Berliner Spaziergang

Dietmar Schwarz – Mann für große Oper ohne großes Theater

Die Berliner Opernszene galt als Haifischbecken. Nun ist Ruhe zwischen den großen Häusern eingekehrt. Zu verdanken ist das auch dem Intendanten der Deutschen Oper. Wir haben Dietmar Schwarz getroffen.

Foto: Amin Akhtar

Mal sehen, wie es ihm geht. Da war schließlich eine Zeit, in der es Gründe gab, sich Sorgen um Dietmar Schwarz zu machen. Bevor er nach Berlin kam, um Intendant der Deutschen Oper zu werden, wurde viel berichtet über die Berliner Musiktheaterszene, die gefährlich sei wie ein „Haifischbecken“. Da wurde zuweilen ein hässliches Bild gezeichnet von den drei Opernhäusern der Hauptstadt, wie sie zwischen wirtschaftlicher Not und künstlerischem Anspruch schlingerten. Noch schlimmer: Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, bekämpfen sie sich untereinander.

Ein Krieg auf wackeligen Beinen. Gut klang das nicht. Als Dietmar Schwarz vor dem „Café Savigny" in Charlottenburg sein Fahrrad anschließt, sieht er nicht so aus, als käme er gerade aus einem Haifischbecken. Er ist seit August 2012 im Amt, in seinem Gesicht ist nichts Gehetztes zu erkennen. Schwarz ist regelmäßig hier. Von der Oper sei es „genau richtig weit weg“, um dem Alltag bei Kaffee und Zeitungen mal eine Stunde entfliehen, wie er zur Begrüßung sagt.

Ausgezeichnete Besucherzahlen

Dieses Ritual erinnere ihn an das Leben im beschaulichen Basel, wo er zuvor Operndirektor war. Es dauerte, bis er zu seinem Bedürfnis nach etwas Kleinstadt in der Großstadt stehen konnte. Am Anfang habe Schwarz gedacht, er verpasse etwas, wenn er im „spießigen Charlottenburg“ im Café sitze anstatt unterwegs zu sein in den Stadtteilen von denen es heiße, dass dort der Bär tobe. Aber das hat sich gelegt.

Es sind Sätze, die man häufig hört, wenn jemand in Berlin angekommen ist. Die Angst, etwas zu verpassen, verlieren Zugezogene, wenn sie ihren Platz gefunden haben. Außerdem dürfte es Schwarz Spaß machen, Zeitung zu lesen: die Nachrichten aus der Opernwelt sind gut. „Haifischbecken“ hat man länger nicht gelesen, dafür umso mehr über gefeierte Aufführungen. Die Besucherzahlen in der Deutschen Oper sind bestens, wie auch in der Staatsoper und der Komischen Oper. Und von Streitereien der Intendanten ist öffentlich nichts bekannt.

Was hat Dietmar Schwarz mit diesem Wandel zu tun? Man muss ihm gut zuhören, um eine Ahnung zu kriegen. Er wird keine Heldengeschichten über sich erzählen und keine langen Anekdoten. Schwarz macht präzise Anmerkungen.

Mehr Leselampe als Rampenlicht

Seine Kollegen sind große Regisseure. Jürgen Flimm, seit 2010 an der Staatsoper und Barrie Kosky, seit 2012 an der Komischen Oper. Schwarz dagegen hat sich nicht als Regisseur einen Namen gemacht, sondern als Dramaturg. Das sind Literaturexperten. Nah am Werk. Eher Leselampe als Rampenlicht.

Diese Runde, Flimm, Kosky und Schwarz, trifft sich alle Monate zu einer Besprechung. Bescheiden, in der Kantine einer der Opern. Jeder bringt dann eine Liste mit seinen Problemen mit. „Die arbeiten wir zügig ab, vor dem Essen“, sagt Schwarz. „Damit das Essen auch schmeckt.“ Dann lacht er, es prustet aus ihm heraus. Das steht Schwarz gut. Mit Jackett und Kurzhaarschnitt könnte man ihn auf den ersten Blick für etwas unlocker alten. Aber wer mit Star-Regisseuren vor dem Essen die Probleme der Opernwelt löst und darüber noch lachen kann, muss Talent für Lässigkeit haben.

Dann sagt Schwarz ein Wort, das man leicht überhören könnte. „Ich sehe mich als Kunstermöglicher.“ Erst denkt man: Ist klar, und Alfred Hitchcock hat sich nur als Beleuchter verstanden. Da stapelt einer tief. Aber es ist keine Phrase. Sondern Ergebnis seiner Geschichte.

