Eine Plastikflasche mit rot-weißem Logo weicht nicht von seiner Seite. „Die Cola-Light – mein Lebenselexier“, sagt Keith Warner. Sie gehört zu seiner Pause dazu wie die deutsche Tageszeitung, in die er eben noch vertieft war.

Gemütlich sitzt er nun da, der englische Regisseur, der Verdis „Nabucco“ auf die Bühne der Deutschen Oper an der Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg bringt. Am 8. September ist die Premiere.

Warner strahlt im Gespräch natürlich gewachsene Autorität aus. Seine Sumo-Ringer-Statur ruht zwischen Stuhl und Tischkante. „Ich bin nicht berühmt. Johnny Depp ist berühmt“, wiegelt er ab, als die Sprache auf seine, nun ja, Berühmtheit kommt.

Falsche Bescheidenheit

Aber das ist eine falsche Bescheidenheit. Denn auch wenn ihn heute im Restaurant der Deutschen Oper niemand um ein Autogramm bittet – in der Musiktheaterwelt dreht Keith Warner schon seit über 30 Jahren höchst erfolgreiche Runden. An den meisten großen Häusern der Welt hat er inszeniert.

Überall wird er gern verpflichtet und wiederverpflichtet, sei es nun in Frankfurt oder an der Metropolitan Opera, in Bayreuth oder in Covent Garden. Als Wagner-Regisseur, als Spezialist für die Oper des 20. Jahrhunderts genießt er hohes Ansehen. Warners Erfolgsrezept: intelligentes aber nicht verkopftes Musiktheater, werkdienlich, von der Musik und den Sängern inspiriert. Und genauso wichtig: Er bedient sich ohne Scheu aller Mitteln, die dem Theater zur Verfügung stehen.

Lobt junge Regisseure

Das ist es auch, was er an vielen jungen Regisseuren so schätzt. Warner sieht sogar eine neue Bewegung heranwachsen, spricht von einer „New Theatricality“. Er schwärmt von Stefan Herheims Bayreuther „Parsifal“. Lobt Damiano Michieletto Salzburger „Falstaff“. Findet warme Worte für Katharina Wagners „Meistersinger“. „Sie alle haben verstanden, dass es nicht ausreicht, mit einem fertigen Konzept anzukommen. Man muss es Stück für Stück aus der Komposition herausziehen, Charakter für Charakter, Szene für Szene. Dann kommt das Licht dazu, die Farben, die Kostüme, die Bauten.“ Und ganz wichtig: die Personenregie. „Wenn du keine Personenregie kannst, bist du kein Regisseur. So einfach ist das.“ Die Rollen, so Warner, müssten den Sängern wie maßgeschneiderte Anzüge passen. Das menschliche Drama, das Leidenschaftliche – für Warner ist das stets wichtiger als philosophische Ideen und politischen Aussagen.

Und die gezielte Provokation des Publikums? „Provozieren nur um zu provozieren, das halte ich für daneben“, stellt Warner klar. Doch manchmal schreien Plot und Musik geradezu danach. In Mozarts „Don Giovanni“ zum Beispiel. Es ist vielleicht das einzige Mal gewesen, dass Warner so richtig provoziert hat. Damals im Theater an der Wien zum Mozart-Jahr 2006. Das ging gut aus. Ansonsten tut er sich, der Opernerfahrene, schwer mit Mozart. „Ich bin diesem Genie einfach nicht gewachsen“, gesteht er. Verdi-Opern dagegen hat er mehrere im Repertoire. Über die Jahre hinweg haben sie sich angesammelt, ohne dass Warner es bewusst gesteuert hat. Sein Dortmunder „Trovatore“ von 1989 war seine erste deutsche Opernproduktion überhaupt. Im nächsten Jahr steht in Frankfurt „Falstaff“ an.

