Berliner Bühnen

Bunter, lustiger, fantasievoller kann Oper kaum sein

Die Komische Oper ist der Gewinner der Saison: Barrie Kosky ließ dort die Ideen sprudeln. Überhaupt geht es den drei Opernensembles künstlerisch gut. Die Staatsoper leidet aber unter der Sanierung.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Die Berliner Oper kann auf einen guten Jahrgang verweisen. Gleich zwei neue Intendanten waren angetreten: Dietmar Schwarz an der Deutschen Oper und Barrie Kosky an der Komischen Oper. Beide können am Ende ihrer ersten Spielzeit auf gestiegene Auslastungszahlen und vor allem natürlich auf künstlerische Highlights verweisen. An der Deutschen Oper sorgte gleich die zeitgenössische Eröffnungsproduktion „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Helmut Lachenmann, wahrlich keine leichte musikalische Kost, für eine Überraschung. Die Vorstellungen kamen auf fast 99 Prozent Auslastung.

„Zauberflöte“ ist der Renner

Die Komische Oper konnte mehrere Treffer landen, voran mit Mozarts „Zauberflöte“. Für seine Zeichentrickoper hatte sich der Regieintendant Suzanne Andrade und Paul Barritt von der Performancegruppe „1927“ geholt. Deren witzige Hommage an die Stummfilmzeit half, die Auslastungszahlen nach oben zu treiben. Es wurde gar anderes aus dem Spielplan gekickt, um noch mehr „Zauberflöten“ in den Spielplan zu bekommen. War die Komische Oper in der vorigen Saison zu 65,8 Prozent ausgelastet, verkündet man dieser Tage stolz 75 Prozent. Zweifellos ein großer Erfolg.

Konzertante Oper liegt im Trend

Das Sonderbarste aber und vielleicht auch das Kennzeichnendste der abgelaufenen Opernsaison war der eminente Rückzug der Produktionen in die Konzerthäuser und ins Konzertante. Jetzt werden sofort einige auf die niedrigeren Kosten und die Sanierungszwänge der Häuser verweisen. Aber eigentlich wirkt das Ganze eher, als wollten die Künstler und ihr Publikum die Meisterwerke zwar gerne wiederhören, aber nicht unbedingt auch wieder sehen. Die allmähliche Abwanderung des Interesses auf die reine, unverstört musikalische Wiedergabe fiel ausgerechnet ins große Wagner-Jubiläumsjahr. Kein glückliches Zeichen – und dies bei drei konkurrierenden Opernhäusern, von denen ja das dritte, die Staatsoper Unter den Linden, noch immer in der Baugrube ausharrt und Intendant Jürgen Flimm eine Ersatzspielzeit nach der anderen im kleineren Schiller-Theater planen muss.

Oper auch am Gendarmenmarkt

Was den großen Wagner angeht, hatte der Regieverächter Marek Janowski am Pult seines Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin die musikalische Messlatte hoch gelegt. Seine konzertanten Wagner-Aufführungen präsentierten mit Liebe und Sachverstand das Riesenwerk des Jubilars. Inzwischen hat auch Chefdirigent Ivan Fischer angekündigt, sich mit seinem Konzerthausorchester in Zukunft stärker als bisher konzertanten Opernaufführungen am Gendarmenmarkt zuzuwenden. Als Fazit bleibt: Die offenbar unzähmbare Ausdeutungslust vieler Regisseure hat das Musikdrama, als das sich die Oper nach Wagner immer deutlicher verstand, buchstäblich diskreditiert. Und es bleibt festzuhalten: Die Berliner Wagner-Inszenierungen haben im Jubiläumsjahr niemanden verstört, noch vom Stuhl gerissen. Irgendwie scheint das deutschlandweit im Trend zu liegen.

Kritik am Christentum

Immerhin brachten Daniel Barenboim und seine Staatskapelle musikalisch überwältigend den „Ring des Nibelungen“ im Schiller-Theater zu Ende, aber die erst im Schlussbild enträtselbare Inszenierungsidee von Guy Cassiers entließ das Publikum eher unbefriedigt. Bildmächtig zeigt Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl den „Fliegenden Holländer“. Bereits zu Saisonbeginn hatte Stölzl gegenüber an der Deutschen Oper den „Parsifal“ als eine Kritik am Christentum inszeniert, quasi als ein brutales Krippenspiel im Opernformat. Wagner bleibt auch in Charlottenburg Chefsache: Donald Runnicles selbst dirigierte und ließ sich am Pult auf das Epische, das Großflächige ein.

Erfolg auf den letzten Drücker

Den überragendsten, gleichzeitig überraschendsten Erfolg der Saison spielte, geradezu auf dem letzten Drücker, die Komische Oper ein – und das ausgerechnet mit einem weithin vergessenen Werk: Paul Abrahams Berliner Operette „Ball im Savoy“. Zu erleben ist ein wahres Wunder an überschäumender Unterhaltsamkeit, musikalisch geleitet vom jungen Dirigenten Adam Benzwi, der die Aufführung nicht weniger in den Tumult zu stürzen verstand wie die ausgelassene Regie Barrie Koskys mit ihren großartigen Solisten, voran Katharine Mehrling und Dagmar Manzel. So macht Operette Spaß. Kosky hat gleich in seiner ersten Spielzeit eine neue Marke gesetzt.

Erfolg mit Verdis „Attila“

Einen Höhepunkt zum ebenfalls stattfindenden Verdi-Jubiläum steuerte die Deutsche Oper, gleichfalls in der Philharmonie, bei. Die konzertante Aufführung von Verdis selten gespieltem „Attila“, einer wahren librettistischen Katastrophe, die aber vom Elan Verdis und dem seiner hinreißenden Interpreten in den Triumph hinaufkatapultiert wurde, obwohl der angekündigte Hauptdarsteller Erwin Schrott durch Krankheit ausfiel. Die gehörte Besetzung konnte es mit Bravour ausgleichen. Die Oper lebt immer auch vom Krisenmanagement.