Andreas Ottensamer

Wie die Berliner Philharmoniker einen Virtuosen hinhielten

Klarinettist Andreas Ottensamer wollte unbedingt zu den Berliner Philharmonikern. Doch die lehnten zunächst ab. Im zweiten Wahlgang wählte das Orchester den jungen Wiener dann doch. Ein Porträt.

Foto: Anatol Kotte / Mercury Classics / DG

Eigentlich ist Andreas Ottensamer genau der Typ, auf den das Selbstbild der Berliner Philharmoniker so augenfällig passt. Bescheidenheit, so viel sei gleich vorab gesagt, gehört nicht zu den geforderten Tugenden. Ottensamer jedenfalls ist 24 und bereits ein Virtuose, er entstammt einer etablierten Wiener Musikerfamilie, ist gut aussehend, sportiv, selbstbewusst, er hat gerade seine erste CD rausgebracht, leitet ein Musikfestival. Er hat sogar in seiner Biografie einiges riskiert, um ein Berliner Philharmoniker zu werden. Und dann passiert das Unglaubliche: Das Orchester stimmt am Ende der Probezeit gegen den jungen Klarinettisten. Dabei hätte die einfache Mehrheit genügt. Der Überflieger bleibt daraufhin einige Zeit in der Luft hängen.

Das war sein Traumjob

Unser Gespräch in einem Café an der Bergmannstraße findet genau in dieser Wartezeit statt, die Demütigung hat ihn schon hart getroffen. „Für mich war immer klar, wenn ich Musik auf höchstem Niveau machen darf, dann wähle ich diesen Weg“, sagt Ottensamer: „Ich habe mir nie eingeredet, ich will nur ein bisschen Musik machen. Dazu hatte ich durch meine Eltern zu tiefe Einblicke in die Welt der Qualitätsmusik. Ich wollte mir keine kleineren Ziele stecken.“ Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker – das war sein Traumjob.

Kurz vor Saisonende gewählt

Dieser Tage, kurz vor Saisonende, hat ihn das Orchester doch noch zu einem der ihren gewählt. Der „Fall Ottensamer“ bleibt ein bemerkenswerter Vorgang. Er offenbart, dass es auch bei den gern beschworenen 128 coolen Virtuosen der Berliner Philharmoniker überaus menschlich zugeht, es einen Widerspruch zwischen künstlerischem Anspruch und dem Zwang zur Anpassung gibt. Wenn sich die Berliner Philharmoniker am Sonnabend in der Waldbühne zum Saisonabschluss feiern lassen, wird ihr frisch gekürter Solo-Klarinettist allerdings nicht dabei sein. Zu seiner Wahl will er auch nichts mehr sagen. Andreas Ottensamer ist bereits zu seinem neuen Festival abgereist.

Das Festival heißt „Südtirol Momente“ und er leitet es gemeinsam mit dem Pianisten José Gallardo. Bei der Gelegenheit promotet er seine Debüt-CD „Portraits – The Clarinet Album“, die im Juni weltweit erschienen ist und es hierzulande sofort in die Top-Ten der Klassik-Charts geschafft hat. Die Deutsche Grammophon wirbt damit, dass Andreas Ottensamer der erste Solo-Exklusivkünstler seines Fachs in der Geschichte des gelben Labels ist. Man kann sich bildhaft vorstellen, wie sich manch Philharmoniker-Kollege über die Ankündigung innerlich aufgeregt hat. Die absolute Mehrheit der 128 wird nie einen solchen Vertrag zu Gesicht bekommen. Ottensamer lebt dagegen den Erfolg in vollen Zügen aus und redet offenherzig darüber. Er gehört zu jenem Menschenschlag, die Spaß am Leben haben. „Viele Klarinettisten, die ich kenne, sind sehr eigene Typen“, sagt er. Und erklärt im gleichen hektischen Atemzug, dass er nie Kontakt zu anderen Klarinettisten gesucht habe – die hat er schließlich in seiner eigenen Familie.

