Fernsehen

Dominic Raacke steigt vorzeitig beim Berliner „Tatort“ aus

Der RBB hat entschieden, Dominic Raacke und Boris Aljinovic 2015 die Dienstmarken als „Tatort“-Kommissare zu entziehen. Raacke kündigt nun im Morgenpost-Gespräch einen sofortigen Schnitt an.

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Der RBB überraschte vergangene Woche mit der Nachricht, er werde sich für 2015 von seinem langjährigen „Tatort“-Duo Dominic Raacke und Boris Aljinovic trennen. Die Entscheidung sei im Einverständnis mit ihnen getroffen worden, bestätigten die Schauspieler.

Aber ist da wirklich kein Gram, keine Verletzung aufseiten der Darsteller? Wir haben bei Dominic Raacke nachgefragt.

Berliner Morgenpost: Herr Raacke, die „Tatort“-Fans wurden vergangene Woche geschockt, als sie hören mussten, dass Sie und Boris Aljinovic als Tatort-Kommissare abdanken.

Dominic Raacke: Ja, aber das ist doch die Zeitung von gestern. Darin wird heute doch schon der Fisch eingewickelt.

Wir haben, als die Nachricht bekannt wurde, gleich bei der RBB-Programmdirektorin angerufen. Und bei Ihnen auch. Sie waren beide im Urlaub. Ein Zufall? Oder war das ein abgekartetes Spiel?

Abgekartet war es insofern, weil wir das ja miteinander verhandelt haben, wann wir damit an die Öffentlichkeit gehen. Aber der Urlaub, der war schon vorher geplant. Ich hatte dafür zumindest ein Statement vorbereitet. Weil mir wichtig war, dass auch von meiner Seite da noch was kommt und nicht nur von der des RBB.

Der RBB hat entschieden, dass er sich von Ihnen beiden als „Tatort“-Kommissare trennen will. Hat Sie das aus heiterem Himmel getroffen?

Der RBB hat sich entschieden, dass er sich neu aufstellen, neu orientieren will. Mit einem dementsprechend neuen Team. Wir sind da nicht aus allen Wolken gefallen. Schon vor längerer Zeit ist ein Termin mit uns ausgemacht worden, das war schon ein Wink. So einen Termin hatten wir bislang nicht. Da habe ich schon zu Boris gesagt, ist ja wohl klar, um was es gehen wird!

In Ihren Statements ließen Herr Aljiniovic und Sie verlauten, dass Sie die Entscheidung „gut und richtig“ finden. Eine Höflichkeitsfloskel?

Nein, in der Einschätzung waren wir uns einig. Ich bin ehrlich gesagt auch richtig froh, dass die Entscheidung jetzt getroffen wurde. Das hat auch etwas sehr Befreiendes. Wie lange mache ich das jetzt? 14 Jahre. Wir haben mit unserer letzten Folge noch mal eine ordentliche Quote bekommen, von daher stimmt das Timing, auch wenn das nicht beabsichtigt war. Wir haben also gezeigt, dass wir es noch können. Oder mal wieder können. Wir müssen jetzt nicht abdanken, weil die Quoten so im Keller sind oder die Zuschauer uns nicht mehr sehen wollen. Nein, im Gegenteil. Ich finde, wir hatten in der letzten Zeit noch mal richtig Auftrieb.

Haben Aljinovic und Sie zuvor schon mal selber überlegt, wie lange man das noch machen könnte?

Ich kann nicht für Boris sprechen, aber wenn man so etwas über so einen langen Zeitraum macht, denkt man immer wieder mal darüber nach, jetzt muss Schluss sein. Andererseits ist der „Tatort“ natürlich ein Format, bei dem man sich schon überlegen muss, was es da im deutschen Fernsehen noch so geben könnte. In den letzten Jahren wird ja auch sonst überall gespart, kleine Produktionsfirmen sterben weg. Da ist der „Tatort“ schon so ein Bollwerk, darum wollen das ja auch alle machen. Und da ist natürlich auch so eine unterschwellige Angst, wenn man so etwas hergibt, wo man weiß, dass sich andere die Finger danach lecken. Wahrscheinlich stehen die Kollegen jetzt längst Schlange. Ich habe mich also schlicht nicht dazu aufraffen können, Schluss zu machen. Deshalb war ich wirklich froh, als mir die Entscheidung jetzt von außen abgenommen wurde.

