Oper

Im Altersheim stellt Falstaff zwei alten Damen nach

Plötzlich fühlen sich alle jung: Christof Loy hat Verdis Alterskomödie an der Deutschen Oper als ein Lehrstück über geheime Sehnsüchte inszeniert. Es ist eine bezaubernde Neuproduktion im Verdi-Jubiläumsjahr.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Dieser wunderbare Opernabend beginnt mit einem Stummfilm. Das kurze Schwarzweiß-Filmchen entführt in ein Altersheim für verarmte Musiker. Die originale Mailänder Casa Verdi, einst vom Maestro persönlich gestiftet, existiert heute noch, ab und zu gibt es Berichte über die Künstlerkarrieren, die dort ihren harmonischen Lebensabend verbringen. Aber wer glaubt das schon, es muss einfach furchtbar sein, als darbender Altstar unter Altstars zu leben. Das vermuten auch Regisseur Christof Loy und Generalmusikdirektor Donald Runnicles, denn an der Deutschen Oper hebt sich der Vorhang und Verdis Komödie „Falstaff“ spielt just in jenem Altersheim. Es gibt keine Ritter, aber viele Rentner. Der versoffene, umtriebige Falstaff-Sänger braucht Geld, und so stellt er zwei alten Damen im Heim nach. Die Komödie nimmt ihren Lauf.

Die Altersheim-Geschichte ist natürlich nicht neu. Und sie bietet sich im Verdi-Jubiläumsjahr geradezu an. Salzburg zeigte im Sommer einen „Falstaff“ in diesem Setting. Im Januar hatte der Regiedebütant Dustin Hoffman seinen Kinofilm „Quartett“ in der Deutschen Oper vorgestellt. Johann Kresnik choreografierte an der Volksbühne „Villa Verdi“ frei nach Daniel Schmids Film „Il Bacio di Tosca“, von dem sich auch Opernregisseur Loy anregen ließ. Es geht um den Glanz vergangener Zeit und die drohende Verelendung im Alter. Was ja nicht wirklich komisch ist.

Runnicles dirigiert Erinnerungsfetzen

Der Zauber von Christof Loys Komödie liegt in einem anderen Widerspruch. Der Falstaff-Sänger, der in seinem lächerlichen Ritterkostüm im Heim auf die Pirsch geht, löst etwas Ungeahntes aus: Plötzlich fühlen sich alle wieder jung, ob aus Liebe, Zorn, Hoffnung oder Eifersucht. Das erzeugt eine ebenso witzige wie melancholische Stimmung. Die Darsteller kehren – äußerlich verjüngt – in eine Zeit zurück, in der sie noch tun konnten, was sie wollten – intrigieren, inszenieren, kindisch sein oder sich begehrt fühlen. Und auch Verdis Musik bekommt plötzlich eine andere Zeitdimension. Alles, was Donald Runnicles dirigiert, ist buchstäblich der Nachhall des bereits Verklungenen, sind Erinnerungsfetzen.

Das Orchester der Deutschen Oper erzählt stimmungsvoll und vielfarbig diese Geschichte, es ist gleichsam eine Mixtur aus der durchkomponierten Oper, die im Februar 1893 uraufgeführt wurde, und all den Rollenmustern, die irgendwie in der Handlung enthalten sind. Der fast 80-jährige Verdi hat bekanntlich Eigenes darin parodiert, und wer will, kann gleichsam auch Bizets „Carmen“ oder Wagners „Meistersinger“ heraushören. Wenngleich die Abstimmung zwischen Orchester und Solisten am Premierenabend noch nicht gänzlich perfekt verlief, die musikalische Übergänge und Brüche waren im Detail herausgearbeitet und spannend zu verfolgen. Auch auf der Bühne. In dieser raffiniert gemachten Komödie der aufbegehrenden Selbstdarsteller geht es bei aller Überdrehtheit sehr menschlich zu.

Noel Bouley wird noch zum Falstaff heranreifen

Allerdings lebt der „Falstaff“ immer auch vom passenden Sänger für die Titelrolle. Die Deutsche Oper hatte das Pech, dass Markus Brück erkrankt war. Anstelle eines erfahrenen Falstaffs setzte Runnicles auf den als Stipendiaten frisch ans Haus gekommenen Noel Bouley. Der US-Amerikaner hatte die Partie bereits beim Aspen Music Festival gesungen und wird sicherlich irgendwann zum Falstaff heranreifen. Er hat einen schön geführten, zugleich spielfähigen Bassbariton, der sich noch die Tragfähigkeit für ein großes Opernhaus erarbeiten muss.

Das Solistenensemble ist insgesamt gut besetzt. Barbara Haveman gelingt die Diva Alice voller Sehnsüchte, Michael Nagy überzeugt als eifersüchtiger Ehemann Ford. Obwohl zwischen denen nichts mehr läuft. Dana Beth Miller gestaltet die vollbusig-blonde Mrs. Quickly voller Abgründe. Im Finale schlüpfen alle wieder in ihr Altersdasein zurück. Das Publikum jubelt den Künstlern zu.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343 Termine: 22., 29.11.; 5., 7., 30.12.