Berliner Chöre

Was Chorsänger der Komischen Oper mit Polizisten gemein haben

Die Komische Oper Berlin stellt ihre Sänger regelmäßig vor große Herausforderungen. Viele Opern werden zu Teilen in der Originalsprache gesungen. da ist Teamgeist gefragt.

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Irgendwann wird David Cavelius lauter, was zu dem freundlichen Mann so gar nicht passen will: „Nee, wir sind als Sänger engagiert, andere als Tänzer.“ In den Inszenierungen der Komischen Oper ist das manchmal fürs Publikum kaum noch auseinanderzuhalten. Aber derartige Verwischungen will der Chordirektor nicht stehen lassen. Dabei drehte sich das Gespräch vorher immer wieder darum, dass der Opernchor gerade auch szenisch enorm herausgefordert ist. Wahrscheinlich sogar von allen Berliner Chören am meisten. Das Ganze hat noch einmal eine Beschleunigung erfahren, seit der australische Regisseur Barrie Kosky Intendant des kleinsten der drei Berliner Opernhäuser wurde.

Kosky verlangt das Letzte ab

Zwölf Premieren gab es seiner ersten Saison, in Koskys Opernkosmos ist die Trennungen zwischen U und E, alter und neuer Musik aufgehoben. Der Regieintendant will auch die Operette wieder zu einer Marke machen. Kürzlich erst wurde die 1932 in Berlin uraufgeführte Operette „Ball im Savoy“ als Wiederentdeckung gefeiert. „Die Arbeit wird immer spannender mit Barrie Kosky“, sagt Sopranistin Diemut Wauer, „gerade auch, weil wir jetzt auf der Bühne tanzen. Er verlangt uns schon das Letzte ab“. Sie lacht und scheint das gut zu finden.

Chorsolisten werden die Choristen an der Komischen Oper genannt. Die Solistenbezeichnung geht zurück auf Regisseur Walter Felsenstein, der 1947 die Komische Oper gründete. Sein Regietheater-Modell entstand quasi auf den Kriegstrümmern des alten Metropol-Theaters. Von einer neuen Wahrhaftigkeit, Verständlichkeit, Menschlichkeit war damals die Rede. Ein ästhetisches Programm, und der Chorist war einer der Solisten, der ernst genommenen Partner des Regisseurs im Bühnengeschehen. Die guten alten Zeiten sind offenbar noch nicht vorbei, obwohl hierzulande das Musiktheater inzwischen unter vielen egomanen Regisseuren leidet.

Sopranistin Diemut Wauer, seit ziemlich genau 20 Jahren beim Ensemble, benennt schon, wer das „Angebot des Chores annimmt und eine individuelle Personenregie herauskitzelt“. Zuerst nennt sie natürlich Harry Kupfer, den früheren Chefregisseur, bei dem sie begann. Mit Peter Konwitschny sei es spannend gewesen, den „Don Giovanni“ zu erarbeiten. Und nicht zuletzt lobt sie den Norweger Stefan Herheim für seine „Xerxes“-Proben. Beim Gründer Felsenstein, erinnern sich alterfahrene Kollegen, war das Bühnenbild wie ein Schachbrett ausgelegt, die beteiligten Figuren zogen dann von A1 nach B6 oder anderswo hinein ins Bühnengeschehen. Heute entsteht in den Proben vieles zufälliger. „Nicht jeder Regisseur kann mit Chören umgehen“, sagt David Cavelius.

Der Endzwanziger ist seit April Chordirektor an der Komischen Oper. Vorher war der Saarländer der Stellvertreter von André Kellinghaus. Als der an die Uni Bonn wechselte, rückte er auf. Er habe sich nicht viel dabei gedacht, sagt Cavelius: „Die Stelle war frei.“ Am Chor lobt er die klangliche Flexibilität, das Gemeinschaftsgefühl und die große Aufgeschlossenheit neuen Werken gegenüber. Andere Chöre wären schon mal maulig, wenn auf den Noten nicht Bach oder Mozart stände.

Diemut Wauer möchte sich nicht auf einen Komponisten oder ein Werk festlegen lassen. Gerade die Mischung, die Kosky vorantreibt, sei der Kick. Das Angebot reicht von Barock bis hin zu ganz frischen Kompositionsaufträgen. „Am liebsten hat man immer das Stück, was man gerade probt“, sagt die Sopranistin.

Dass jetzt die Opern „teilweise in Originalsprache gesungen wird“, sagt Cavelius, „ist schon eine große Herausforderung“. Und genau genommen ein Traditionsbruch. Felsenstein hatte verfügt, dass die Werke an seinem Haus stets in deutscher Sprache aufgeführt werden. Letztlich auch, damit das weniger gebildete Publikum den Inhalt versteht. Der Australier Kosky hat diese Regelung mit Amtsantritt gekippt.

Natürlich habe es intern Diskussionen darüber gegeben, sagen Wauer und Cavelius. Was kaum verwundert: Über Jahrzehnte hinweg wurde dem Chor eingeimpft, dass die textverständliche deutsche Sprache das A und O an der Komischen Oper ist. Ein Qualitätsmerkmal. Und nun das. Dabei hat gerade dieses Opernhaus frühzeitig auf soziale Veränderungen in der Stadt reagiert, mittlerweile sind in den Vorstellungen selbst türkische Übersetzungen verfolgbar.

Nicht alle Planstellen sind besetzt

Es gibt 58 Planstellen für die Chorsolisten, sagt Cavelius. Es sind aber nicht alle besetzt. Chöre haben es immer schwerer, hohe Tenöre und tiefe Alti zu finden. Es gibt eine strenge Auslese, wer in das Ensemble Oper darf. „Die Stellen sind uns kostbar“, sagt Diemut Wauer. Ein Chorsolist muss ein abgeschlossenes Gesangsstudium nachweisen. Die restlichen Bewerbungen werden offenbar gleich aussortiert. Dann finden die Vorsingen statt. Die jeweilige Stimmgruppe und der Chordirektor müssen dabei sein. Und da die meisten Bewerber zwischen 25 und 30 sind, demnach über drei Jahrzehnte im Chor mitsingen sollen, spielt auch die Gesundheit eine Rolle.

„Chorsolisten müssen wie Polizisten körperlich fit sein“, sagt Cavelius, „auch wenn sie älter werden“. Irgendwann fällt die Wahl. Dann beginnt die Probezeit. Es gab schon Fälle, sagt Wauer, dass Leute wieder gehen mussten, weil „sie den szenischen Ansprüchen nicht genügten“. Allerdings gäbe „es nichts Schlimmeres als verkappte Solisten“. Denn im Opernalltag funktioniert ein Chor immer nur als Gemeinschaft.