Hommage

Auf den Spuren von Leonard Bernstein in Berlin

Der Stardirigent war oft in Berlin. In den Berliner Philharmonikern sah er eine schöne, aber kalte Frau. Im Konzerthaus erlebte er Triumphe. Dort wird jetzt mit einer Hommage an Bernstein erinnert.

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Leonard Bernstein war schon zu Lebzeiten, genau genommen immer vor seiner Ankunft in Berlin, eine Legende. Wilde Überlegungen kursierten vorab im Konzerthaus. Da war die Rede von drei jungen Männern hinter der Bühne, die dem Maestro jeweils ein Handtuch, eine brennende Zigarette und einen Whisky bereit halten müssen. Überhaupt der Whisky. Seine Lieblingsmarke war zu DDR-Zeiten nicht mal im Intershop für Westgeld erhältlich. Angeblich wurde kurzfristig einer zum Reisekader ernannt und der holte die richtige Flasche aus West-Berlin.

Der 1990 verstorbene Stardirigent und Komponist Leonard Bernstein hat in Berlin, ob in Philharmonie, Konzerthaus und drum herum, verschiedenste Spuren hinterlassen. Das Spektakulärste war sein Konzert am 25. Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, mit der „Ode an die Freiheit". Insofern möchte das Konzerthaus jetzt den Mythos Bernstein auch an ihr Haus binden und lädt ab 8. November 2013 zu einer einwöchigen Hommage. Und am 24. November 2013 bringt die Komische Oper sein Musical „West Side Story“ zu Premiere.

Spurensuchen beginnen immer am Hintereingang. Es ist ein Jahr vor dem Mauerfall, Bernstein wird am Gendarmenmarkt erwartet. Während der Intendant und sein Empfangskomitee vorn an der Freitreppe den großen US-Amerikaner begrüßen möchten, raucht Beleuchter Peer Niemann hinten am Bühneneingang eine Zigarette. Plötzlich hält ein Taxi. „Ein kleines Männchen steigt aus“, erinnert sich Niemann, „und stürzt sich auf alles, was dort herum steht. Er schüttelt die Hände, redet auf die Leute ein, irgendwann steht er auch vor mir.“ Das Ganze hätte etwas Infantiles gehabt, meint er, aber „da kam so eine Energie rüber“. An das spitzbübische Lächeln kann er sich heute noch sehr genau erinnern. Schließlich rannte jemand nach vorne, um den damaligen Funktionärs-Intendanten zu informieren.

Plötzlich klang alles anders

Sebastian Nordmann residiert seit 2009 als Intendant im Konzerthaus. Er kam als Festivalchef über Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin, aufgewachsen ist er in Schleswig-Holstein. Beim dortigen Musikfestival hat er einmal als Teenie eine Beethoven-Probe des Weltjugendorchesters in Salzau besucht. „Der Klang gefiel ihm nicht“, erinnert sich Nordmann. Bernstein brach irgendwann ab. „Ein Assistent brachte ihm eine Zigarette und einen Whisky, dann setzte er sich in die Mitte und alle gruppierten sich um ihn herum. Dann erzählte er ihnen, worum es bei Beethoven wirklich geht.“ Nordmann kann sich nicht mehr erinnern, was genau Bernstein erklärt hat, aber bei der anschließenden Probe „klang alles ganz anders“. Der Musikvermittler hat ihn schwer beeindruckt.

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Als er das Konzerthaus übernahm, wusste der neue Intendant gar nicht, welche Beliebtheit Bernstein im eigenen Haus genießt. Allmählich wurden die Geschichten, die Anekdoten erzählt. Immerhin stand Bernstein zwischen 1984 und 1989 sieben Mal am Pult im Konzerthaus. Er gastierte mit den Wiener Philharmonikern, dem Concertgebouworkest oder dem London Symphony Orchestra. Bei dem letzten Konzert 1989, mit einem großen Mischorchester, spielten auch einige Berliner Philharmoniker mit.

Eine schöne, aber kalte Frau

Genau genommen hätten die Philharmoniker sogar die älteren Rechte am Mythos Bernstein, bei ihnen dirigierte er bereits im Oktober 1979. Bernstein sagte damals, erinnert sich Kontrabassist Rudolf Watzel, das Orchester sei eine schöne, aber kalte Frau. Die Chemie stimmte einfach nicht. Für Watzel hatte das verschiedene Gründe. „Heute gehört Gustav Mahler zum Repertoire, aber damals hatten wir ihn nicht so drauf“, sagt er.

