Ausstellung

Warum die West Side Gallery in Berlin zum Streitfall wird

Der Künstler Kai Wiedenhöfer zeigt an der Rückseite der East Side Gallery, dass es auch heute noch weltweit Grenzen gibt. Doch nicht bei allen stößt die Idee der West Side Gallery auf Gegenliebe.

Foto: Paul Zinken / dpa

Es ist auch dem Eigensinn der Berliner geschuldet, die ja so gerne protestieren, dass man zuweilen den Kern einer Veranstaltung recht schnell aus den Augen verliert. So geraten bei der Ortsbesichtigung mit dem Künstler Kai Wiedenhöfer seine bemerkenswerten Panoramafotografien fast in den Hintergrund des Schauspiels, das die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler da zusammen mit dem 1. Vorsitzenden der Künstlerinitiative East Side Gallery, Kani Alavi, und dessen Vorstand und Pressesprecher Jörg Weber aufführen.

Eigentlich sollte Kai Wiedenhöfer um elf Uhr damit beginnen, an der Rückseite der East Side Gallery – der sogenannten West Side Gallery – entlang, sechsunddreißig 9x3 Meter Panaromas zu kleben, die er seit 2006 fotografiert hat. Insgesamt dokumentiert der Künstler acht Grenzmauern, von Bagdad über die Berliner Mauer zur mexikanisch-amerikanischen Grenze, bis hin zu der zwischen Israel und Palästina. Über sechstausend Kilometer nur Mauer. Im Rahmen des Berliner Fotofestivals "The Browse" eröffnet am heutigen Mittwoch die Ausstellung "Wall On Wall" auf der Rückseite der East Side Gallery, direkt am Eingang gegenüber der O2-World. Aber Kani Alavi zögert den Beginn hinaus.

Alavi: "Die Kultursenatorin, das ist so peinlich."

Goehler: "Sie können nachher in jedes Mikro tröten. Aber jetzt wäre es gut, wenn Sie mal den Mund halten würden."

Alavi: "Sie verbietet mir den Mund! Den Mund!"

Alavi will kein neues Ding

Alavi gefällt die Idee nicht, dass aus "seinem Denkmal", der East Side Gallery, seinem Museum sozusagen, ein neues Ding gemacht wird. "Es gab schon 2008 eine Diskussion", wird er später sagen, "wir haben das Projekt aber abgelehnt." Nicht, weil sie gegen die Arbeiten von Wiedenhöfer seien, beschwichtigt Alavi, aber weil es eben nicht gehe, dass die Rückseite der Mauer benutzt wird. Im Angesicht der Toten an der Mauer möchte Alavi den Ist-Zustand der East Side Gallery bewahren, seine bunte, aber auch 20 Jahre alte Idee konservieren.

Dabei ist der Ansatz von Kai Wiedenhöfer doch wundervoll. Wiedenhöfer wird 1966 in Schwenningen geboren, und er erzählt, dass er zufälligerweise den Mauerfall fotografiert hat, "Das war am 10. oder 11. Oktober. Wir sind dann nach Essen gefahren, haben ein paar Spaghetti zu uns genommen und sind weiter nach Berlin", man bemerkt seinen liebenswerten Dialekt, ein bisschen krähend süddeutsch. Ab diesem Zeitpunkt, also, als die Mauer gefallen war, dachte er, dass die Welt frei sei, dass es keine Grenzen mehr gäbe, die ihn als jungen Menschen aufhalten könnten. Doch er täuschte sich.

Willkürliche Grenzen in der ganzen Welt

Der Anfang-Zwanzig-Junge, steht jetzt als Ende-Vierzig-Mann mit Baseball-Cap, weißem Hemd und Jeans vor seiner Arbeit, den Fotografien, die jedem unmissverständlich klar machen: Fahr nach Jerusalem, fahr nach Belfast, überall stehen Mauern, mit Stacheldraht, mit Wachtürmen und zerreißen ganze Familien. "Für die meisten Leute ist das so, wenn so eine willkürliche Grenze gezogen wird, dann zerfällt das Leben dort", sagt Wiedenhöfer und schaut dabei auf seine Arbeit aus Bir Nabala aus dem Westjordanland.

Eine Riesen-Flucht ist da, eine leere Straße, mit Betonmauern über zehn Meter hoch, oben drauf der tödliche Natodraht, und doch sieht es ganz ruhig aus. Oder die Ansicht aus der spanischen Enklave Ceuta in Marokko. Offiziell ist das spanisches Hoheitsgebiet. Ein kleines Wachhäuschen zwischen drei Maschendrahtmauern, bewacht von der Guardia Civil. Von diesem Landzipfel Afrikas sind es vielleicht zwanzig Kilometer bis nach Europa. Die Flüchtlinge hoffen, ihr Glück in Europa zu finden, und doch scheitern viele schon an der Grenze in Marokko.

Bilder wie aus einem Anti-Sehnsuchtskalender

Meist sind auf Wiedenhöfers Bildern keine Menschen zu sehen. Es sind Landschaftsaufnahmen. Fast wirken sie poetisch ruhig, wie aus einem Anti-Sehnsuchtskalender, als würde die Erde den Grenzen trotzen. Gleichgültig existiert der Planet friedlich weiter, während oben drüber der Mensch aus Stein, Beton und Stahl sein eigenes Schicksal vorwärts treibt. Ist es nicht großartig, wenn jemand wie Wiedenhöfer auf der Rückseite der East Side Gallery zeigen möchte, dass es noch unendliche viele Mauern gibt? Dass wir froh sein müssen, wenigstens die eine inmitten unserer Stadt friedlich eingerissen zu haben?

Während der Reporter diese Frage an Herrn Alavi von der East Side Gallery stellt, nähert sich wieder Frau Goehler.

Goehler: "Herr Alavi, Sie sind nicht authentisch."

Alavi: "Sie wissen das?"

Goehler: "Sie sind mir vorhin auch in meine Pressekonferenz hineingegrätscht."

Alavi: "Hab ich das?"

Dann mischt sich der Alavis Pressesprecher Jörg Weber ein.

Weber: "Sie wollen seit Jahren die East Side Gallery bekleben."

Goehler: "Nicht die East Side. Die West Side."

Weber: "Das ist nicht die West Side Gallery, das wird sie auch niemals werden. Wir sind hier im Osten und nicht im Westen. Der Westen

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.