20 Jahre danach: Es war 1994, als – Sensation, Sensation – die Geschwister Pfister, Berlins damals angesagtestes Comedytrio, erstmals in einer Operette spielte. „Im weißen Rössl“ in der Bar jeder Vernunft. Eine triumphale, unvergessene Produktion. Es gab noch eine zweite, „The Voice of Snow White“ im Hebbel-Theater, die aber zurecht vergessen ist.

Immer aber wollten die drei noch einmal zusammen groß Operette machen. Als Geschwister haben sie sich auf der Bühne in letzter Zeit rar gemacht. Christoph Marti alias Ursli Pfister hat sich die Musical/Operetten-Schiene zunehmend ausgebaut, mit Produktionen wie „Hello Dolly“ in Bern und „Die Csardasfürstin“ in Köln, wo er, selbstredend, die Titelrolle spielte. Erst im September vergangenen Jahres feierten die Geschwister als solche fröhliche Wiederauferstehung in der Bar, mit dem neuen Programm „Wie wär’s, wie wär’s“.

Jetzt aber kriegt das inzwischen langlebigste Berliner Comedy-Trio noch einmal eine große Bühne für die Operette, die sie tatsächlich schon seit 20 Jahren machen wollen: „Clivia“. Und zum ersten Mal an einer Opernbühne in der eigenen Stadt. An der Komischen Oper, die zum einen ihr Haus für die Operette öffnen und zum anderen ganz bewusst mit der schwulen Nische ein neues Publikum umwerben, um das Haus zu füllen.

Ein wenig muss man auch an Bollywood denken

„Clivia“, im Dezember 1933 am Nollendorfplatz uraufgeführt, ist eine längst vergessene Operette von Nico Dostal. Nicht aber, wie im Fall der letzten Operette des Hauses, „Ball im Savoy“, weil der Komponist jüdisch war und diese Art der jüdischen Unterhaltung ausgemerzt wurde. „Clivia“ hat wohl einfach Staub angesetzt. Und die Musik prägt sich nicht wirklich ein. Schon auf dem Nachhauseweg gibt es keine Melodie, die wir noch vor uns hinpfeifen würden.

„Clivia“ spielt in Boliguay, natürlich ein südamerikanischer Fantasiestaat, was nicht nur der Mix aus Bolivien und Uruguay ahnen lässt, sondern auch die feurigen Rhythmen des Stücks. Aber ein wenig muss man auch an Bollywood denken, geht es hier doch auch darum, dass man in der exotischen Fremde einen Film drehen will und dies mit viel Sangeseinlagen ausdrückt.

Wobei: Der Film ist ja nur eine Finte, um in das Land zu gelangen, um dort mit amerikanischen Dollars den Herrscher zu stürzen. Der Plan geht nicht auf: Die Crew darf nicht mal einreisen. Es sei denn, jemand opfert sich und heiratet den erstbesten Boliquaisten. Ausgerechnet der Star des Films wird dazu überredet, nicht ahnend, dass es der Präsident höchstselbst ist, der sich da als Goucho verkleidet. Und so nehmen die Intrigen und Liebesspiele ihren Lauf.

Lauter aufreizende junge Damen in strengen Uniformen

Regisseur Stefan Huber lässt große Bühnenbilder auffahren. Pappkulissen, die jederzeit als solche erkannt und verschoben werden. Dann aber auch eine genregerechte Showtreppe, auf dem quasi das Orchester sitzt. Dazu gibt es noch einen grandiosen Amazonenkorps, lauter aufreizende junge Damen in strengen Uniformen. Da weiß man doch, warum das Stück gerade am Weltfrauentag Premiere hatte. Und Andreja Schneider alias Fräulein Schneider darf die Truppe anführen. Was für ein Auftritt. Was für ein Applaus.

Den größten Szenenbeifall kriegt natürlich Christoph Marti (alias Ursli Pfister), wenn er als fleischgewordene Reinkarnation von Jean Harlow auftritt. Mit blonder Perücke, weißem Rock und lila Handschuhen und Federhütchen. Tobias Bonn (alias Toni Pfister) kommt daher wie Douglas Fairbanks jr. als Zorro, mit knallender Peitsche. Der arme Stefan Kurt muss den bösen Intriganten spielen, aber wie sich profilieren, wenn alle die Geschwister sehen wollen?

Es gibt große Ensemble-Einlagen und herrliche Tanzmomente, manchmal stehen bis zu 70 Leute auf der Bühne. Aber der Coup ist die Pfister-Besetzung, auf sie ist der ganze Abend konzentriert, vielleicht auch reduziert. Es ist schon erstaunlich, wie man einen Beinahe-Staatsstreich auf die Bühne bringt und dazu Pappmaché-Panzer auffährt, ohne auch nur eine Anspielung auf Putin oder andere politische Seitenhiebe zu verteilen. Aber auch der doppelte Film-Boden wird eigentlich nicht groß weiterverfolgt. Und warum eigentlich ein Mann die Titelrolle spielt, wird auch nie thematisiert. Dabei hätten der Mann im Rock und die strammen Amazonen sich doch geradezu angeboten, geschlechtsspezifische Klischees genüsslich durch den Kakao zu ziehen.

Fast alle Vorstellungen sind schon ausverkauft

Die Pfisters müssen es richten. Wer nun aber einen Geschwister-Pfister-Abend erwartet, wird auch enttäuscht. Als Trio sind sie ja fest eingespielt, da wissen sie zu improvisieren, mit sich zu spielen, auch mal die Zeit anzuhalten und neben sich zu stehen. Hier aber spielen sie feste Rollen, hier bleibt keine Zeit zur Improvisation.

Die Pfisters haben sich einen Traum erfüllt: eine Operette in der eigenen Stadt! Und wer Glück hat, hat auch eine Karte ergattert (angesichts des großen Fankreises sind fast alle Vorstellungen schon ausverkauft). Aber ein wenig traurig wird man doch: Die Pfisters sind, wie man selbst, älter geworden. Das Fräulein Schneider hat nicht mehr so viel Paprika wie früher und fällt körpersprachlich hinter ihren grazilen Amazonen deutlich zurück. Tobias Bonns Stimme war schon immer nicht so groß, jetzt aber muss er die ganz großen Töne regelrecht herauspressen. Nur Ursli Pfister, der ist als Clivia mal wieder umwerfend. Der kann auch mit Ende 40 noch auf große kecke Diva machen. Und die Showtreppen wie die Stimmskala hinauf- und hinunterschweben (auch wenn er einmal kurz die Jennifer Lawrence macht, also auf der Treppe über sein Kleid stolpert).

Clivia wird immer mal wieder vom Chor und von den Tänzern auf Händen getragen, und das macht das Publikum im Saal am Ende mit Christph Marti auch. Ein Heimspiel für Ursli. Für die Pfisters ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir durften mit dabei sein. Aber ein wenig mehr, wie wär’s, wie wär’s, hätte man aus dem Abend schon noch machen können.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Kartentel: (030) 47 99 74 00. Nächste Termine: 14., 20. und 28. März., 20. u. 26. April 2014, 23. Juni und 7. Juli 2014, jeweils 19.30 Uhr