„Das Märchen handelt von Gier. In dieser Welt hier, in der wir alles bekommen können, ist das ein interessantes Thema“, findet die Regisseurin Annechien Koerselman. „Man muss sich doch fragen: Was ist wirklich wichtig, wie finden wir echtes Glück?“ In der Kinderoper „Gold“ können die Menschen nicht alles bekommen. Sie sind sehr arm, denn das Libretto von Flora Verbrugge basiert auf dem Grimm’schen Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“.
Eine wesentliche Änderung hat die Holländerin in der Geschichte vorgenommen. Die Hauptperson ist der kleine Junge Jacob, der den Wünsche erfüllenden Fisch aus dem Meer zieht. Ganz bescheiden und vernünftig wünscht er sich Schuhe. Erst die Eltern zu Hause beginnen mit der großen Wunschliste. Schuhe für die ganze Familie, ein Haus, ein Palast. Mit immer neuen Ideen schicken die Eltern Jacob ans Meer. Mit jedem Wunsch wird der Fisch magerer, auch das Meer wird immer düsterer. Der Junge merkt, dass etwas nicht stimmt, aber die Eltern sind unersättlich.
Koproduktion mit Theater Sonnevanck
Der Holländer Leonard Evers hat die Musik zu dem Stück geschrieben. Der junge Komponist ist noch nicht einmal 30 Jahre alt, hat aber schon eine lange Werkliste vorgelegt. Für die Bühne schreibt er besonders gern, und „Gold“ ist bisher sein erfolgreichstes Stück. Es ist eine Koproduktion des Theaters Sonnevanck in Enschede und der Deutschen Oper Berlin. In Holland hat die Uraufführung schon vor zwei Jahren stattgefunden, am 5. Dezember ist die Berliner Premiere in der Tischlerei. Schon für Februar bereiten die Sächsischen Landesbühnen eine neue Produktion von „Gold“ vor.
„Der Komponist, die Librettistin und ich haben das Stück von Anfang an gemeinsam entwickelt“, erklärt Regisseurin Koerselman. „Flora kam mit einem Vorschlag für eine Szene, Leonard ließ sich davon zum Komponieren anregen und sah dann zu, wie ich es auf der Bühne umsetzen wollte. So eine enge Zusammenarbeit ist wirklich ungewöhnlich.“ Menschen ab fünf Jahren sind eingeladen, das Musiktheaterstück zu besuchen. Es gibt nur die Sängerin Christina Sidak und einen Schlagzeuger auf der Bühne – eine aparte und seltene Kombination.
Wünsche der Eltern im Koffer
Die Regisseurin verspricht, dass es kurzweilige 40 Minuten werden. „Die Musik ist interessant und vielseitig, sie hat Jazz-Elemente, und man kann die Melodien gut nachsingen“, so Annechien Koerselman. Die Sängerin singt, erzählt die Geschichte und spielt verschiedene Rollen. Wenn sie die Mütze auf dem Kopf hat, ist sie Jacob, sonst die Mutter oder der Vater. Auch der Schlagzeuger spielt mit und übernimmt wechselnde Figuren in dem Märchen. Was sich die Eltern wünschen, steckt auf der Bühne in Koffern. Immer neue Koffer mit wertvollen Dingen werden geöffnet.
Wichtig ist es der Regisseurin, dass die Kinder nicht nur zusehen, sondern selbst mitmachen. Sie spielen das Meer, das immer dunkler und bedrohlicher wirkt, je öfter sich Jacob etwas wünschen muss. Vor der Aufführung üben die Kinder die Bewegungen und Geräusche des stürmischen Meeres.
Insgesamt sechs Mal sind sie an der Reihe und spielen das immer heftigere Donnerwetter. Am Ende ist alles wie am Anfang, Jacob und seine Eltern erkennen, dass Liebe und Zusammenhalt in der Familie mehr zählen als das ganze Gold.
Spaß mit ernstem Hintergrund
„Ich selbst bin sehr ungeduldig und versuche immer so zu inszenieren, dass ich mich nicht langweile“, meint Annechien Koerselman. „Es passiert immer etwas Neues, wir setzen auf viel Energie und Bewegung. Es gibt Spaß und Spiel für die Kinder, und doch hat es einen ernsten Hintergrund und soll auch für Erwachsene interessant sein.“ Die holländische Regisseurin liebt Märchen, die uns etwas über das Leben erzählen, und sie inszeniert sehr gern für Kinder, die die Bühnenillusionen für wahr halten. Mit der Librettistin Flora Verbrugge arbeitet sie in Holland demnächst an dem Märchen „Das hässliche Entlein“. Auch mit dem Komponisten Leonard Evers macht sie ein neues Stück.
Zweites Standbein in Berlin
Die einfallsreichen und klangorientierten Inszenierungen der jungen Regisseurin sind nicht nur in ihrem Heimatland gefragt. Annechien Koerselman, die regelmäßig Romane für die Bühne adaptiert, Theaterstücke schreibt und den „Junge Ohren Preis 2012“ erhielt, baut sich in Berlin ein zweites Standbein auf. Ihre Inszenierung des Kinder-Musiktheaterstücks „Kannst du pfeifen, Johanna“ hatte viel Erfolg an der Deutschen Oper Berlin. Schon im Juni kehrt sie nach Berlin zurück. Dann inszeniert sie für die Berliner Philharmoniker die Uraufführung von Jonathan Doves Kinderoper „Was lauert da im Labyrinth?“
Premiere am 5. Dez., 16 Uhr, Tischlerei. Weitere Termine: 7.12., 16 Uhr, 9.-12.12., 11 Uhr, 21.12., 16 Uhr, 22.12., 11 Uhr sowie im Februar und März





