Erfolgsinszenierungen

Das Geheimnis der Dauerbrenner auf Berliner Opernbühnen

Nach den Premieren stellt sich meist schnell heraus, ob eine Operninszenierung länger im Repertoire bleibt oder wieder abgesetzt wird. Ruth Berghaus’ „Barbier von Sevilla“ erlebt ihre 350. Aufführung.

Foto: Monika Rittershaus

Gelegentlich erinnert der ganze Opernbetrieb an das Wettrennen von Hase und Igel. Im Märchen rennt und hechelt der eine, der andere kommt voll schlitzohriger Gelassenheit an Ziel. Opernhäuser wollen möglichst viele Besucher in ihren Vorstellungen haben, das ist ihr Hauptziel. Aber wir leben im Zeitalter der schnellen Hasen, eine glamouröse Premiere muss die andere jagen.

Die Berliner Staatsoper hat gerade eine atemberaubende Premierenfolge mit Stars hinter sich, aber abgerechnet wird immer am Schluss. Die Wiederholungszahlen halten sich bekanntlich in Grenzen, die Rede ist von 15 bis 30 Vorstellungen. Derweil läuft der Igel weiter.

Einer der brillantesten Longseller erlebt an diesem Freitag seine 350. Vorstellung an der Staatsoper: Rossinis „Barbier von Sevilla“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus. Die Premiere war 1968, die Regisseurin ist 1996 verstorben. Aber ihre Inszenierung läuft und läuft.

Eine Frage der Genauigkeit

Berghaus’ Statthalterin in der Staatsoper heißt Katharina Lang. Sie war drei Jahre lang Meisterschülerin der Berghaus an der Akademie der Künste. Heute ist sie Regieassistentin und Abendspielleiterin am Opernhaus und sorgt dafür, das bei wechselnden Sängerbesetzungen „die Genauigkeit erhalten bleibt“. Die Inszenierung sei sehr genau ausgearbeitet, sagt sie, es braucht ungefähr zehn Probentage, um neue Leute einzuarbeiten. Manchmal, das ist dem Opernalltag geschuldet, muss jemand kurzfristig einspringen. Dann wird das Szenische reduziert. „Aber man weiß genau, was fehlt“, sagt Katharina Lang. Aus alter Zeit liegt noch ein Regiebuch vor, aber da stehe nicht viel drin. Ruth Berghaus war von Hause aus Tänzerin und Choreografin, eine Palucca-Schülerin. Tänzer können sich einfach mehr Bewegungen merken. Katharina Lang selbst arbeitet aus dem Gedächtnis heraus. Seit Ende der 80er-Jahre hat sie sich in das Stück eingearbeitet.

Eine Inszenierung für die Sänger

Das Bemerkenswerteste an Longsellern bleibt, dass sie allesamt von großen, charakter- wie fantasievollen Regisseuren stammen. Gerade erst hatte an der Deutschen Oper die „Tosca“ ihre 365. Aufführung. Eine Sänger-freundliche Inszenierung. Der wenn man so will amtierende Longseller Berlins erlebte 1969 seine Premiere und stammt von Boleslaw Barlog. Der 1999 verstorbene Regisseur hatte die Nazizeit als Bademeister am Wannsee überstanden, kam über den Film zum Theater. Zuletzt war er Generalintendant der Staatlichen Schauspielbühnen und einer der ersten, der Beckett in Deutschland spielte. Der zweite Langläufer an der Deutschen Oper ist „Die Zauberflöte“, die seit 1991 bereits 300 Vorstellungen erlebte. Regisseur Günter Krämer setzt vor allem auf das Fantasievolle der Mozart-Oper.

Auf die Fantasie setzt auch der Dauerbrenner an der Komischen Oper. Die Inszenierung des früheren Regieintendanten Andreas Homokis ist noch vergleichsweise jung. Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ verzeichnet seit 1998 über 110 Vorstellungen. Tatsächlich sind die Erfolgsstücke an das inzwischen in Verruf geratene Regietheater gebunden. Die von Walter Felsenstein gegründete Komische Oper ist eine Hauptquelle dieser Theatertradition.