Waren Sie amtsmüde als Fernsehkommissar?

Das kann man jetzt auch wieder nicht sagen. Aber irgendwann will man bei seinem Namen in Klammern nicht mehr nur „Tatort-Kommissar“ lesen, sondern vielleicht auch mal wieder „Schauspieler“. Man wird sehr stark mit der Rolle identifiziert, man wird auch erkannt: „Guck mal, der Kommissar.“ Oder gar so angesprochen. Die Popularität ist groß, das ist ja auch schön, und es hat mir auch manche Türen geöffnet. Aber bestimmt, das ist jetzt schwieriger zu belegen, hat es auch welche verschlossen. Weil man sich dachte: Der ist zu sehr mit dieser Rolle konnotiert.

Ist das eine Krankheit, die viele Seriendarsteller befällt? Dass sie nicht mehr loslassen können?

Ja, natürlich. Da muss man sehr aufpassen. Ich habe mich deshalb nie allzu sehr über den „Tatort“ definieren wollen. Bin nur ein einziges Mal mit Boris in irgendeiner Quizshow aufgetreten, als Berlin-Duo, das gegen ein anderes Duo antritt. All diese „Tatort“-immanenten Dinge habe ich eher zu vermeiden gesucht und aufs Nötigste beschränkt. Man ist da eine Weile auf der Höhe einer Popularität, aber dann geht es irgendwie nicht mehr weiter. Natürlich ist man nach einer so langen Zeit sehr eng damit verbunden. Aber emotional bin ich da raus. Für mich ist das ein echt befreiender Moment.

Wie lange wussten Sie schon davon? Wie lange mussten Sie das geheim halten?

Ach, das ging alles relativ schnell. Und es war in unser aller Interesse, dass zu einem festen Zeitpunkt zu verkünden. Die Überraschung ist uns wohl gelungen. Obwohl wir keine Geheimhaltungsklausel hatten.

Immerhin lag dem RBB offensichtlich daran, im Einverständnis mit Ihnen die Entscheidung bekannt zu geben. Das war beim Saarländischen Rundfunk ganz anders. Maximilian Brückner ist ja richtig rausgeworfen worden.

Ich weiß nicht, wie das bei anderen läuft. Aber wir können uns wirklich nicht beklagen. Der RBB war da sehr kollegial. Der hat erst uns davon unterrichtet, bevor er damit an die Öffentlichkeit ging.

Eine weitere Folge mit Ihnen ist bereits abgedreht und wird im Februar ausgestrahlt. Und dann soll noch ein letzter Fall folgen. Die große Abschiedsnummer?

Nein, die große Abschiedsnummer wird es nicht geben. Ich bin da jetzt raus. Das ist vielleicht noch nicht so kommuniziert worden: Aber ich stehe ab sofort nicht mehr zur Verfügung. Klar, der Sender hätte jetzt am liebsten noch zwei Folgen mit uns gedreht, mit der großen Gala zum Schluss. Aber das will ich nicht, das ist keine Option mehr für mich. Ich war so sehr dieser Kommissar, mit Haut und Haar. Ich habe für den gekämpft, das war auch nicht immer leicht. Aber das war immer hundert Prozent. Da will ich mich jetzt nicht auf Raten zurückziehen. Wenn Schluss sein soll, dann richtig. Das wäre doch sonst, wie wenn einen die Freundin verlässt und gleichzeitig meint, ach komm lass uns noch ein Jahr zusammen wohnen, weil die Miete so billig ist. Früher hatte ich immer Verträge für drei Folgen, zuletzt war ich aber vertragsfrei. Die hätten mich zwar jederzeit von heute auf morgen vor die Tür setzen können, aber mir gab es ein bisschen Freiheit. Ich will deshalb nicht in acht Monaten noch mal in die Kluft steigen.

Das heißt, ein Berliner „Tatort“ fällt dann komplett aus.

Das müssen Sie den Sender fragen. Ich bin jedenfalls raus. Vielleicht dreht Boris ja noch eine Folge allein.

Das könnte man dann aber schon so interpretieren, als ob Sie im Groll vom „Tatort“ scheiden.

