Mitverschwörerin Despino kommt als Reinemachefrau im blauen Kittel auf die Bühne. Anderswo beten gut gekleidete Juden eine riesige Druckmaschine an, die große hebräische Schriftzeichen ausspukt. Auf einer anderen Bühne wird ein Teddy zu pubertären Sexspielchen missbraucht. Dann wieder residiert der russische Geheimdienst in einem großen Fernsehstudio. Die Rede ist von „Cosi fan tutte“, „Nabucco“, „Sommernachtstraum“ und „Die Zarenbraut“. Regisseure lassen sich alles mögliche einfallen, um das Publikum in die drei Berliner Opernhäuser zu locken. Die Einfälle klingen teils witzig, teils provokant und hätten vor zehn, 20 Jahren womöglich auch Buhs oder Verärgerung hervorgerufen. Inzwischen sind Opernbesucher abgehärtet, in den Premieren gibt es fast nur Applaus bis Jubel zu hören, es regt sich kaum jemand ernsthaft auf. Es ist weniger Neugierde zu verspüren im Parkett und auf den Rängen. Die Berliner Opernsaison ist wechselhaft gestartet, an den Premieren lässt sich der Zustand des Regietheaters in Berlin ablesen.
Berlins Opernhäuser laufen bestens
Zunächst einmal bleibt festzuhalten: Die Oper brummt. Das Publikum strömt in die drei Häuser. Die Staatsoper im kleineren Schiller-Theater weist aktuell eine Gesamtauslastung von 97 Prozent aus, die beiden Premierenstücke „Zarenbraut“ und „Sacre“ waren ausverkauft. Die Deutsche Oper, das größte Haus, liegt bei fast 87 Prozent, der neue „Nabucco“ bringt es auf 94,6 Prozent. Die Komische Oper kann gut 86 Prozent vorweisen, „Cosi“ kommt auf 94,8 Prozent, der „Sommernachtstraum“ auf 84,5 Prozent, die Kinderoper „Des Kaisers neue Kleider“ auf 72,8 Prozent. Rein rechnerisch war der Saisonauftakt ein Erfolg.
Aber wie steht es um die Oper, die doch immer ein elitärer Ort sein wollte, an dem die existenziellen Erfahrungen des Menschen ästhetisch aufbereitet werden? An dem es um Liebe, Eifersucht, Hoffnung und Tod geht, vor allem aber auch um Lebensmodelle, um Utopien. Die Musik der großen Komponisten steckt bekanntlich voller Botschaften, die es zu erzählen und zu entschlüsseln gilt. Glücklicherweise ist die Zeit der Geschichtenerzähler noch nicht vorbei. Herausragend ist die Neuproduktion von Rimsky-Korsakows „Die Zarenbraut“ am Schiller-Theater.
Barenboims wunderbares Klangfundament
Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und Staatskapelle liefern ein wunderbares Klangfundament, über dem sich die durchweg guten Sänger entfalten können. Eigentlich sollte das künstlerischer Standard sein, ist es in Berlin aber leider nicht. Die Staatsoper hat außerdem einen Regisseur gefunden, der etwas zu sagen hat, was nicht nur ihn allein, sondern viele betrifft. Der Russe Dmitri Tcherniakov verlegt die historische Story um die Brautwahl mitten hinein in die Gegenwart. Am Computer wird ein neuer Zar als Avatar kreiert, der Geheimdienst manipuliert mit Fernsehbildern das Volk, überhaupt regiert der blanke Zynismus und keiner darf mehr seine wahren Gefühle offenbaren. Es ist eine Dystopie im russischen Märchengewand. Es ist schrecklich schön.
Mit einem Stummfilm hingegen beginnt die letzte große Verdi-Premiere an der Deutschen Oper. Die Zeit wird zurück gedreht, der Zuschauer in das von Giuseppe Verdi in Mailand gegründete Altersheim für mittellose Künstler entführt. Dann öffnet sich der Opernvorhang und Verdis Alterskomödie „Falstaff“ spielt just an diesem Ort zwischen Glamour und Vergehen.
