Fernsehen

Wie Christian Ulmen und Nora Tschirner im „Tatort“ starten

Der Schauspieler Christian Ulmen soll die Krimi-Reihe zu Weihnachten veredeln. Ein Gespräch über Erwartungshaltungen, eigene Fernsehgewohnheiten und die Chemie zwischen ihm und Nora Tschirner.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Es war das Jahr der vielen „Tatort“-Neuzugänge und -Abgänge. Nina Kunzendorf, Joachim Król und Dominic Raacke gehen der Serie verloren, Til Schweiger, Devid Striesow, Wotan Wilke Möhring sind einige der Neuen. Zum Jahresende trumpft das Schlachtross der ARD nun noch einmal mit ganz großen Namen auf: Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln erstmals in Weimar. Und nicht wie üblich an einem Sonntag, sondern am zweiten Weihnachtsfeiertag. Solche Reizdaten haben die sonstigen Kommissare bislang immer gemieden, ob der starken Konkurrenz an diesen Tagen. Tschirner und Ulmen wagen es. Wir haben mit Christian Ulmen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Ulmen, sind Sie eigentlich ein „Tatort“-Gucker?

Christian Ulmen: Es ist fast unverschämt, das zu sagen, aber ich bin dieser Sehgewohnheit versehentlich entrückt. Früher habe ich das jeden Sonntag geguckt. Als ich es endlich durfte. „Tatort“ war für mich als Kind so ein Mysterium, ein Faszinosum. Wenn die Anfangsmelodie erklang, musste ich immer ins Bett. Deshalb dachte ich, hinter der Melodie muss sich etwas Unfassbares verbergen. Aber dann zog ich ja mit 19 oder 20 nach London, da bin ich fernsehmäßig aus allem rausgerutscht. Als ich zurückkam, entsprach der „Tatort“ nicht mehr meinen Sehgewohnheiten. Deshalb bin ich bis heute kein Experte. Was auch ganz gut ist. Ich konnte unvoreingenommen an meine Figur gehen, ohne mich einordnen zu müssen.

Ist „Tatort“ die höchste Weihe des deutschen Fernsehens?

Das ist so eine Begrifflichkeit, die von außen an einen herangetragen wird. Ein Gefühl, geweiht oder gesalbt zu sein, hat sich bis jetzt nicht eingestellt. Aber natürlich hat die Marke etwas Schmeichelhaftes. Nachdem man früher ins Bett musste, wenn die Melodie erklang, bist du jetzt plötzlich derjenige, der nach dieser Melodie auftritt. Klar, ist das toll.

Das ist wohl der krasseste Gegensatz, den man sich zu „Ulmen TV“ vorstellen kann.

(lacht) Ja, das stimmt.

Eine bewusste Entscheidung, die Bandbreite so breit wie möglich aufzustellen?

Nein, das ergibt sich zufällig. Ich habe ja zwei Berufsleben, da ist diese fiktionale Kino-Welt, die mainstream-orientiert ist, und da ist die Fernseh-Web-TV-Nummer, die eher einem Special-Interest-Publikum verschrieben ist. Oft wissen die einen nicht, was ich beim anderen tue. Das sind ja auch ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Sie ermitteln in Weimar, der Stadt der Dichter und Denker. Das ist natürlich fein ausgedacht.

Vielen Dank! War aber leider nicht meine Idee.

Aber das ist natürlich bewusst gewählt?

Für die reine Schauspielarbeit ist das lediglich eine Location, in der man eine Rolle spielt. Ich habe aber eine Vorliebe für beschauliche kleine Städte, ich habe ja lange in Potsdam gelebt. Ich könnte auch jederzeit nach Weimar ziehen, wenn ich nicht familiär verbunden wäre.

Sie haben eine sehr ironische Verfolgungsjagd in der Kutsche, rekonstruieren einen verwässerten Brief in der Anna-Amalia-Bibliothek und der Showdown findet bei „Weimar schillert“ statt. Das sind keine Zufälle.