Nein, überhaupt nicht. Das war eine tolle Zeit, dafür bin ich sehr dankbar. Mit allem was dazu gehört: Wir haben uns manchmal gefetzt und manchmal geliebt. Wie in einer Familie. Aber das ist nun vorbei. Am Ende ein großer Vorhang und noch mal verbeugen - das ist nicht meine Art. Wenn die Party vorbei ist, dann stell mich nicht in die Mitte und rufe allen zu: Alle mal herhören, ich gehe jetzt! Nein, ich gehe einfach. Kurz und schmerzlos.

Jetzt müssen sich auch keine Drehbuchautoren überlegen, wie man Sie am besten nach Hause schickt.

Eben. Das kann man ja auch positiv bewerten, dass die noch so eine Abschiedsfolge planen. Und das bewerte ich auch so. Aber mal abgesehen davon, dass es mir emotional nicht passt: Was könnte das denn sein? Schimanski ist mit dem Gleitschirm weggeflogen, andere radeln in den Sonnenuntergang oder so. Das find ich alles nicht richtig. Da muss jetzt ein klarer Schnitt gemacht werden. Spannend ist doch eh nur, wer denn nun die Neuen werden.

Es ist nicht ohne Ironie, dass sehr viele „Tatort“-Kommissare in Berlin leben, Sie aber als Berliner Tatort-Kommissar immer nur zum Drehen hier waren. Jetzt sind Sie vor gut einem Jahr hierhergezogen…

Ironie des Schicksals! Das ist jetzt aber kein Grund, wieder wegzuziehen. Im Gegenteil. Ich habe ja erst über die vielen Jahre „Tatort“ Berlin kennen und lieben gelernt. Erst dadurch habe ich mich entschieden, hierherzuziehen.

Sie haben angekündigt, „neue Projekte anzupacken“. Sind da schon konkrete Projekte dabei?

Glücklicherweise habe ich es nicht nur beim „Tatort“ belassen, sondern auch viel anderes gemacht. Gerade in den letzten Jahren hat das ganz gut funktioniert. Ich habe gerade zwei Filme abgedreht, und fürs kommende Jahr sind ein paar spannende Projekte in der Pipeline. Dann bin ich auch als Autor unterwegs, nicht ganz uneigennützig hoffe ich, dass ich mich dabei auch als Schauspieler einbringen kann. Ich glaube, ich bin in einem ganz guten Alter, um noch mal was zu wuppen, um mich noch mal umzuorientieren. Wäre ich zehn Jahre älter, dann wäre das vielleicht schwieriger. Dann können andere vielleicht nicht mehr die Fantasie entwickeln, um in dem Raacke noch was anderes zu sehen. Ich seh mich noch in ganz viel anderen Rollen. Ich bin ja jetzt frei. Raacke reloaded. Ich bin ganz zuversichtlich, dass das nicht das Ende meiner Schauspielkarriere ist.

Verzeihen Sie mir eine Frage, die Sie vermutlich nicht mehr hören können: Aber gucken Sie eigentlich selber „Tatort“?

Jetzt muss ich ja nicht mehr. Nein, ich habe auch früher nur stichprobenartig geguckt. Wenn ich ehrlich bin, bin ich gar kein Krimi-Fan. Ich finde auch, dass wir im Fernsehen ein absolutes Überangebot an Krimis haben. Aus allem Fiktionalen wird ein Krimi gemacht, und alle, vom Anwalt über den Psychiater bis zur Blumenzüchterin, alle müssen Morde aufklären. Damit macht man es sich zu einfach. Das ist keine gute Entwicklung. Ich hoffe, dass sich das ändert.

Wenn man über zwölf Jahre zusammen gedreht hat wie Herr Aljinovic und Sie: Entsteht da auch so etwas wie Freundschaft oder ist das eine Kollegialität, die mit der letzten Klappe zu Ende ist?

Es ist Kollegialität. Freundschaft war das nie. Das ist aber auch kein Geheimnis, das haben wir nie anders dargestellt. Wir sind ja von zwei verschiedenen Planeten, das ist auch mit Absicht so gestaltet worden. Ich glaube, wir sind ganz gut miteinander klargekommen. Da gibt es beim „Tatort“, was man hinten rum so hört, ja auch ganz andere Fälle. Aber jetzt wird jeder seinen eigenen Weg gehen. Boris war ja von jeher mehr ein Theatermensch. Dafür hat er immer gebrannt. Das habe ich so gar nicht. Ich mache mit Leib und Seele Filme und Fernsehen.