Waldbühnen-Konzert

Rattle ist noch nicht ganz bei Beethoven angekommen

Die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle gaben in der Waldbühne ihren traditionellen Saison-Abschluss. Den ergreifendsten Auftritt hatten jedoch nicht die Musiker oder der Dirigent.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

„Wie wunderbar, es regnet nicht“, rief Sir Simon Rattle am Ende erleichtert ins Publikum. Und in der Tat, das Wetter war dieses Mal äußerst gnädig. Blauer Himmel, milde Sonnenstrahlen, angenehme Luftfeuchtigkeit - ideal für ein gelungenes Waldbühnen-Konzert, das es in diesem Jahr sogar doppelt gab.

Das Waldbühnen-Konzert der Berliner Philharmoniker mit mehr als 20.000 Zuschauern ist der traditionelle Saisonabschluss, diesmal im spektakulären Doppelpack. Aus aktuellem Anlass stieß Sir Simon Rattle bereits zur Generalprobe am Tag zuvor die Pforten auf. Um Spenden für die Fluthilfe zu sammeln. Um ein Zeichen der Solidarität für die Opfer des Hochwassers zu setzen.

So kennt man Rattle, dafür liebt man ihn. Er ist in solch einem Fall stets zur Stelle, krempelt die Ärmel hoch, trifft rasche, publikumswirksame Maßnahmen. Fällt Entscheidungen, die allen nützen. Zweimal also erklingt Mendelssohns Violinkonzert mit dem Solisten Christian Tetzlaff, zweimal Beethovens emphatische Neunte. Und natürlich auch zweimal die „Berliner Luft“ von Paul Lincke, begleitet von den begeisterten Pfiffen des Publikums. Nach vierjähriger Waldbühnen-Abstinenz feiert Rattle sein Comeback in zweifacher Ausführung.

Ein Blick in die Waldbühne noch im Hellen:

Es brodeln die Gerüchte

Und beendet eine Konzertsaison, die es in sich hatte. Eine Saison, die seit Jahresbeginn von der Top-Meldung schlechthin überschattet wurde: Sir Simon Rattle hört auf. Wird seine Philharmoniker unwiderruflich verlassen. Zwar erst 2018, aber schon wenige Tage nach Bekanntgabe brodeln die Gerüchte. Munter rotiert das Nachfolger-Karussell, es sickern angebliche Wunschkandidaten des Orchesters in die Öffentlichkeit.

Bis spätestens 2015 soll Ersatz her, muss der Nachfolger öffentlich benannt sein – die Philharmoniker planen stets drei Jahre im Voraus. Wie jedes Spitzenorchester heutzutage. Bemerkenswert allerdings bei allem Trubel: Der Jammer darüber, dass der Engländer seine Verträge nicht verlängert – er hält sich in deutlichen Grenzen. Die große Begeisterung, mit der er 2002 in Berlin empfangen wurde, ist nicht mehr ganz so groß. Von Jahr zu Jahr mehren sich die kritischen Stimmen. Der Hauptvorwurf: Rattles Interpretationen fehlt das Einzigartige, das Unverwechselbare. Er tut den Berliner Philharmonikern zwar gut, schafft es aber nicht, sie zu Höhenflügen zu bewegen.

Ein Blick in die Waldbühne nach Sonnenuntergang:

Doch seien wir ehrlich: Sir Simon Rattle hat niemals mehr versprochen als er gehalten hat. Als Orchestererzieher erspielte er sich in den Neunzigern großen Ruhm. Der Lockenkopf führte das Sinfonieorchester von Birmingham in die Riege der weltbesten Klangkörper. Mit viel Schwung und Elan. Mit einer Fülle an neuen Ideen und Visionen. Er holte die Klassische Musik vom hohen Ross, erschloss neue Publikumsbreiten, machte die Musik des 20. Jahrhunderts attraktiver. Schon damals war sein Repertoire schwindelerregend umfangreich, nur die Oper – die war Rattles Sache noch nie.

