Kaum ist Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm von der Bühne herunter, schon will er mal schnell rüber ins Hotel de Rome. Ein Wahnsinn, eine Odyssee, denn die Bühne steht direkt vor der Humboldt-Universität, das Hotel liegt aber auf der anderen Seite des Bebelplatzes. Normalerweise sind die gut hundert Meter schnell durchschritten, aber nicht, wenn Stardirigent Daniel Barenboim zu seiner „Staatsoper für alle“ einlädt und der historische Platz in Mitte proppenvoll ist. Tausende Klassikhörer sind auf dem Platz versammelt, Tausende links auf dem Boulevard Unter den Linden, Tausende rechter Hand in Richtung Brandenburger Tor.

Mit Handschlag begrüßt

Und immer neue Gruppen stoßen dazu. Kurz zuvor bei der offiziellen Eröffnung hatte Hans-Reiner Schröder, der den Sponsor BMW Berlin präsentiert, erzählt, dass sich schon um halb zehn vormittags die ersten mit Klappstuhl ihren Platz vor der Bühne reserviert hätten. Er hätte jeden einzelnen mit Handschlag begrüßt. Um 13 Uhr ist das schlicht unmöglich. Rund 38000 Besucher sind zu dem Open-Air-Konzert gekommen, sagt der Veranstalter. Das ist in der siebenjährigen Geschichte der Bebelplatz-Konzerte ein neuer Rekord.

Der Intendant hingegen kommt in seiner Eröffnungsrede nicht an seiner baufälligen Staatsoper vorbei. Sie steht gut verpackt und eingezäunt links vor der Bühne. Es ist wenig zu erkennen auf der Riesenbaustelle. Die Sanierungsarbeiten ziehen sich hin. Ursprünglich hätte das Opernhaus bereits in diesem Sommer übergeben werden sollen. Aber davon ist lange schon keine Rede mehr. Derzeit scheuen sich die Berliner Bauverantwortlichen davor zuzugeben, dass selbst die Eröffnung 2015 wackelt. Jürgen Flimm aber will an diesem Sonntag kein Spielverderber sein. Er bittet das Publikum, zum Opernhaus zu gehen und es liebevoll zu streicheln, damit es schneller wächst. Optimisten haben immer die Lacher auf ihrer Seite.

Hohe, künstlerische Qualität

Daniel Barenboim gibt derweil schnell noch ein Fernsehinterview backstage. Ein Riesenjubel empfängt ihn schließlich auf der Bühne, wo ihn bereits seine Staatskapelle Berlin erwartet. Wer denkt, die Musiker würden mal beiläufig Open-Air aufspielen, sieht sich getäuscht. Wagner, Brahms, Beethoven werden, Lautsprecher hin oder her, in höchster künstlerischer Qualität gespielt. Und das Ganze vor dem Hintergrund, dass am selben Abend auch noch eine große Premiere im Schiller-Theater, der Ausweichspielstätte, ansteht. Arbeitsrechtlich ist diese Doppelbelastung eigentlich unmöglich, ist am Rande zu erfahren, aber die Musiker tun es freiwillig. Die Bebelplatzkonzerte seien ihnen wichtig, heißt es. Es ist nicht zu überhören.

Während von der Bühne mächtig Richard Wagners Vorspiel zu den „Meistersingern von Nürnberg“ herüberdröhnt, wagt Jürgen Flimm die Odyssee. Es ist nicht leicht, ihm zu folgen. Am chaotischsten ist das Stück Unter den Linden. Auf der abgesperrten Straße stehen ungläubig Fahrradfahrer herum. Andere sitzen auf der Straße. Das ist gewissermaßen die Laufkundschaft des Konzerts. Zwischendurch gibt es dezente Absperrungen. Vielleicht eine der merkwürdigsten Beobachtungen: Bei Menschenansammlungen dieser Größenordnungen stehen normalerweise zehn Polizeiautos mahnend im Wege, hier aber ist überhaupt kein Ordnungshüter zu bemerken. Offenbar versammeln sich Störenfriede anderswo, jedenfalls nicht bei Klassik auf dem Bebelplatz.

Schließlich hat sich der Intendant auf den früheren Opernplatz durchgedrängt. Dort ist es bemerkenswert still, fast so still wie im Konzertsaal. In der warmen Sonne braucht auch niemand zu husten. Durchdrängler müssen leise sein. Klappstuhl, Decken, Picknickkorb und Kaffeekannen dürfen mitgebracht werden, hieß es vorab. Das haben viele getan. Aber offenbar sind die meisten doch zuerst wegen der Musik gekommen. Das Publikum sitzt jedenfalls andächtig und lauscht, inzwischen hat Geigerin Lisa Batiashvili die Bühne übernommen. Die junge Georgierin ist Solistin in Johannes Brahms’ Violinkonzert von 1879. Das ist heute ein Klassiker, aber seinerzeit umstritten. Hans von Bülow, der 1887 erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde, meinte, das Konzert sei nicht für, sondern gegen den Solisten geschrieben. Lisa Batiashvili setzt sich energisch gegen solche altbackenen Behauptungen zur Wehr. Es ist nicht zu überhören, dass die georgische Geigenschule aus der russischen hervorgegangen ist, die Geigerin zieht und schiebt mit virtuoser Kraft.

Klappstühle werden verkauft

Das tut auch Jürgen Flimm auf dem Bebelplatz. Linkerhand werden Klappstühle für 15 Euro verkauft. Jemand fragt eine alte Dame, die ihren Stuhl mitten in den Weg gestellt hat, ob sie denn wisse, dass sie mitten im Weg sitze? Sie antwortet freundlich: ja. Alle gehen ebenso freundlich um sie herum. Ein Stück dahinter beginnt der Trampelpfad. Der Rest ist ein Katzensprung: Auf die Hotelterrasse mit Blick auf den Bebelplatz hat der Sponsor eine Gäste eingeladen.

Die Bühne ist aber kaum zu sehen. Sie ist weit weg, wie Flimm aus Erfahrung weiß. Auf einer eigenen Leinwand ist Daniel Barenboim zu sehen. Mit kleinen Bewegungen, aber hoch konzentriert, dirigiert er Ludwig van Beethovens Siebte Sinfonie. Eine leidenschaftliche Interpretation, die für Hochstimmung sorgt. Irgendwann wird auf der Terrasse die Fortsetzung der „Staatsoper für alle“-Konzerte beschlossen und besiegelt. Alle rundum sind zufrieden. Daniel Barenboim kündigt hinten auf der Bühne als Zugabe Wagners „Lohengrin“-Vorspiel zum 3. Akt an. Um 15.20 Uhr ist das Konzert zu Ende. Der Bebelplatz leert sich schnell.