Manuel Brug
Es regnet Schnürl. Es ist kalt und neblig. Und dann sitzen da auch noch Armin Rhode und Diana Amft im Auto, das über den unwirtlichen Alpenpass tuckert. Sie sind als gemütsbräsiger Vater und verhuscht-schusselige Tochter aus dem noch nasseren, grauen, dazu büroeiskalten und liebesarmen Berlin geflohen und haben die Urne mit Mutters Asche im Kofferraum, die sie endlich zur ewigen Ruhe bringen wollen – dort, wo es schön und heiter ist. Schlimmer, denkt man, kann es im deutschen Film eigentlich nicht mehr kommen.
Doch dann hört der Regen plötzlich auf, die Wolken zerreißen und die Sonne gleißt wunderbar digitalisiert über die Kinoleinwand (Filmstart am 7. November 2013). Glückliche Kühe muhen, singende Kinder wandern vorbei, die Musi spielt dazu, die Berggipfel scheinen im satt nachkolorierten Panoramarund fast zu jodeln und unten, ja unten, da lächelt verheißungsvoll frisch der Salzkammergut-See, wo schon Kanzler Kohl sein – wie wir heute – wissen künstliches Urlaubsglück inszenierte.
Nostalgische Schneekugel
„Die ganze Welt ist himmelblau“, und wir sind endlich angekommen im dauerlustigen, endlos sentimentalen Operetten-Nirwana, im ländlichen Paradies der Großstädter in der nostalgischen Schneekugel, wo es wie unter einem unsichtbaren Schutzschild auf ewig juchzt: „Im weißen Rössl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür“.
Spätestens jetzt weiß man, doch es könnte was werden, mit der Neuverfilmung des bis heute an der kleinsten Stadttheaterklitsche als Mitsing-, Mitklatschklassiker erfolgreichen Ralph-Benatzky-Ohrwurms.
Am Anfang war man freilich skeptisch. Zumal, als der Startermin des Films, der nach dem Willen seiner Produzentin Regina Ziegler eigentlich die Berlinale hätte eröffnen sollen, immer wieder verschoben wurde. Schließlich hatte es die 1930 in Max Reinhards großem Schauspielhaus uraufgeführte Parodie auf die Sommerfrische besonders der lederbehosten Berliner bei den österreichischen Alpennachbarn einigermaßen würdevoll bis ins dritte Jahrtausend geschafft.
Den Operettengaul neu aufgezäumt
Nicht nur in der Provinz ein sicherer Kassenfüller, wurde spätestens durch die legendäre Aufführung der Geschwister Pfister mit fast allen hochmögenden Spree-Mimen 1994 in der Bar jeder Vernunft das Interesse an dem alten, immer noch schrill wiehernden Operetten-Gaul neu angefacht. Diverse Pimp-me-Up-Versionen sind seither über große und kleine Bühnenbretter gegangen, in einem Zagreber Theaterkeller wurde sogar die verschollene, viel frecher und jazziger orchestrierte Urfassung wieder gefunden.
Doch das vielfach (sogar auf dänisch) verfilmte „Rössl“ ist auch Kinokult, besonders die damals im Swingstil aktualisierte Version von 1960 mit Peter Alexander als liebestoller Zahlkellner Leopold, der in seiner Chefin, die „Rössl“-Wirtin Josepha alias Waltraud Haas, verschossen ist.
Ein Rollenfoto von Peter Alexander im angeblich bis heute erfolgreichsten deutschen Musikfilm hängt jetzt auch als Bild an der Rezeptionswand in der Neufassung von Christian Theede. Der bringt, wie fast alle anderen Mitwirkenden, keine Musical- oder Operettenerfahrung mit, hat aber mit viel Liebe und Metiersicherheit seine Hausaufgaben gemacht. Und so erweist sich der Untertitel „Wehe Du singst!“ weniger als Drohung denn als Aufforderung zum sanft aufgepeppten Rustikalfez.
Lust an der Übertreibung
Der Handlungsschwerpunkt wurde vom der am Ende gezähmt widerspenstigen Josepha (hier die angemessen kratzbürstige Edita Malovcic) samt ihrem unterwürfig-aufmüpfigen Leopold (Fritz Karl) auf die Großstädter Ottilie und den Anwalt Dr. Siedler verlegt. Die eine darf in Gestalt von Diana Amft ihre „Doktor’s Diary“-Heroine als gefühlsüberfließendes, aber Operettenschlager hassendes Mauerblümchen auf der Suche nach der ganz großen Liebe variieren, der fesche Tobias Licht muss nur mit aller gebotener Lust an der Übertreibung eben diese Projektionsfläche als solider Dreamlover bieten.
Ein Film als dauerdudelnde Kitschpostkarte. Das wird so lustvoll wie vehement als alle Geschmackseinwände platt machende Folklore-Zentrifuge durchgezogen, bei der alle Knöpfe von der Krachledernen springen. Und bereitet genau deshalb Spaß. Denn Jan Bergers Drehbuch-Pointe sitzen. Aus dem schönen Badeanzug-Beau Sigismund wird hier in Gestalt von Gregor Bloéb ein fieser DJ Ötzi, der es als Immobilienspekulant auf das „Rössl“ abgesehen hat, per Helikopter auf der Alm landet und dort die Sennerinnen-Puppen tanzen lässt.
Schon rockt der Musikantenstadl
Die alten Schlager von Benatzky, Robert Stolz & Co. wurden neu klanggekleidet, bekommen den Dampfbeat, und schon rockt der Musikantenstadl ab, bis die Kulissenwände wackeln. Mit einer Bollywood-Einlage wird dem bisweilen surreal anmutenden Klamauk noch eins drauf gesetzt, aber weil hier das ganze Salzkammergut zur dauerschunkelnden Musikbox mutiert ist, wo es immer irgendwo singt und tanzt, ist das alles ganz natürlich.
Man kann so viel aufgekratzten Retr-Frohsinn im Rot-Weiß-Rot-Idyll, der sich jetzt „Romantic Comedy“ nennt, natürlich auch hassen. Aber für das Original-Hotel, in der Filmvariante Milkalila gestrichen, ist das wieder prima Werbung. In dem übrigens noch nie gedreht werden durfte. Denn die Operettenwirklichkeit ist ja so viel schöner.