Dann ging das Geld aus

Doch nun erst einmal „Nabucco“ in Berlin. Verdis Frühwerk – der Komponist schrieb es als 29jähriger – beschäftigt Warner schon seit gut 15 Jahren. Damals steckte er mitten in den Vorbereitungen für eine „Nabucco“-Mega-Produktion. Durch mehrere Länder sollte sie ziehen, mit Stationen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, England, Amerika. Die Veranstalter verlangten Spektakuläres, so etwas in der Art wie die Bregenzer Seefestspiele. Und dann: „Ging das Geld aus.“ Doch Warner lässt der „Nabucco“ nicht los. Er entwickelt eine spezielle Liebe zu diesem Stück, das so anders ist als andere Verdi-Werke. Ihn fasziniert die enorme, unendliche Energie, die sich durch diese Oper zieht. Die starken Konflikte, die jede Figur im Innern kämpft. Es geht um den menschlichen Zustand allgemein, reduziert auf zwei elementare Kräfte, die aufeinander einstürmen.

Die Inszenierung von Hans Neuenfels vor 13 Jahren war der letzte „Nabucco“ an der Deutschen Oper – Warner hat sich die Aufzeichnung der Aufführung sicherheitshalber nicht angeschaut. „Die Gefahr wäre zu groß, dass ich mich durch starke Ideen und interessante Ansätze beeinflussen lasse.“ Normalerweise versucht er, Opern zu vermeiden, die er innerhalb der nächsten vier Jahre selbst inszeniert.

Geht selber gern in die Oper

Aber das ist gar nicht so einfach, denn Warner geht viel und gerne in die Oper. Schon als Jugendlicher gab es für ihn kaum etwas Schöneres. Seine allererste Oper: Wagners „Meistersinger“ in London. Da war er 13. Ein Erlebnis, auf das Warner humorvoll zurückblickt. Denn es war vor allen Dingen die enorme Länge – an einem Sonnabend von 15 bis 22 Uhr –, die ihn als Jugendlicher gereizt hatte. „Sieben Stunden! Eine unvorstellbare Zeitspanne, das wollte ich am eigenen Leib erfahren“, erinnert sich Warner.

Er schafft es, sich ausgiebig mit Musik zu beschäftigen. Trotz oder gerade wegen der sehr kleinen Verhältnisse, in denen er aufwächst. Sein Vater bezieht Versehrtenrente, die Familie lebt in einer engen Sozialwohnung, das Geld bleibt immer knapp. Die Musik ist Warners Rettung, seine Zuflucht. Er trifft sich mit Freuden, Gleichgesinnten. Lernt Geige und Klavier spielen. Liest Musikbücher und Partituren. Nimmt sogar Kompositionsunterricht. Auch wenn er anschließend nicht Musik studiert, sondern englische Literatur und Schauspielkunst an der Universität in Bristol, die klassische Musik wird sein Beruf.

Traum vom richtigen Opernfilm

Obwohl Warner nun schon so viel in seinem Leben erreicht hat – einen unerfüllten Traum hat er auf jeden Fall. Einen richtigen Opernfilm würde er gerne drehen, einen wie „La Bohème“ mit Anna Netrebko und Rolando Villazón. „Mir wäre allerdings wichtig, dass alle Beteiligten auch wirklich singen“, schränkt er ein. Oder auch einen Musicalfilm wie „Les Miserables“? „Habe ich Ihnen schon gesagt, wie sehr ich Musical liebe?“ ruft Warner da begeistert aus. Für ihn bedeutet Musical eine ganz aufregende Grenze zwischen E- und U-Musik. Schon häufig hat Warner mit Stephen Sondheim erfolgreich zusammengearbeitet. „Klar, es gibt geniale Musicals, es gibt aber auch ziemlich schlechte.“

Seine gute Laune verliert Warner auch nicht bei der anschließenden Odyssee durch das Innere der Deutschen Oper. Behände schiebt er sich über die Stufen, durch die Gänge, vorbei an kleineren und größeren Baustellen. Der Fotograf lotst ihn mal hier hin, mal dorthin. Immer auf der Suche nach dem geeigneten Motiv. Die Cola-Light, sein Lebenselixier, hält Warner bei seiner Wanderung natürlich noch in Händen.