Hohe Messlatte

In den 80er-Jahren arbeitete Schwarz als „Anfängerdramaturg“, wie er sagt, für Werner Schroeter. Bis heute nennt er ihn „Vorbildkünstler.“ Schroeter war ein Opernregisseur und Filmemacher, der den Neuen Deutschen Film prägte und mit Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog und Wim Wenders in einem Atemzug genannt wird. Als er im Jahr 2010 verstarb, schrieb Rosa von Praunheim einen Nachruf über Schroeter, der eindringlich sein bewegtes Leben beschreibt. Die Überschrift lautet: „Wir waren hilflos und schön.“ In dem Nachruf geht es um die „verrückten Welt der Außenseiter“, darin eine Schauspielerin, die Schroeter unsterblich geliebt habe, obwohl sie „manchmal das Schaukeln der Matratze miterleben musste“, wenn Schröter neben ihr Sex mit Männern hatte, schreibt Praunheim. Es geht auch um mehr als 40 Preise, die Schroeter mit seinen prägenden Werken gewann. Es ist ein Nachruf auf das bewegte Leben eines internationalen Superstars. „Hilflos und schön.“

So hoch hängt also die Messlatte für Schwarz, wenn es um Kunst geht. Über seine Zeit mit Werner Schroeter sagt er etwas ebenso Schlichtes wie Berührendes. „Meine Aufgabe war oft, mich abends nach den Proben um Werner zu kümmern, ihn aufzubauen.“

Einen ganz Großen in seiner Arbeit bestärken, dafür muss man klug, aber auch verlässlich sein. Schwarz hat früh erkannt, das selber inszenieren nicht seine Sache ist. Aus Schwäche, wenn man so will, hat er Stärke werden lassen. Er weiß, dass es immer Probleme gibt, neue Stücke umzusetzen. Und dass es hilft, wenn jemand den Überblick behält.

Künstlern Mut machen

In der Zeitschrift „Opernwelt“ war zu lesen, wie Schwarz in Basel eine Klavierprobe von Madame Butterfly begleitet hat, bei der laut Opernwelt-Autor so ziemlich alles schief lief. Zehn Tage vor der Premiere. Die Sängerin der Hauptrolle habe ausgesehen wie „ein blasser Falter unter leuchtenden Schmetterlingen.“ Noch dazu war sie erkältet. Laut Bericht habe Schwarz die Proben vom Zuschauerraum angesehen, dabei in aller Ruhe Notizen gemacht und achselzuckend erklärt, das sei eigentlich immer so, dass vor der Premiere noch viel zu tun sei. So etwas muss den Künstlern viel Mut machen.

Solche Geschichten erzählt Schwarz nicht von sich. Man muss sie in der „Opernwelt“ nachlesen. Sie hat nur 10.000 Exemplare monatlich.

Schwarz sagt auch nicht, dass die Regisseurin Jetkske Mijnssen erzählt hat, wie sie am Anfang ihrer Karriere durch die Vorzimmer der großen Häuser reiste, um vorzusprechen. Schwarz war zu dieser Zeit Direktor in Mannheim. Auch wenn er sie damals nicht engagierte, sei Schwarz doch der Einzige gewesen, der sich Zeit für sie nahm, so Mijnssen. „Das habe ich bis heute nicht vergessen.“

Wir gehen auf die Straße und spazieren zum Savigny-Platz. Im West-Berlin, das Schwarz von seinen Besuchen im vergangenen Jahrhundert kennt, als sich die Künstlerszene in der „Paris Bar" versammelte. Solche Lokale konnte er sich damals nicht leisten. „Man brauchte immer jemanden, der einen eingeladen hat.“ Heute ist Schwarz derjenige, der einlädt. Der sich mit Vorstandschefs trifft, um über Sponsoring zu sprechen. Derzeit versucht er, Opernfreunde in der florierenden Start-up-Szene zu finden. Moderne Formate bietet seine Bühne ja.

Austausch von Ideen

Aber Schwarz trifft sich auch mit Künstlern, um Ideen zu finden. Eine Oper einfach so zu vergeben, nach dem Motto „wir haben hier Tosca, machen Sie das bitte“, findet er langweilig. Im Blick habe er aktuelle Gesellschaftsthemen und die Frage, wie man sie bearbeiten kann, damit die Stücke noch gültig sind, wenn sie zwei Jahre später im Spielplan stehen. Es klingt so, als lade Schwarz gerne Künstler ein. Er weiß ja, dass viele darauf angewiesen sind.

Die Kantstraße kennt er gut. Wenn Schwarz aus Basel hierherkam, mit dem letzten Flugzeug des Tages, um am nächsten Tag seine Aufgaben als Intendant vorzubereiten, rief er meist schon vom Flughafen im Restaurant „Ottenthal“ an. Ob er so spät noch ein Schnitzel bestellen könne? Dann saß er am Tisch, alleine vor weißer Tischdecke, aß und dachte nach. Er sei gerne „alleine unter Menschen.“ Intendanten sind oft in fremden Städten. Sie müssen Aufführungen anschauen, um das eigene Programm zu entwickeln. Wie tastet sich Schwarz an da heran?