Die Philharmoniker wussten das alles. Sie wählten Rattle in erster Linie, um den Sprung ins 21. Jahrhundert zu schaffen, im digitalen Zeitalter anzukommen, eine größere Nähe zum Publikum herzustellen. Sie wählten den Allrounder, den Macher. Und in der Tat: Rattle wird in die Geschichtsbücher als Modernisierer der Philharmoniker eingehen. Als erfolgreicher Vorantreiber multimedialer Projekte. Die Berliner Philharmoniker haben durch ihn ein höheres Ansehen erlangt – in Berlin und in der Welt. Sie haben sich unter Rattle nachhaltige Sympathien erspielt, gelten nun als weniger arrogant. Eines allerdings wurmt Rattle: Gemessen an seinen großen Visionen und äußerlichen Erfolgen ist er im rein Musikalischen bislang eher blass geblieben. Und das, obwohl er sich im Laufe seines Lebens ein spektakulär vielseitiges Repertoire erarbeitet hat.

Doch vielleicht liegt gerade darin sein Problem: Es gibt kaum einen Komponisten, den man mit Rattle zwangsläufig in Verbindung bringt. Kaum lässt sich eine Sinfonie finden, die er besser als alle anderen beherrscht.

Keine gewichtigen Beiträge

Für die Philharmoniker ist das hart. Denn sie haben den Anspruch, besser als alle anderen Orchester zu sein. Und sie haben durchaus Komponisten, die man mit ihnen in Verbindung bringt. Allen voran die drei großen Bs des 19. Jahrhunderts: Beethoven, Brahms, Bruckner. Karajan und Abbado, Rattles Vorgänger, sie hatten ein Händchen für alle drei Komponisten. Sie leisteten gewichtige Beiträge zur Interpretationsgeschichte, die nicht wegzudiskutieren sind.Rattle dagegen arbeitet noch daran. Fünf Jahre hat er jetzt noch dafür. Und mit jedem Konzert dieser Saison war zu spüren, dass sich Rattle im Wandel befindet. Er wirkt abgeklärter, demütiger, ehrlicher, bedächtiger. Er überspielt nicht mehr die Last der täglichen Selbstzweifel, die sein Haupt über die Jahre gesenkt haben. Er versteckt nicht das schmerzvolle Ringen mit den Meilensteinen, nicht die tiefen Spuren, die der anstrengende Konzertbetrieb hinterlassen hat. Es ist ein Rattle, den man nun mit anderen Augen sieht und mit anderen Ohren hört. Ein Rattle, dessen jugendlicher Glanz erloschen ist. Ein Rattle, bei dem nun das Alter zu leuchten beginnt.

Auf Publikumsvorlieben nimmt er immer weniger Rücksicht, stattdessen stellt er seine eigene Suche, sein eigenes Experimentieren mit den Werken in den Vordergrund. Es geht ihm um nichts weniger als um künstlerische Selbstverwirklichung. Nicht alles, was er in dieser Saison zutage fördert, wirkt rund und nachvollziehbar. Befremdlich zum Beispiel, wie er im ersten Satz von Bruckners 4. Sinfonie das Hauptthema zu Beginn bis ins Unendliche dehnt, ohne daraus später Konsequenzen zu ziehen. Seltsam, wie spröde und asketisch er mit Beethovens Pastorale umgeht. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man sagt: Rattle hat mit Beethoven, dem Liebling der Philharmoniker, momentan die meisten Probleme. Und das, obwohl jeder erwartet, dass er mit den Philharmonikern noch einen kompletten Beethoven-Zyklus auf CD aufnimmt, ehe er offiziell aus dem Dienst scheidet.

Herausgekommen ist in der Waldbühne ein Beethoven, der eigentlich nicht zu einem sommerlichen Massenevent unter freiem Himmel passt. Vergeistigt, monologisierend, selbstzweifelnd - ein brüchiger, unbequemer Beethoven, der viele Frage offen lässt.

Wie gesagt: Noch immer befindet sich Rattle auf der Suche. Noch ist er nicht ganz bei Beethoven angekommen.

Den ergreifendsten Auftritt hatten übrigens nicht etwa der Rundfunkchor oder das erlesene Solistenquartett im Finale. Nein, es waren die heimischen Vögel, die im langsamen Satz nach Herzenslust hineinzwitscherten und tirilierten.