Ein bisschen düster ist es im Wohnzimmer, aber Alexandra Hutton gefällt das. Sie nennt die Wohnung im ruhigen Halensee ihre „kuschelige Höhle“. Sie hat einen kleinen Garten zum Entspannen und ein E-Piano, an dem sie ihre Partien durchgehen kann. 40 Minuten läuft die Sopranistin bis zur Bismarckstraße, zur Deutschen Oper Berlin. Sie ist richtig gern als Spaziergängerin unterwegs. „Ich liebe es, die Berliner Straßen und Häuser zu betrachten. Alles sieht so anders aus als daheim in Australien.“

Seit einem guten Jahr lebt und singt sie in Berlin. An der Deutschen Oper war sie unter anderem schon als Papagena in der „Zauberflöte“, Giannetta im „Liebestrank“, Barbarina in „Die Hochzeit des Figaro“ und Annina in „La Traviata“ zu erleben. Gerade studiert sie die Lisette in Puccinis Oper „La Rondine“, eine ihrer bisher größten Rollen, die sie in ihrer Studentenzeit schon einmal verkörpert hat. Sie übt zu Hause allerdings nur, wenn die Nachbarn mit dem Kleinkind nicht da sind.

Fernbeziehung nach der Hochzeit

Alexandra Hutton teilt sich die Wohnung mit dem Tenor Matthew Newlin, der wie sie selbst ein Stipendium des Förderkreises der Deutschen Oper Berlin erhält. „Ich lebe überhaupt nicht gern allein, und schon gar nicht in einem fremden Land. Vielleicht liegt das daran, dass ich einen Zwillingsbruder habe“, überlegt sie. Ihr Ehemann, der Bassbariton und Regisseur John Savournin, ist nicht eifersüchtig auf den Mitbewohner: „Er kennt ihn gut, und außerdem sind wir doch gerade erst frisch verheiratet.“

In London fand die Hochzeit statt, dann blieb noch eine Flitterwoche auf Maltas kleiner Nachbarinsel Gozo, bevor sich die beiden wieder trennen mussten. Natürlich wollen sie zusammen leben und auch Kinder bekommen, aber wann und wo? Sie hat ihr Stipendium in Berlin, er all seine Engagements in Großbritannien. „Im Moment gibt es viele Fragezeichen. Aber als junger Sänger muss man eben da sein, wo man gerade gefragt ist“, sagt sie mit einem Schulterzucken.

Ein Stück über das Unterwegssein

Das internationale Künstlerleben, das sich für Alexandra Hutton zwischen Sydney, Berlin und London abspielt, ist spannend, hat aber auch seinen Preis. Davon erzählt das Stück „In Transit“, für das Alexandra Hutton mit sechs Sängerkollegen und der Regisseurin Eva-Maria Abelein gerade probt. Es spielt in einer Transithalle und handelt vom Unterwegssein.

„Für mich ist das ein sehr persönliches Stück, das viel mit unserem Sängerleben zu tun hat“, verrät die Sopranistin. „Man fühlt sich als Sängerin oft allein, wenn man viel reist. Man lernt ständig neue Orte und Menschen kennen, muss sich immer beweisen, reist dann wieder weiter und erreicht nie ein Ziel. Davon zeigt das Stück sehr viel.“

Eine Art Oper darf man bei der Uraufführung von „In Transit“ am 6. November in der Tischlerei nicht erwarten. Die Opernsänger, die das Stück mit Hilfe von Improvisation entwickeln, geben andere Einblicke in ihren Hintergrund und ihre Lebensreise.

Persönliche Sänger-Erfahrungen

„Wir sind eine tolle Sängertruppe aus ganz verschiedenen Ländern und Altersgruppen. Fast jeder spielt ein Instrument. Es wird ein vielfarbiger Abend mit Liedern aus unseren Heimatländern“, verspricht die Sängerin. Zwischen Operette und Broadway, Liedern aus dem Kosovo und Rockballaden ist alles dabei. Alexandra Hutton hat sich für den bekannten „Ship Song“ von Nick Cave entschieden. Sie begleitet sich dabei selbst auf der Gitarre. Das wird ihren Vater freuen, denn von ihm hat sie das Instrument gelernt.

Mit dem Belvedere-Wettbewerb in Wien begann ihre junge Karriere. Sie gewann den Sonderpreis der Deutschen Oper Berlin und bekam ein Engagement als Papagena. Das ist eine ihrer liebsten Rollen, da kann sie ihr komödiantisches Spieltalent ausleben.

„Mein Debüt an der Deutschen Oper gab ich an meinem Geburtstag im Januar 2012. Ich erinnere mich an keine Sekunde dieser Vorstellung, weil ich so aufgeregt war“, sagt sie. „Aber es kann nicht ganz schlecht gewesen sein, denn danach luden sie mich zum Vorsingen für das Stipendium ein.“

Das Opernensemble als Familie

Nun hat sie ihr erstes Jahr schon hinter sich. Sie nennt es „wunderbar, aber nicht einfach“. Sie schwärmt von dem großen Haus und den tollen Kollegen. Nie hätte sie sich vorstellen können, mit Leo Nucci auf der Bühne zu stehen oder eine Produktion mit Rolando Villazón einzustudieren, von dem sie immer ein Riesenfan war.

