Deutsches Theater

Regisseur Kriegenburg macht sich mit „Aus der Zeit fallen“ rar

Andreas Kriegenburg inszeniert die Uraufführung von David Grossmanns „Aus der Zeit fallen“ am Deutschen Theater. Es ist seine einzige Berliner Arbeit in dieser Spielzeit.

Foto: Amin Akhtar

Das Ehepaar sitzt beim Abendessen. Plötzlich steht der Mann auf. Sagt, dass er zu ihm gehen müsse. Wohin? Zu dem gemeinsamen Sohn. Der ist vor fünf Jahren gestorben. Nicht enden will beider Trauer um ihn, doch während die Frau ans Jetzt erinnert, auf dem Leben beharrt, bricht der Mann zu einer Wanderung auf. An einen Ort, den es nur in der Kunst gibt, den Ort, wo sich Tote und Lebende begegnen. Wo sich die Stimme des Mannes vermischt mit den Stimmen der anderen, die auch Kinder verloren haben.

Ein Requiem

So beginnt David Grossmanns Buch „Aus der Zeit fallen“. Es ist autobiografisch grundiert. 2006 starb sein zweiter Sohn im Libanonkrieg, zwei Tage bevor die Kämpfe endeten. Die „Erzählung in zehn Stimmen“, so der Untertitel, entzieht sich einer eindeutigen Gattungsbezeichnung. Der israelische Autor, der 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, hat sein Werk selbst auch schon als langes Gedicht oder Oratorium bezeichnet.

Für Andreas Kriegenburg, der das Buch fürs Deutsche Theater adaptiert, ist „Aus der Zeit fallen“ ein Requiem, weil „es eine große Musikalität hat“. Der Regisseur schwärmt von dem Text, bezeichnet ihn als „wertvolles Stück Literatur“, das ihn berührt habe. „Ich habe mich bei der Lektüre darauf gefreut, diesen Text auf der Bühne gesprochen zu hören.“

Ohne sich gleich Gedanken darüber zu machen, wie er diesen Stoff umsetzen will. Obwohl der 50-Jährige als Bildermagier gilt. Wenn er selbst die Bühne für eine Inszenierung entwirft, dann sind das Setzungen, brennt sich das Bild beim Zuschauer ein. Diesmal hat er die Gestaltung des Raumes Olga Ventosa Quintana überlassen.

Hingehauchte Worte

Es „sind realistische Figuren auf der Bühne, aber keine realistischen Orte“, sagt Kriegenburg. Die Personen führen oft Selbstgespräche, murmeln vor sich hin, wollen „die Isolation mit Worten füllen“. Eine der ersten und unumstößlichen Entscheidungen war, „dass man den Text nicht bühnentauglich machen darf“. Es wird mit Mikroports gearbeitet, damit die Schauspieler mit einer „Stimmpräsenz reden, die dem Text angemessen ist“. Manche Szenen lassen sich auf der Bühne nicht adäquat umsetzen. Wie die, wo die Hebamme am Fenster steht, die Scheibe durch ihren Atmen beschlägt und sie Wörter auf das Glas schreibt, die ebenso rasch wieder verschwinden.

In „Aus der Zeit fallen“ geht es auch um Trauer. Kriegenburg bezeichnet „die Fähigkeit, gemeinsam zu trauern, als ein Wesensmerkmal des Menschseins“. Eigentlich sei es aber ein Text über das Leben, den Wiederbeginn, die Befreiung aus dem Gefängnis der Trauer.

Tragische Schicksalsschläge

Sicherlich kein bequemer, unterhaltsamer Abend, aber den erwartet das Publikum wohl ohnehin am wenigstens am Deutschen Theater, dem Ort der Ernsthaftigkeit. Erst vor wenigen Wochen hatte dort „Gift“ Premiere, in dem Drama geht es um ein Paar, das sich erstmals Jahre nach dem Tod des gemeinsamen Kindes auf dem Friedhof trifft, weil der Sarg umgebettet werden muss. Und Kriegenburg hat in der vergangenen Saison mit „Am schwarzen See“ ein Stück von Dea Loher inszeniert, in dem Stück treffen sich vier Personen, die Eltern, an dem Ort, wo sich ihre Kinder – jung, verliebt und verzweifelt –, gemeinsam das Leben genommen haben.

Zum Spezialisten für die tragischen Schicksalsschläge möchte sich Kriegenburg aber nicht machen lassen. Buster Keaton zählt er zu seinen Vorbildern, eigentlich inszeniert er gern komödiantische Stoffe, „aber halt selten am Deutschen Theater“. Im Frühjahr hat er sich mit der Inszenierung „Sklaven“ einen Ausflug ins Vergnügen gegönnt und einen zweiten im Sommer: Da hat Kriegenburg auf einer Elbinsel „Sommertraumschiff – Ein Sinkspiel“ inszeniert – und auch geschrieben. Aus freundschaftlicher Verbundenheit. Der Regisseur wurde in Magdeburg geboren, die beiden Leiter des dortigen Theaters an der Angel kennt er noch aus Jugendzeiten.

Das Leben der Boheme

„Das sind sehr gute, langjährige Freunde von mir, die, verbunden mit großer Selbstausbeutung, dort ein Privattheater betreiben.“ Kriegenburg fährt da gern hin und inszeniert ein Sommerspektakel, wenn er Zeit hat. „Das ist wie Leben in der Boheme. Man lebt und arbeitet den Sommer zusammen, kocht und isst gemeinsam, probt und baut das Bühnenbild, um etwas zu kreieren, an dem andere Vergnügen haben“. Für den Regisseur ist das ein Urlaub von „Stadttheaterstrukturen und Sicherheiten“, fünf Mikroports zu besorgen, ist da schon ein logistisches Problem.

Freier arbeiten

In der Hauptstadt macht sich Kriegenburg, der immer wieder mit seinen Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen wurde, mittlerweile wieder rarer. Ein dezenter Rückzug, nicht zu vergleichen mit dem ersten. Als junger Regisseur ging er 1992 an die Volksbühne, Frank Castorf hatte den Laden gerade übernommen, und verließ Berlin nach ein paar Jahren im Zwist. Folgte Intendant Ulrich Khuon über Hannover und das Hamburger Thalia Theater schließlich nach Berlin, wo er 2009 am Deutschen Theater Hausregisseur wurde.

Den Posten hat er im Sommer aufgegeben, weil er wieder freier arbeiten wollte. Kriegenburg ist ein gefragter Mann – er inszeniert regelmäßig auch Opern, hat 2012 den „Ring des Nibelungen“ an der Bayrischen Staatsoper gestemmt und in diesem Jahr „Orlando“ an der Semperoper in Dresden inszeniert. Zwei Orte, an denen er auch künftig arbeiten wird, denn „ich bin jemand, der nach Kontinuitäten sucht“. Am Deutschen Theater wird er in dieser Spielzeit lediglich ein Stück machen: „Aus der Zeit fallen“ hat am Freitag Premiere.