Ein Mann für schwierige Fragen

Auch hier verrät ein Rückblick viel. Wieder nicht in großen Zeitungen, sondern in einem Programmheft aus dem Jahr 1989. Dort ist die Abschrift eines Gespräches zu lesen, („Die Antwort bleibt fragend“), das Schwarz mit seinem Mentor Werner Schroeter und dem Dirigenten Eberhard Kloke über Richard Wagner führte. Schwarz hat nur Fragen gestellt, ganz Dramaturg, allerdings keine einfachen. Etwa, dass Wagner stets seine „Weibsen“ durch den Kopf gegangen seien, dass Frauenfiguren auch für Schroeter immer Inspiration für seine Stücke und Filme waren – ob sich also Wagners Frauenfiguren bruchlos in diese Reihe einfügen ließen? Schroeter antwortete eher schroff. „Überhaupt nicht“. Es geht in dem weiteren Gespräch darum, ob Schroeter die italienische Oper näher sei oder Wagner. Schroeter sagte, dass ihm Spaghetti immer noch lieber seien als deutsche Kartoffeln.

Spaghetti? Kartoffeln? Regisseure sind selten diplomatisch. Schwarz redet nicht so. Obwohl er einen ausgeprägten Geschmack hat. Jedenfalls kocht er gerne. Wenn er Gäste einlädt in seine Charlottenburger Wohnung, wo er mit seinem Mann lebt, setzt er aber auf Gerichte, die er kennt. Keine Experimente, das wäre zu viel Stress bei so vielen Leuten. Nur allein probiert er neue Gerichte aus. Nach Kochbuch, derzeit aus der israelischen Küche. Das ist oft eine Kombination der Kulturkreise. Wie man arabische, osteuropäische und afrikanische Rezepturen vereint.

Thermoskannen bei Wagner

Köstlich und bunt. Ob Spaghetti oder Kartoffeln, um die Frage geht es nicht. Auch die bedeutungsvolle Frage, ob Wagner oder Verdi, beantwortet Schwarz vorsichtig: „Wir brauchen beide, weil das Publikum beide leidenschaftlich liebt.“ Da ist er ganz Intendant, im Dienst der Zuschauer.

Da ist das klassische Wagner-Publikum. Das reist schon mal in Vereinsstärke im Reisebus an. Um Pausensekt im Foyer geht es denen selten, man hat Wagnerianer schon beobachtet, wie sie sich zwischen zweitem und dritten Akt mit Thermoskannen hantieren oder beim Supermarkt gegenüber eine Flasche Bier kaufen. Dafür sind sie umso anspruchsvoller, wenn es um die Aufführung geht. Dann die Besucher, die in Berlin „Volksbühnenpublikum“ genannt werden: sie kaufen spontan an der Abendkasse ein Ticket. Etwa bei der Inszenierung von „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ sei das so gewesen, sagt Schwarz. Aber viele Besucher wollen auch klassische Oper sehen. „Viele jüngere Besucher gehen in klassische Stücke, ,Tosca’ oder ,Rigoletto’.“ „Tosca“? Jüngere Besucher? Schwarz überrascht das nicht.

Er hat seine Patenkinder an das Musiktheater herangeführt. Die sind inzwischen junge Erwachsene, auch sie mögen besonders Klassiker. „Eigentlich ist ihr Geschmack konservativer, als ich es mit meiner Erziehung bezweckt habe.“ Das Publikum ist eben eigenwillig. Würde Schwarz über „Spaghetti“ oder „Kartoffeln“ sprechen, gar in erzieherischer Absicht, es würden wohl viele Plätze leer bleiben an der Deutschen Oper. Wir gehen noch auf einen Tee ins „Schwarze Café", der Kultladen in der Kantstraße. Hier hat er kürzlich mit seinem Ensemble die Premiere von „Falstaff“ gefeiert, bis fünf Uhr morgens. „Solche Absturzabende sind selten geworden“, sagt Schwarz. „Leider“.

Frieden im Betrieb

Das „Leider“ lässt eine weitere Seite erahnen, eine lautere als die des Dramaturgen, bei dem eine Antwort immer fragend bleibt. Die Sache mit „Krieg und Frieden“, die Schwarz erzählt, passt dazu. Das Stück wollte vor einigen Jahren unbedingt Daniel Barenboim, Stardiregent der Staatsoper, aufführen - obwohl die Deutsche Oper das auch plante. Schwarz gab nach. Aber, sagt er, wenn er darüber nachdenke: „Wir könnten das Stück wieder in Angriff nehmen.“

Angriff. Krieg und Frieden. In der Oper, auf der Bühne, eröffnen ein paar Wörter meist ein großes Drama. Aber im Betrieb herrscht derzeit Frieden. Selbstverständlich ist das nicht.

Schwarz hat sich für das Gespräch mehr Zeit genommen als vereinbart war. Nun drückt der nächste Termin. Er zieht sich ruhig seinen Mantel an. Unmöglich ihm anzusehen, ob er gleich mit Politikern in aller Härte über Budgets verhandeln muss. Oder ob er alleine ein Schnitzel essen geht.