Im Ensemble fühlt sie sich beschützt und unterstützt. Doch das hilft alles nichts, wenn sie hinaus auf die Bühne muss. Bei vielen Produktionen, vor allem bei Wiederaufnahmen, gibt es nur wenige Proben. Manchmal hat sie vor der Vorstellung gar keine Orchesterprobe. „Das ist eine harte, aber sehr gute Schule. Wenn man lernt, mit dieser Art von Druck umzugehen, ist alles andere ein Spaziergang.“

Früher kannte die Sopranistin überhaupt kein Lampenfieber, inzwischen aber schon. Die vielen kleinen Rollen, die sie hier zu geben hat, findet sie schwieriger als große Partien, weil sie eine gefühlte Ewigkeit lang wartet, bevor sie dann punktgenau ihren kleinen Beitrag abliefern muss. Trotzdem ist sie einfach glücklich, Teil der Opernfamilie zu sein.

Von Australien nach Berlin

Besonders gern denkt sie an Jakop Ahlboms besondere „Hoffmann“-Produktion in der Tischlerei zurück und an „Jenůfa“, in der sie den Hirtenjungen Jano spielte. Die DVD von der Produktion ist noch nicht erschienen, deshalb hat sie die Aufnahme noch nicht gesehen. Anders ihre Eltern: Als Vater und Mutter zur Hochzeit von Australien nach London flogen, zappten sie im Flugzeug durch die Videokanäle und sahen plötzlich und überraschend ihre Tochter in „Jenůfa“!

Ihre Eltern sind beide Lehrer und nicht ganz unschuldig an der frühen Liebe ihrer Tochter zur Musik. Beide sind Opernfreunde und hörten viele Opernarien auf Kassetten und Platten. Ihre Mutter fragte sie oft: „Wer singt da gerade?“ Spielerisch lernte sie früh, die Stimmen von Pavarotti, Domingo oder Gedda zu unterscheiden. Mit ihrem Vater sang sie, wenn er Gitarre spielte. Sie selbst lernte Klavier und Flöte. Ihre erste Opernvorstellung erlebte sie allerdings erst mit 17 Jahren bei einer Klassenreise nach Sydney. In dem 1000-Seelen-Örtchen Bingara auf dem Lande gab es kein Musikleben.

Frühe Liebe für Theater und Musik

Nach der Schule zog Alexandra Hutton nach Sydney, um Musik zu studieren. Sie spielte gern Theater, wollte aber unbedingt auch Musik in ihrem Leben haben. Sie dachte, dass sie vielleicht Musiklehrerin werden könnte und begann außerdem, in Musicals aufzutreten. Gleichzeitig merkte sie, wie gut es sich körperlich anfühlte, Mozart-Arien zu singen. Sie konnte sich nur nicht vorstellen, dass sie gut genug sein konnte für die Opernbühne.

Zwei Jahre lang tourte sie mit der OzOpera Schools Company durch Australiens Südosten. „Das war der härteste Job, den ich je hatte“, erinnert sie sich. „Es gab oft drei Vorstellungen am Tag mit Kurzfassungen der ‚Zauberflöte‘ oder von ‚La Cenerentola‘. Wir fuhren im Bus zur Schule, bauten das Bühnenbild auf, führten die Oper auf, bauten die Dekoration wieder ab, luden alles in den Bus und fuhren zur nächsten Schule.“ Danach entschloss sie sich, es wirklich als Opernsängerin zu versuchen, zog nach London und studierte am Royal College of Music.

Viel Selbstbewusstsein gewonnen

„Ich liebe und vermisse Australien, aber es gibt dort einfach nicht genug Arbeit für Sänger. Ich musste nach Europa“, erklärt sie. Sie lernte viel in den Meisterklassen von Sir Thomas Allen, Thomas Quasthoff, Ileana Cotrubaş, Claudio Desderi und Malcolm Martineau.

In den vergangenen drei Jahren gab sie ihr Konzertdebüt mit dem Royal Philharmonic Orchestra in Góreckis 3. Sinfonie. Sie sang mehrfach beim Aldeburgh Festival und bei der Uraufführung von Christopher Bowers-Broadbents Krimi-Oper „The Face“.

„Ich fände es nicht schlimm, wenn ich nie an der Met oder in Covent Garden singen würde. Ich will das Publikum einfach nur mit auf eine Reise nehmen, möchte auf meine Art musikalische Geschichten erzählen“, meint sie. Inzwischen glaubt Alexandra Hutton an sich als Opernsängerin. Sie musste hart arbeiten, um das nötige Selbstbewusstsein zu gewinnen. Sie lacht, wenn sie sagt: „Manchmal muss ich mich immer noch kneifen, um festzustellen, ob ich nicht träume.“

„In Transit“: Uraufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin. Premiere am 6. November, 20 Uhr. Weitere Aufführungen 8 und 9. sowie 17. bis 19. Nov., jeweils 20 Uhr. Karten unter Tel.: 030 343 84 343 oder www.deutscheoperberlin.de