Stammt aus einer Klarinettendynastie

Der gebürtige Wiener stammt aus einer Klarinettendynastie. Sein Vater und sein Bruder sind Solo-Klarinettisten bei den Wiener Philharmonikern. Aber Andreas Ottensamer hatte immer auch die Chance, nicht Klarinettist werden zu müssen. Seine ungarische Mutter ist Cellistin. Und so hat Sohn Andreas ab 1999 zunächst in Wien ein Cellostudium begonnen, vier Jahre später wechselt er ins Klarinettenfach. „Für mich war das Cello immer das Streichinstrument mit dem schönsten Klang“, erklärt er: „Ich sehe große Parallelen zwischen dem Cello und der Klarinette, was die Klangfarbe betrifft. Beides sucht immer nach der dunklen Wohligkeit, nicht nach dem Schrillen.“ Irgendwann hilft er an der Wiener Staatsoper, bei den Wiener Philharmonikern aus und spielt im Gustav Mahler Jugendorchester. Unter dem Niveau läuft bei ihm nichts.

In Berlin ist man weltoffener

In Wien, weiß er, sucht man sich den Nachwuchs unter den Leuten aus, die aus derselben Schule, demselben Milieu kommen. „In Berlin ist man weltoffener, man nimmt denjenigen, den man als den besten Musiker empfindet“, sagt Ottensamer: „Der kann von überall herkommen. Das ergibt eine ganz andere Mischung.“ Das ist sein Kick.

Nach dem Studium beginnt sein erster interkontinentaler Überflug: Er nimmt ein „liberal arts“-Studium an der Harvard-University auf, um es bald wieder abzubrechen. Wenn nicht das Angebot aus Berlin gekommen wäre, sagt er, dann hätte er „wahrscheinlich etwas in wirtschaftlicher Richtung gemacht. Ich habe auch in Wien andere Studienrichtungen probiert.“

Stipendiat der Akademie

Stattdessen wird er 2009 Stipendiat der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. Das Orchester betont immer wieder, wie stolz es darauf ist, dass viele Philharmoniker über die eigene Akademie gekommen sind. Aber Ottensamer wird im Juli 2010 Soloklarinettist beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO). Eine schöne Zeit sei es gewesen, sagt der Musiker: „Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das Probespiel bei den Philharmonikern machen werde. Es ist doch klar, dass man als junger Musiker versucht, die Karriereleiter weiter hinauf zu steigen.“ Man braucht auch nicht viel Fantasie sich vorstellen, wie einige ehemalige DSO-Kollegen reagiert haben, als sie von der Philharmoniker-Ablehnung hörten.

Tennisspieler und Fußballer

Wie so viele Überflieger hat Ottensamer einen sportiven Geist. Er hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen, ist zugleich künstlerische Partnerschaften mit Topmusikern eingegangen. Mit seinem Vater und Bruder hat er ein eigenes Trio „The Clarinotts“ gegründet, das sich auch für Neue Musik einsetzt. Darüber hinaus war Andreas Ottensamer lange ein Tennisturnierspieler und hat mit seinem Bruder einen eigenen Fußballverein, die Wiener Virtuosen, gegründet. Er habe beim Sport die Disziplin fürs Üben gelernt, sagt er: „Ich war es gewohnt, fünfmal die Woche zum Tennistraining zu gehen.“ Und Fußball vergleicht er schon mit Kammermusik, weil man lernt, wie man „mit den anderen im Team umgeht.“

Jetzt ist Andreas Ottensamer ein philharmonischer Teamplayer. Was das bedeutet, hat er gleich zu Beginn lernen müssen. Schwer zu sagen, ob er zu jenen Solisten gehört, die Demütigungen verdrängen können. Es ist eher anzunehmen, dass er nicht allzu lange ein Philharmoniker sein wird.