„Och, schon so spät“, ruft Marc Hosemann. Da ist es Schlag Mitternacht. Und das artistische Hochleistungsensemble in Frank Castorfs Adaption des Balzac-Romans „La Cousine Bette“ steht schunkelnd an der Rampe der Berliner Volksbühne, um das Publikum mit „Wunderschön, Dankeschön, Wiedersehn, die Show muss weitergeh‘n“ zu verabschieden. Dann Applaus und Gejohle derer, die tapfer geschlagene fünf Stunden durchgehalten haben.

Honoré de Balzac (1799 – 1850) hat in 20 Jahren immerhin mehr als 80 Romane geschrieben. Auch eine Überforderung; mit 51 Jahren war er tot.

Was sind dagegen fünf Stunden Castorf? „Ich habe ja immer aus der Überforderung gearbeitet“, sagt er. Verschwendung gehöre zur Kunst. Und Theater als Begleitmittel im 90-Minuten-Format fürs angenehme Leben sei nicht seins.

Man war also vorgewarnt, zuletzt schon durch seine Dostojewski-Paraphrasen im XXXL-Format. Dabei hatte der Kaugummi kauende alte Schlacks im jugendlichen Adidas-Joggingdress schon mal zu Protokoll gegeben, er selbst würde Aufführungen von mehr als zwei Stunden nicht aushalten – aber eben solche der Konkurrenz. Gesunde Egozentrik.

Die Balzac-Dostojewski-Conncetion

Nun ist Balzacs „Bette“ von 1846 eine Riesen-Soap aus dem aristokratisch-bürgerlichen Familienleben, die schon Dostojewski derart faszinierte, dass er sie sofort ins Russische übersetzte. Castorfs Übersetzung hingegen erzählt nicht nach, sondern umspielt großräumig Balzacs Grundthema: die Gier auf Geld und Sex ‑ bis hin zur Selbstzerstörung.

„Wenig arbeiten, viel verbrauchen und noch viel mehr Geschlechtsverkehr haben“, so beschrieb es der französische Anarchist Proudhon, dem als nüchternem Materialisten gleichfalls klar war, dass im auftrumpfenden Kapitalismus auch Liebe zur Ware wird. Und Moral ist etwas für Schöngeister, nichts weiter als Dekoration. Dahinter tobt ein brutaler Kampf um dickste Kontostände, reichste Kerle, tollste Weiber.

So etwa steht’s in Balzacs weit schweifender Familienstory, in der es finanziell und sexuell kreuz und quer geht zwischen Ehemännern, Nutten, einer Gattin, Tochter, Bedienten sowie einem Jungkünstler. Eine hübsche Raserei jeder gegen jeden und massenhaft Szenen voller hasserfüllter Kräche, hysterischer Ausbrüche, lüsterner Bitten, schamloser Lügen, dazu Rudelbumsen – von der Regie hingebungsvoll ausgepinselt.

Hingebungsvoll ausgemaltes Rudelbumsen

In die drastischen Bildchen eingewoben sind jede Menge Stichworte aus heutigen Diskursen wie Klassenkampf, Gentrifizierung, Hartz IV, Lampedusa, Bootsflüchtlinge, Festung Europa, Kolonialismus, Neger, Revolution, Renegat, Nazikacke, Islamismus, arabischer und sonstiger Antisemitismus. Alles nur sehr indirekt bei Balzac, aber eben irgendwie auch plakativ zu ihm passend, zum letztlich triumphierend Abgründigen seines sich selbst zerfleischenden Menschen-, seines elenden Menschheitspanoramas.

Selbstredend verschwindet alles Plakative in der exzessiv aufgedrehten, slapstickhaft-kabarettistischen Spielweise, die meist via Video-Großbild zu bestaunen ist. Die Balzac-Soap als grob wirkende, aber könnerisch feinziselierte Langzeit-Klamotte, als endlos ins Groteske und Aberwitzige getriebene, höchstens streckenweise wirklich kapierbare Freak-Show. Unbedarfte Gemüter steigen kopfschüttelnd spätestens in der Pause aus.

Immer leuchtet die rote Laterne

Dabei gibt es allerhand Augenschmaus: Bert Neumann setzte vor einen Glitzervorhang eine Art Villa auf die effektvoll im Dunkel rotierende Drehbühne. Mit loderndem Kaminfeuer, Salon, Puff (immer leuchtet die rote Laterne). Mit steilen Treppen, auf denen die Bewohner, verfolgt von Kameraleuten und Souffleuse, hoch und runter rasen: die schönen Damen in schicken Ballkleidern und High-Heels, die feisten Herren gern im Pyjama, gelegentlich auch nackt.

Eigentlich ist alles eine um sich selbst kreiselnde, von pässlichem Soundtrack umspülte Séance über die letztlich vergebliche Jagd nach Glückseligkeit. Zuweilen gellen als Muntermacher prima Popsongs auf aus Castorfs Jugendzeit. Dazwischen virtuose Arien der hektischen Gier, der stillen Verzweiflung, der weggesteckten Todtraurigkeit (es gibt Szenenapplaus).

Castorfs Fazit, trotz aller Komik, tiefernst: Der Trieb höret nimmer auf, der ewig getriebene, chaotische Mensch wird nie weise. Und selbstreflektiv übers Künstlertum: Immer nur schöne Konzepte, doch das Schaffen entscheidet.

Die super gecastete Castorf-Crew

Zum Finale kloppt sich die atemberaubend schaffende, super gecastete Balzac-Castorf-Crew hässlich gealtert und syphilitisch versifft: Die hierzulande auch Filmen bekannte Französin Jeanne Balibar, Alexander Scheer, Kathrin Angerer, Claire Sermonne, Bernhard Schütz, Lilith Stangenberg, Maximilian Brauer, Noa Niv.

Ein zynischer Blick in unser aller Zukunft? Die Angerer macht die schlüssige Ansage: „Jedermann ein Arschloch!“ Okay, Zynismus ist amüsanter als alles andere. Zur Aufmunterung schickt der Regisseur hinterher: „Lasst Euch nicht kirre machen vom Irrwitz des Daseins. Das Leben geht weiter.“ Bleibt grinsend die Frage: Wie?

„La Cousine Bette“, Volksbühne Berlin, Termine: 21., 28. Dezember 2013, 3. und 4. Januar 2014; Karten: (030) 24.06.5777