Nein, natürlich haben sich die Autoren überlegt, was man aus Weimar schöpfen kann. Da gibt es nun mal keinen Drogenumschlagplatz, kein Getto oder Problemkiez. Sie wurden dann im Drehbuch dem Weimar gerecht, wie es wirklich ist.

Es ist die Stadt von Goethe und Schiller. Kamen Sie deshalb zu Ihrem Ermittlernamen Lessing?

Knallhart durchschaut. Ja. Meine Idee war es zumindest, ihm keinen Vornamen zu geben. Wenn der jetzt Ulf Lessing hieß, wäre das ja trivial verwässert. Einfach nur Lessing.

Nora Tschirner und Sie als Ermittler-Team ist natürlich ein Coup. Hätten Sie jeweils auch mit einem anderen Partner zugesagt?

Also, Nora wollte es nur mit mir machen. Ich hätte es auch mit jeder anderen Partnerin gedreht. (lacht) Nein, es war von Anfang an klar, dass da Nora und ich zusammen spielen, und das hatte auf mich beinahe eine noch größere Faszination als die Marke „Tatort“ per se. Dass ausgerechnet wir beide, die seit früher Jugend unfassbaren Quatsch im Fernsehen gemacht haben, jetzt in der seriösen ARD als „Tatort“-Kommissare auftauchen, ist schon eine irre Wendung.

Sie haben mit Nora Tschirner schon zusammen mehrere Filme gedreht, vor allem aber für MTV „Ulmens Auftrag“. Das war 2003. Sie können jetzt Zehnjähriges feiern.

Echt, so lang ist das schon her? Sie haben Recht. Wahnsinn. Ich finde im Nachhinein, „Ulmens Auftrag“ hat eine zeitlose Komik. Wir haben uns da ohne Konzept getroffen, dann lief die Kamera und es ging los. Inzwischen haben wir ja Drehbücher. (lacht) Wir werden älter.

Wie ist die Chemie zwischen Ihnen? Reicht da ein Fingerschnipp, und alles ist da?

Schon, ja. Nora und ich, wir wissen einfach, wie wir ticken. Wir kennen das Timing des anderen. Und wir kennen auch die Schwächen des anderen. Und das macht am meisten Spaß. (grinst schelmisch)

Das ist meines Wissens das erste Mal, dass ein „Tatort“-Team schon vorher miteinander gespielt hat. Ist das ein Vorteil?

Ja. Wir sind eingespielt, wir brauchten keinen Anlauf miteinander. Ich kann mir vorstellen, dass es, wenn man sich noch nicht so kennt, der eine im Spiel mehr in die Richtung will und der andere in jene. Wir aber wissen, dass wir – meistens! – in dieselbe Richtung wollen. Und wenn nicht, dann sagen wir das. Das hilft. Vor allem für die Atmosphäre am Set.

Und ist auch was von Ihnen ins Drehbuch eingeflossen?

Wir waren ja bei der Samensetzung mit dabei. Als die Grundkonstanten ersonnen wurden. Und sicher, als wir die Szenen einmal durchgeprobt hatten, haben wir den einen oder anderen Satz eingebaut oder umgebaut. Aber 95 Prozent ist Autorenleistung.

Als Nora Tschirner schwanger wurde, musste da das Drehbuch neu konzipiert werden?

Ich weiß nur, dass schon die erste Drehbuchfassung mit einer schwangeren Kyra Dorn operierte.

Vielleicht ist Nora Tschirner ja in die Rolle hineingewachsen...

(lacht) Das haben Sie gesagt.

Als wir Sie vor einem Jahr fragten, ob es noch einen zweiten Fall geben werde, meinten Sie noch, Sie hätten noch keinen Kinderwagen gekauft. Den gibt es jetzt ganz sprichwörtlich. Werden Sie im nächsten Fall auch gemeinsam das Kind wickeln?

Also, Nora kann nicht auch im zweiten Teil noch schwanger sein. Zumindest nicht, wenn wir das vergangene Jahr miterzählen. Aber es gibt da noch gar kein Drehbuch. Ich bin sehr gespannt, was da so rauskommt.

Wenn es einen Fall Zwei gibt, gibt es dann auch noch einen Fall Drei und Vier?

