Es kam völlig überraschend für sie. Simone Thomalla und Martin Wuttke, das Ermittler-Team des Leipziger „Tatorts“, erfuhren von MDR-Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi, dass ihr Sender sie in Rente schickt. Und der Krimi aus Sachsen „grundlegend neu gestaltet werden“ soll. Eine weitere Folge ist bereits gedreht, zwei weitere werden noch produziert. Ihr letzter Drehtag ist Ende September 2014. Dann fällt für sie die letzte Klappe. Das neue Team wird ab 2016 zu sehen sein. MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt lobte ausdrücklich die bisherigen Darsteller, meinte aber, die älteste deutsche Krimireihe lebe „einerseits von der Konstanz und andererseits von der Originalität, sich immer wieder neu zu erfinden.“
Simone Thomalla trägt es mit Fassung: „Ich habe immer schon gesagt: Es gibt ein erfolgreiches Leben vor dem ‚Tatort’. Und das gibt es auch danach.“ Jeder sei jederzeit ersetzbar, wer das begreife, könne nicht tief fallen.
18 Fälle haben die beiden seit dem Jahr 2000 gelöst. Sie fuhren keine Spitzenwerte ein wie Maria Furtwängler in Hannover oder die unerreichbaren Münsteraner Quoten-Könige. Aber sie lagen immer im gesunden Mittelbereich.
Zuletzt standen die Leipziger Fälle öfter in der Kritik, die Stadt schien nicht glücklich über „ihre“ Folgen. Aber das, betont Thomalla, könne man nicht Wuttke und ihr zur Last legen: „Wir haben als Schauspieler meist keine Möglichkeit, aktiv in die Entwicklung der Handlung einzugreifen.“ Das läge nicht in ihrer Hand. Wie der neue MDR-Krimi aussehen soll, in welcher Stadt er spielt und wer stattdessen ermittelt, das alles steht noch in den Sternen.
Kunzendorf brüskiert Król, Król brüskiert Broich
Was ist nur los beim „Tatort“? Das Personalkarussell dreht sich immer schneller. 2013 war das Jahr der vielen Neuzugänge, aber das bedeutet eben auch, dass zahlreiche Kommissare ausgemustert wurden. Die einen Darsteller warfen hin, ohne einen Grund zu nennen, die anderen erfuhren von ihrem Sender, dass der sie abschreiben will.
Den Anfang machte Maximilian Brückner, der aus dem saarländischen „Tatort“ geschubst wurde und an dessen Stelle nun der Berliner Devid Striesow Dienst tut. Mehmet Kurtulus verlängerte seinen Vertrag für den NDR nicht mehr. Sein Undercover-Agent in Hamburg gehörte zwar zum Ungewöhnlichsten, was die Reihe je hervorgebracht hat, aber das Publikum zog nicht mit. Der NDR zog aber gleich zwei Trümpfe aus dem Ärmel, die diesen Weggang vergessen machten. Erstmals ermitteln gleich zwei Kommissare in der selben Stadt: Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring. Beide hatten ihren Einstand Frühjahr 2013, mit nur wenigen Wochen Abstand.
Dann der Fall Nina Kunzendorf. Ihre Fälle in Frankfurt mit Joachim Król waren Quotenhits. Aber dann gab sie im April 2013 völlig überraschend ihre Dienstmarke ab – ohne Angabe von Gründen. Die Rolle, so munkelte man, und das Auftreten ihrer Figur soll zu nuttig gewesen sein. Man machte sich dann auf die Suche nach einer neuen Partnerin für Król. Doch kaum war die mit Margarita Broich gefunden, da warf auch Król im Mai 2013 hin.
Raacke ist sauer auf den RBB
Und schließlich die Berliner. Dominic Raacke und Boris Aljinovic wurden im September 2013 von ihrem Sender informiert, dass sie nach neuen Gesichtern suchen würden. Die Entscheidung sei einvernehmlich gefallen, hieß es von allen Seiten. So einvernehmlich aber wohl doch nicht. Dominic Raacke interpretierte sein Serien-Aus ab sofort.
Für eine letzte Abschiedsfolge, so ließ er den RBB über ein Interview mit der Berliner Morgenpost wissen, stehe er nicht zur Verfügung. Bei ihnen steht dasselbe Fragezeichen wie bei den Leipzigern: Wer wird hier als Nächster ermitteln? Die Erfahrung aber lehrt: Bei jeder Ausmusterung stehen zahlreiche Kollegen schon in der Warteschlange. Der „Tatort“ ist nun mal nach der „Tagesschau“ das Schlachtross des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Mehr Popularität geht nicht.
Durchschnittsalter 30,6 Jahre
Was die ARD antreibt, ist wohl schlicht der Jugendwahn. Der Kieler Kommissar Borowski bekam Verstärkung durch Sibel Kekilli, im neuen Dortmunder Team war Aylin Tezel für kurze Zeit die jüngste aller „Tatort“-Kommissare. Ein Rekord, den kurz darauf Alina Levshin in ihrem Erfurter Team schon wieder brach. Das Erfurt-Trio kommt auf ein Durchschnittsalter von 30,6 Jahren, mit dem man gerade so schon Kommissar werden kann. Doch die Wahrscheinlichkeitsrechnung steht hinten an.
Der ARD geht es darum, mit ihrer populärsten Serie den Privaten den Kampf anzusagen. Und will die Jüngeren, das sogenannte werberelevante Zielpublikum, zurückgewinnen. In dieser Hinsicht ist auch das neue Weimarer Duo Nora Tschirner und Christian Ulmen ein echter Trumpf, auch wenn sie das alte Format eher ironisch aufweichen.
Raacke & Aljinovic wie Thomalla & Wuttke sind dagegen Opfer dieser Umorientierung. Jede Wette, dass ihre Nachfolger deutlich jünger sind.




