, um ein Publikum für Oper zu interessieren, nichts zu tun.“ Das betreffe nicht nur die individuelle Darstellung, sondern auch Licht, Kostüm und Bühnenbild. In den 60er-Jahren sei in den meisten Haushalten das Fernsehen eine Novität gewesen, so Königsdorf. „Heute leben wir in einer Welt medialer Reizüberflutung. Man braucht daher ganz andere Mittel, um glaubwürdig zu erscheinen.“ Ziel sei es, völlig unterschiedliche künstlerische Handschriften präsentieren zu können. „Regisseure kommen heute aus verschiedensten Richtungen“, erklärt der Chefdramaturg. „Sasha Waltz vom Tanz. Oder Romeo Castelucci, den die ,Opernwelt’ gerade zum Regisseur des Jahres wählte, von der Bildenden Kunst.“ An den Apparat würden daher immer wieder neue Anforderungen gestellt, deshalb sollte man technisch optimal gerüstet sein.

Maschinerie verändert Arbeitsprofile

Die Hochrüstung gestaltete sich folgendermaßen: Komplett neu eingebaut wurden 55 Maschinenzüge auf der Hauptbühne, 5 Beleuchtungszüge, 4 Arbeitsgalerien, 20 Punktzüge, die aus nur einem Seil bestehen und kleine Teile bewegen. Dazu kamen rechts und links jeweils 3 neue Panoramazüge, neue Portaltürme und eine neue Portalbrücke, neue Übergangsstege und je 6 neue Haxenzüge auf jeder Seite, die schnell ausschwenkbar sind und die schnelle Herstellung einer Gast-Bühne möglich machen. Auf der Hinterbühne wurden 16 neue Maschinenzüge installiert, 2 so genannte Scherenzüge für einen Spiel- und einen Hauptvorhang wurden neu eingebaut. Konnte vorher der Vorhang nicht hochgezogen werden, so lässt er sich jetzt auf 27 Meter ganz nach oben bewegen. Auch für die Beleuchtung gibt es eine völlig neue Ausstattung.

Die neue Obermaschinerie ändert zudem die Arbeitsprofile. „Die bisherigen Maschinenzüge erlaubten uns nur Lasten bis zu 300 Kilogramm, jetzt kann jeder Zug bis zu 750 Kilogramm aufnehmen. Das erleichtert wesentlich Auf- und Abbau sowie die Einrichtung“, nennt Uwe Arsand ein Beispiel. Die Maschinenzüge wurden vorab schon im Werk geprüft, sodass man nicht mit bösen Überraschungen rechnen muss. In der vergangenen Saison gab es eine Rückholaktion für 16 Züge, die man testweise eingebaut hatte, die aber viel zu laut waren. Mehr als 35 Dezibel, das entspricht etwa dem Rauschen von Blättern, sind für den Opernbetrieb ungeeignet.

Investitionsstau über Jahre

Der Brandschutz, der an einer anderen berühmten Baustelle Berlins für Verzweiflung sorgt, spielt auch in der Deutschen Oper eine wesentliche Rolle. Eine automatische Löschanlage sei eingerichtet worden, so Arsand. „Künftig reicht ein Druckknopfmelder aus, dass innerhalb einer Minute das Löschwasser kommt.“ Um das Foyer und die sanitären Anlagen auf den neuesten Stand bringen zu können, seien noch Gespräche beim Senat erforderlich. „Das ist nicht mit ein paar Tausend Euro zu machen, über die Jahre ist hier ein Investitionsstau entstanden.“ Bauarbeiten sind jedenfalls frühestens in der nächsten Spielzeitpause möglich. Auf jeden Fall ist noch eine Sanierung des Dachs geplant. „In die Probebühne, den ehemaligen Malsaal, regnet es manchmal rein.“

Viel Zukunftsmusik also noch, aber das gehört zu einem Opernhaus. Das wusste zum Beispiel schon Giacomo Meyerbeer, der Berliner Komponist, der im 19. Jahrhundert in Paris nicht zuletzt auf atemberaubende Ausstattungen setzte. Der große Meyerbeer-Zyklus, den die Deutsche Oper Berlin angehen wird, wäre ohne die neue Technik so wohl nicht realisierbar. „Wir bieten jetzt einen Rahmen, der für ein Opernhaus im Jahr 2014 wirklich sehr gut ist“, so Chefdramaturg Königsdorf. „Aber Visionen entwickeln sich zwangsläufig weiter. In 50 Jahren sitzt man vielleicht wieder hier und denkt: Wir haben da diese veraltete Computertechnik, jetzt macht man wieder ganz andere Sachen.“ Oper war, ist und bleibt eben work in progress.