Wirklich, ich habe keine Ahnung. Das hängt von vielen Dingen ab. Unter anderem davon, ob Nora Lust hat. Das ist ja immer ein Problem, wie sie gerade gelaunt ist. (lacht) Ich kann mir das vorstellen, einmal im Jahr einen Weimar- „Tatort“ zu machen. Die 20 Drehtage hat man immer Zeit. Die Lust hätte ich auch. Aber ich hab’s nicht zu entscheiden.

Bislang hat sich noch nie ein „Tatort“-Team getraut, an einem Feiertag ausgestrahlt zu werden. Sie gingen explizit unter dieser Bedingung an den Start.

Das waren natürlich nicht wir, sondern die ARD. Wir laufen gegen „Ice Age“ und „Kung Fu Panda“ an. Also mein Sohn würde sich unter diesen Umständen gegen den „Tatort“ entscheiden.

Stehen Sie jetzt unter Quotendruck?

Nein, das ist Wurscht. Wir drehen ja so oder so den zweiten Fall. Da muss also nicht erst eine Quote beweisen, ob man das fortsetzt. Ich sehe mich jedenfalls nicht unter verschärfter Beobachtung.

In ihrem Fall „Fette Hoppe“ geht es um die Wurscht. Buchstäblich. Eine Wurstfabrikantin verschwindet. Aber auch im übertragenen Sinn ist Ihr „Tatort“ eine Extra-Wurst. Den hat nicht der MDR finanziert, er wird außerhalb der üblichen „Tatort“-Reihe von allen ARD-Anstalten gemeinsam finanziert. Schafft das womöglich auch Neid bei den herkömmlichen „Tatort“-Kollegen?

Also, ich habe die Finanzierung bis heute nicht so ganz durchschaut. Aber ich glaube nicht, dass es da irgendeine Konkurrenz gibt. Es ist doch jeder „Tatort“ mit guten Quoten gesegnet. Wenn jetzt einer immer abkackt, da würde ich ja verstehen, wenn der aufmuckt. Die Vorstellung, dass irgendwo Neid herrsche, würde mich unangenehm berühren.

Auch Ihr nächster Fall wird dann wieder ein Event-Tatort?

Ja.

Es gibt ja so goldene Regeln beim „Tatort“, dass es in fünf Minuten eine Leiche geben muss etwa. Bei Ihnen dauert das ganze 55 Minuten. Versuchen Sie da auch ein bisschen, das Schlachtross der ARD auszuhebeln? Spielen Sie absichtlich mit solchen Vorgaben?

Das ist nicht vorsätzlich passiert. Keiner hatte sich vorgenommen: jetzt machen wir mal alles anders. Dabei entsteht ja oft nichts Gutes. Unser Tatort ist ganz organisch gewachsen, und im Plot hätte eine früher auftauchende Leiche eben nicht gepasst.

Müssen sich Jan Josef Liefers und Axel Prahl jetzt warm anziehen? Weil sie nicht mehr die einzigen sind, die den „Tatort“ auch komisch anreichern?

Ich habe mich bewusst nicht mit anderen „Tatorten“ beschäftigt: damit ich gar nicht vergleichen kann. Sonst bist du beim Drehen zu sehr beschäftigt, darauf aufzupassen, nicht zu stark in eine ähnliche Richtung zu gehen. Das wollte ich nicht in meinen Kopf lassen, das will ich auch jetzt nicht. Ich denke schon, dass wir mit unserem „Tatort“ eine eigene Sprache gefunden haben. Aber warm anziehen muss sich niemand. Es gibt keine Konkurrenz. Wir laufen nie parallel.

Werden Sie denn am besagten Tag vor dem Fernseher sitzen und „Tatort“ gucken?

Wir sitzen wahrscheinlich im Flieger gen Süden. Weihnachten muss natürlich sein. Zuhause. Vor allem wegen der lieben Kinder. Aber der Plan ist: Nach Heiligabend geht es in die Sonne.

Tatort: Fette Hoppe ARD, 26. Dezember 2013, 20.15 Uhr