Felsenstein schaffte es auf 506 Aufführungen

Dem österreichischen Regisseur waren zu DDR-Zeiten zwei Publikumsrenner gelungen. Das eine war allerdings ein Musical: „Anatevka“, zunächst in Hamburg erfolgreich, kam 1971 durch Felsenstein als „Der Fiedler auf dem Dach“ nach Ost-Berlin. Bis 1988 gab es 506 Aufführungen mit mehr als einer halben Million Besucher. Und Felsenstein gelang mit Jacques Offenbachs Operette „Ritter Blaubart“ bereits 1963 ein Triumph. Der Regisseur hatte eine Reihe von singenden Komödianten wie Hanns Nocker, Werner Enders oder Rudolf Asmus um sich gescharrt. Die Komödie lief insgesamt 369 Mal. Die Absetzung der letzten Felsenstein-Inszenierung am Haus im Jahr 1992 war umstritten. Heute mag man es als frühen Abgesang auf das Regietheater werten. Die Opernregie hat sich – im Gegensatz etwa zur Filmregie – nicht als eigene prägende Kunstform im letzten Jahrhundert durchsetzen können.

Das sieht Katharina Lang natürlich etwas anders: Regisseure wie Berghaus, Felsenstein, Harry Kupfer oder Peter Konwitschny hätten Maßstäbe gesetzt. Das Problem vieler Inszenierungen sei, dass sie sich zu sehr mit Tagesmoden und aktuellen Geschehnissen verknüpfen. „Irgendwann versteht keiner mehr die Bezüge“, so Lang. Dann wird die Inszenierung abgesetzt. Bei Berghaus hingegen konnte sie eine andere Herangehensweise beobachten. Die Regisseurin hat zuerst die Oper analysiert und sie dann mit ihrer Auffassung zur Welt verbunden. Und nicht umgekehrt.

Eine Oper mit zwei Regisseuren

Der „Barbier von Sevilla“ ist an der Staatsoper übrigens von zwei großen Opernregisseuren inszeniert worden. Nur wusste der eine damals noch nicht, dass er einmal die Opernwelt mitprägen würde. Der von Hause aus Maler Achim Freyer hat für die Berghaus das Bühnenbild gemacht. Beide waren Meisterschüler bei Brecht am Berliner Ensemble gewesen. Dann habe man sich „politisch verkracht“, sagt Freyer. Ein Jahr später rief ihn die Berghaus an. Er fühlte sich auf den Arm genommen. Gemeinsam hörte man sich aber die Rossini-Oper an.

Freyer, der gerade in Basel eine Premiere vorbereitet, hält die Rossini-Komödie für „ein sehr politisches Stück“. Es geht um Zwanghaftigkeiten, in der Frauen gefangen sind. Ein ewiges Thema. Und Freyer hatte seine Malerei damals auf die Bühne übertragen: Weiße Bilder mit waagerechten Linien, die in Bewegung sind. Das Bühnenbild besteht genau genommen aus drei Tüchern, die den Rahmen und Perspektiven schaffen. Alles ist weiß, auch der Hauptdarsteller, es sei seine Welt, so Freyer. Der Rest kommt farbig ins Bild.

Beim Publikum gnadenlos durchgefallen

„Kunst braucht Zeit, um verstanden zu werden“, sagt Achim Freyer. Der „Barbier“ war seinerzeit beim Publikum gnadenlos durchgefallen. Sein Bühnenbild wurde als Krankenhaus verschrien. Heute ist es ein Longseller. Die Lebenswege der beiden Künstler gingen übrigens nach der Arbeit in deutlich getrennte Richtungen. Die Berghaus wurde ein internationales Aushängeschild des DDR-Musikbetriebs, Freyer übersiedelte 1972 nach West-Berlin und begann bald darauf eine Laufbahn als Regisseur.

Katharina Lang hat miterlebt, wie in den 80iger-Jahren die deutsche Übersetzung zugunsten des italienischen Originals aufgegeben wurde. Das Bühnenbild musste seit der Premiere vier Mal gewechselt werden. Katharina Lang weiß das alles: Sie hat den „Barbier“ rund 150 Mal gesehen.