Der versoffene, umtriebige Falstaff-Sänger braucht Geld, und so stellt er zwei alten Damen im Heim nach. Und plötzlich fühlen sich alle jung, ob aus Liebe, Zorn, Hoffnung oder Eifersucht. Christof Loy ist eine ebenso witzige wie melancholische Inszenierung gelungen. Seine Personenregie ist beachtlich in ihrer Leichtigkeit und Perfektion. Und alles, was Generalmusikdirektor Donald Runnicles am Pult vorführt, ist buchstäblich der Nachhall des bereits Verklungenen, sind Erinnerungsfetzen. Diese Produktion hat einen ganz eigenen Atem, auch wenn die Inszenierungsidee des Altersheims nicht neu ist.
Opern-Regisseure sind eigene Marken
Die Oper wird ja gern als Museum getadelt, in dem doch immer nur rund 50 Stücke im Kernrepertoire ausgestellt und szenisch aufbereitet werden. Altvertraut sind die ABC-Waffen (Aida, Boheme, Carmen), und eine „Zauberflöte“ geht immer. Aber den Vorwurf des Museums kann man den Opernhäusern nicht machen, sie haben auch Unvertrautes wie Brittens „Sommernachtstraum“ oder die „Zarenbraut“ auf die Bühne gebracht. Darüber hinaus greift das, was heutzutage Regietheater genannt wird und früher regelmäßig in Skandale mündete. Inzwischen distanzieren sich immer mehr Opernmacher davon.
Die Zurückhaltung hat verschiedene Gründe – und sie offenbart auch ein strukturelles Problem. Längst hat sich neben den Komponisten, Dirigenten, Sängern eine neue Berufsgruppe etabliert: die der umherreisenden Regisseure. Die werden wie eigene Marken durch die Opernhäuser gereicht. Als Einzelgänger müssen sie längst nicht mehr mit den städtischen Gewohnheiten vertraut sein, es geht kaum um Identifikation. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, der jeweiligen Oper einen neuen, sinnfälligen Rahmen zu verschaffen. Einen, der sich an der Abendkasse gut verkaufen lässt.
Keine Zeit für Provokationen
Die Zeit der Provokationen, der Skandale ist längst vorbei. Am deutlichsten ist das an der Deutschen Oper zu sehen, wo zur Saisoneröffnung Verdis „Nabucco“ ausgetauscht wurde. Die letzte Deutung von Skandalregisseur Hans Neuenfels hatte vor 13 Jahren auch wegen tanzender Priester im Biene-Maja-Kostüm Proteste ausgelöst. Der konservative Brite Keith Warner hievte jetzt die riesige Druckmaschine auf die Bühne. Warum auch nicht? Solcherart Symbole tun keinem weh. Die Berliner Oper wird immer mehr Teil der Konsensgesellschaft.
Dazu gehört aber auch die klare Absage an das dekonstruktivistische Regietheater. Während im Sprechtheater gerne die Stücke zertrümmert werden, sich Regisseure auf Augenhöhe mit genialen Autoren wähnen, bleibt in Opernhäusern die Musik von Mozart, Verdi, Wagner sakrosankt. Theaterregisseure werden angepasst. Selbst an der experimentierfreudigen Komischen Oper, die in der neuen Ägide von Regieintendant Barrie Kosky vor allem die Leichtigkeit und das Unterhaltsame favorisiert, sind frische Rahmungen gefragt. Da kann Mozarts „Cosi fan tutte“ bei Theaterregisseur Alvis Hermanis auch schon mal ein gepflegter Kostümschinken sein.
Die nächsten Premieren
West Side Story: Das weltberühmte Musical von Leonard Bernstein wird vom Regieintendant Barrie Kosky an der Komischen Oper inszeniert – und von Otto Pichler neu choreografiert. Die Premiere ist am 24.11. um 18 Uhr.
Il Trovatore: In Starbesetzung findet die Verdi-Oper der Staatsoper im Schiller-Theater statt. Es singen Anna Netrebko und Placido Domino. Am Pult steht Daniel Barenboim. Die Regie stammt von Philipp Stölzl. Die Premiere ist am 29.11. um 19 Uhr.
Die Herzogin von Chicago: Die Operette von Emmerich Kalman findet am 22.12. um 19 Uhr konzertant in der Komischen Oper statt.
Der feurige Engel: Die Oper von Sergej Prokofjew wird von Benedict Andrews an der Komischen Oper inszeniert. Premiere ist am 19.1. um 18 Uhr.
Katja Kabanowa: Simon Rattle dirigiert die Oper von Leos Janacek im Schiller-Theater. Regie führt Andrea Breth. Premiere ist am 25.1. um 19.30 Uhr.