Außerdem war Bernstein ein großer Unbekannter, sehr exaltiert, womit die Philharmoniker nicht zurecht kamen. Bernstein trug beispielsweise ein türkisfarbenes Armband. All das hat Karajans Spitzenmusiker irritiert. Es sei das einzige Mal in seinen 41 Philharmoniker-Jahren gewesen, sagt Watzel, „dass wir in der öffentlichen Generalprobe gesagt haben, wir brauchen noch eine Probe.“ Das Verrückteste an der Geschichte ist wohl, dass die Aufnahme von Mahlers Neunter einen Grammy gewonnen hat und legendär geworden ist. „Aber wenn man genau hinhört“, so Watzel, „dann klappert es an allen Ecken.“ Bernstein ist nie wieder zu den Philharmonikern gekommen.

Etwas geradezu Existenzielles

In der Philharmonie spielt regelmäßig das Deutsche Symphonie-Orchester, zur Bratschengruppe gehört Verena Wehling, eine der wenigen Musikerinnen, die quasi ihre Laufbahn in jenem Weltjugendorchester unter Bernstein begonnen hat. „Für mich war Bernstein ein Herzensmensch", sagt sie: „Und er konnte Musik politisieren, in einen philosophischen Kontext setzen, jenseits von der häufig praktizierten Musik als Ornament, als Freizeitausgleich nach einem schweren Arbeitstag. Bei Bernstein hatte Musik immer eine Relevanz, etwas geradezu Existenzielles.“

Mit dem politischen Dirigenten musste sich auch Heide Eichhorn als Sängerin im Rundfunkchor auseinandersetzen. Die Choristen stießen etwas später zu den Proben für das große Konzert 1989, Beethovens Neunte mit der berühmten „Ode an die Freude“ wurde einstudiert. Beiläufig sagte Bernstein den Hinzugekommen, sie sollten das Wort Freude immer durch das Wort Freiheit ersetzen. „Worüber wir uns erst gewundert haben“, erinnert sich die Sängerin.

Aber er sagte, Schiller wäre damit einverstanden, der war auch ein Dichter der Freiheit. Heide Eichhorn erinnert sich an ein aufregendes Konzert, sie habe anfangs mit den Tränen gekämpft. „Bernstein kam mir eher vor wie ein Tänzer oder Bandleader“, sagt sie: „Wir kannten ja mehr die braven deutschen Kapellmeister. Bernstein hingegen hat versucht, Musik in Körperbewegungen umzusetzen.“

Die East Side Story

Jene körperliche Seite wird jetzt auch in der Komischen Oper mit der „West Side Story“ gezeigt, einem Musical, in dem Musik und Tanz, Liebe und Leiden zusammen kommen. Hausherr Barrie Kosky, ein gebürtiger Australier, der als 15-Jähriger Bernstein einmal in New York hat dirigieren sehen, inszeniert das Musical. Ursprünglich sollte das Stück „East Side Story“ heißen und die Konflikte zwischen den amerikanischen Katholiken und Juden auf die Bühne bringen.

Der Hintergrund ist Kosky wichtig. Später wurde die Story auf die rivalisierenden US-amerikanischen Jets und die puertoricanischen Sharks umgedeutet. „Bernsteins ,West Side Story’ ist eines der besten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts“, sagt Kosky: „Und großes zeitgenössisches Musik-Theater gehört an die Komische Oper Berlin.“

Als Bernstein die Bar betritt, hören die Musiker auf zu spielen

Zwischen seiner Oper und dem Konzerthaus liegt das Westin Grand, zu DDR-Zeiten war es eine noble Herberge auch für Künstler aus dem Westen. Oben in der Jugendstil-Bar Le Grand Silhouette spielte einige Monate im Jahr 1987 die Barpianistin Brigitte Müller. Zum Repertoire der Berlinerin gehörten weltbekannte Evergreens, darüber hinaus waren junge Jazzer der Musikhochschule verpflichtet. Zwischen 22 und 4 Uhr sollte ein gehobener Barbetrieb stattfinden.

„Eines Abends kam Leonard Bernstein mit Gefolge in die Bar“, erinnert sich die Pianistin. Sofort hörten die Musiker auf zu spielen. Man traute sich erst nicht, dann ging es weiter. „Bernstein stand an eine Säule gelehnt – mit seiner Sonnenbrille hoch auf dem Kopf – und lauschte hingerissen den jungen Musikern.“ Nach einigen Titeln machte er ein Handzeichen der Anerkennung, umarmte die Sängerin und lächelte im Hinausgehen der Pianistin zu. Das wohlwollende, ja verschmitzte Lächeln, sagt Brigitte Müller, werde sie nie vergessen.