Musical

Über uralte jüdische Melodien in der „West Side Story“

Intendant Barrie Kosky inszeniert Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“ als moderne Liebesgeschichte. Am Sonntag ist Premiere an der Komischen Oper, 21 Vorstellungen sind bereits geplant.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Es lässt sich schon fragen, warum ein Opernhaus die „West Side Story“ neu inszeniert, wo doch jeder Leonard Bernsteins Musical um Tony und Maria als Film oder klassische Tourneeproduktion kennen müsste? Große Oper ist etwas ganz anderes. Aber für Barrie Kosky ist die Lage klar. Es sei ein Meisterwerk und gehöre einfach an die Komische Oper.

Er schaut einen fast strafend an bei solchen Fragen. „Es ist eines der radikalsten Musicals aller Zeiten“, erklärt Kosky: „Man muss sich vorstellen, so etwas am Broadway der Fünfzigerjahre. Das war eine Provokation wie Strawinskys ,Sacre du printemps‘ in Paris.“ Am Sonntag ist in Berlin die große Bernstein-Premiere.

Enkelkind der Berliner Operette

Als Regieintendant ist Barrie Kosky schon ein Original, der virtuos Musiktheater und Unterhaltung in einen Topf werfen kann. Er leitet bereits seine zweite Spielzeit – und das sehr erfolgreich. Bei seinem Amtsantritt hatte er radikal mit einer Haustradition gebrochen. Er hat das Repertoire der 1947 von Walter Felsenstein gegründeten Komischen Oper aufgebrochen, weil ja das Opernhaus auf den Trümmern des früheren Metropol-Theaters entstanden war, und den Spielplan um die alten, fast vergessenen Operetten erweitert. „Die Musical-Tradition ist gewissermaßen ein Enkelkind der Berliner Operette“, sagt er.

Kosky selbst ist gebürtiger Australier, er ist Enkel jüdischer Einwanderer aus Mitteleuropa. Als Intendant hat er sich in Berlin die Wiederentdeckung jüdischer Komponisten, die von den Nazis vertrieben oder gar in den Tod getrieben worden waren, auf die Fahne geschrieben. Und auch die „West Side Story“ gehört für ihn irgendwie zu dieser Thematik.

„Das Stück ist von vier jüdischen Männern verfasst worden“, sagt Kosky: „Komponist Leonard Bernstein, Stephen Sondheim, der die Gesangstexte schrieb, Buchautor Arthur Laurents und Choreograf Jerome Robbins, sie alle waren Kinder von Immigranten. Der Kern des Stücks ist eine russisch-mitteleuropäische Exilgeschichte. Es geht um die Frage: Wo ist meine Heimat?“

Sie war jüdisch, er katholisch

Es ist heute fast vergessen: „East Side Story“ hieß das Musical in seiner ursprünglichen Konzeption von 1949. Das Liebespaar wurde in einem Konfessionsstreit zerrissen: Sie sollte jüdisch sein, er katholisch. Sechs Jahre später wurde die Story auf die Nachkriegsgeneration, auf jugendliche Banden in New York umgedeutet. „Es geht nicht nur um zwei zerstrittene Familien“, sagt Kosky: „sondern darum, ob Liebe helfen kann, den Hass zwischen Menschen zu überwinden. Das macht das Stück zeitlos, und deshalb ist es auch so erfolgreich.“

Er mache die „West Side Story“, betont der Regisseur. „Wir ändern nichts daran, einerseits weil wir es nicht dürfen, andererseits ist es auch nicht nötig. Aber ich benutze den Text auch metaphorisch. Wir reden über New York oder Puerto Rico, aber es ist nicht zu sehen. Wir haben eine fast leere Bühne, es ist beinahe eine Brecht-Fassung von Bernstein. Tony und Maria wirken in der Leere viel einsamer als vor einer Skyline im Hintergrund.“

Zutiefst innerst, nämlich musikalisch, hält Kosky das Musical für sehr jüdisch. „Die Musik ist eine unglaubliche Mischung, aber die Melodien sind keine Latino-Melodien“, erklärt er: „Sie kommen aus Bernsteins jüdischer Seele.“ Viele der großen jüdischen Komponisten in New York wie George Gershwin oder Irving Berlin sind mit der Musik aus der Synagoge aufgewachsen. Ähnliches sei auch bei Jacques Offenbach zu hören, der als Sohn eines Kantors aufwuchs.

Alte jüdische Melodien

Plötzlich fängt Kosky im Gespräch an zu singen. Ein bisschen Offenbach, ein bisschen Bernstein. „Es sind diese langen alten zeitlosen Melodien, die es seit Tausenden von Jahren gibt“, glaubt er. Bernsteins Musical hatte zuerst seine jüdischen Melodien, dann kam der Rhythmus von der Latin Music und dem Black Jazz hinzu. Für Kosky „eine unglaubliche Explosion.“ Für diese Produktion braucht sein Opernorchester ein paar Spezialisten zusätzlich: einen Jazztrompeter und einen Drummer.

Der Regisseur will bei der Musik aus dem Vollen schöpfen, überhaupt wird die Choreografie komplett anders sein und nicht von Robbins. „Wir müssen etwas anderes machen als die Tourneeanbieter.“ Er hat die Rechteinhaber auch darum gebeten, dass sie das berühmte „Somewhere“ im 2. Akt als Chornummer singen dürfen.

Das Schwarz-Weiß der Musicalhandlung, die Gettoisierung, ist für Kosky kein Thema mehr. Die Metropolen seien heute Immigrations-Fabriken. Wer heute durch die Welt reist oder aufmerksam Fernsehen schaut, wird bemerken, dass sich junge Menschen eigentlich nicht mehr voneinander unterscheiden wollen. „Die Männer tragen Jeans und ein T-Shirt, ob in New York, Peking, London, Kairo oder Berlin. Wir können heute auf der Bühne nicht mehr die Darsteller in verschiedene Uniformen oder folkloristische Kleidung stecken.“ Hinzu kommt, dass seine Darsteller in Berlin aus zwölf verschiedenen Nationen stammen.

Sterben für die Liebe

Die „Romeo und Julia“-Adaption hält Kosky für eine große Geschichte. Zwei junge Menschen, die sich lieben, und einer oder beide sterben, in diese Geschichte könnten wir unsere eigenen Ängste und Erfahrungen projizieren, sagt er: „Für uns alle gibt es eine Liste furchtbarer Dinge: Ein Kind stirbt, ein junger Soldat fällt im Krieg, ein junges Paar geht mit seinen Sehnsüchten unter.“ Andererseits träumen viele von der Liebe auf den ersten Blick.

Und schließlich will sich der Intendant doch in die Tradition seines großen Amtsvorgängers stellen: Felsensteins gefeierte Inszenierung vom „Fiedler auf dem Dach“ erlebte über 500 Vorstellungen. „Wir haben ,Kiss me, Kate‘ gezeigt“, sagt Kosky: „Und jetzt mache ich die ,West Side Story‘. Drei große Musicals.“ In dieser Spielzeit hat die Komische Oper 21 Vorstellungen angesetzt.