Ungewöhnliche Tour

Mit dem Bus durch die Berliner Theatergeschichte

Vom Schiller Theater über die Volksbühne bis zum Maxim Gorki Theater: Zum Jubiläum des Theaterfestivals gibt es Bustouren durch die Vergangenheit der Bühnenmetropole Berlin.

Foto: Brexendorff / picture-alliance

Man kann an einer Bushaltestelle sehr einsam sein. Wie die Frau in Harold Pinters Einakter „Request Stop“. Das Wartehäuschen auf der Grünfläche vor dem Haus der Berliner Festspiele, natürlich mit dem Werbeplakat „THEATERTREFFEN FÜNFZIG“ ausgestattet, böte sich durchaus als Aufführungsort an. Es soll in den kommenden Tagen angefahren werden.

Denn dort beginnt anlässlich der Jubiläumsausgabe des Festivals eine knapp zweistündige „multimediale Busreise in die Vergangenheit“. Wir sind schon mal vorab mitgefahren.

Neben einem Live-Moderator macht Schauspielerin Sandra Hüller, die mit ihren ersten Worten „Ich bin im Call-Center in Kalkutta“ auf ein Projekt der Gruppe Rimini Protokoll anspielt und damit gleich mal die Theaterkompetenz der Mitfahrer testet, auf dem Bildschirm die Ansagen für die Einspieler.

Lohnende Reise durch die Berliner Theatergeschichte

Es geht vom Festspielhaus über den Kudamm zum Theater des Westens, das allerdings noch nie Spielstätte des Theatertreffens war. Das hat es immerhin auf 50 verschiedene Aufführungsorte gebracht, das passt schön zur 50. Ausgabe des wichtigsten deutschen Theaterfestivals.

Ein paar davon, verknüpft mit stadtgeschichtlichen Ereignissen oder legendären Aufführungen wie „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (Martin Wuttke spielt immer noch die Titelrolle im Berliner Ensemble) oder „Dämonen“ an der Volksbühne (beim Stop vor dem Haus werden Ausschnitte aus der Castorf-Verfilmung gezeigt) fährt der Bus an.

Auch den Flughafen Tempelhof, wo Marthalers „Riesenbutzbach“ gezeigt wurde. Für auswärtige Besucher des Festivals eine lohnende Reise durch die Berliner Theatergeschichte, aber auch für Einheimische gibt es einiges zu erfahren.

Ost-Intendanten beim Theatertreffen unerwünscht

Erster Stop ist das Schiller Theater. Dort ist momentan die Staatsoper untergebracht, weil ihr Stammhaus grundsaniert wird, was wir später auch sehen werden, wenn es Unter den Linden Richtung Volksbühne geht.

1964 wurde im Schiller Theater das Stück mit dem längsten Titel aller 527 eingeladenen Theatertreffen-Inszenierungen gezeigt: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn de Sade“. Peter Weiss, der Autor des Stücks, hat seinerzeit für die Uraufführung im Schiller Theater auch das Bühnenbild gestaltet.

Auf dem Monitor erscheint ein historisches Foto vom Schiller Theater, da existierte nebenan noch ein Biergarten und die Straßenbahn hielt vor dem Haus. 1951 wurde die kriegszerstörte Bühne wieder eröffnet, der Kalte Krieg sorgte aber dafür, dass Ost-Intendanten wie Wolfgang Langhoff oder Walter Felsenstein nicht zu dem Festakt eingeladen wurden, wie Moderator Arne Krasting erzählt.

Erst 1989 wurden Ost-Bühnen zum Treffen eingeladen

Diese Ost-West-Spannungen ziehen sich durch die Geschichte des Theatertreffens: In den 60er Jahren wurden Inszenierungen im Ostteil der Stadt zwar von der Jury besucht, aber erst 1989 durften zwei Ost-Bühnen auch der Einladung in den Westen folgen: Das Deutsche Theater zeigte „Lohndrücker“, unter anderem mit Michael Gwisdek und Ulrich Mühe, in der Freien Volksbühne und das Maxim Gorki Theater Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ im Hebbel Theater.

Als eine „absurde Situation“ hat das Gorki-Schauspielerin Ruth Reinecke beschrieben: „Wir bestiegen hier vor dem Maxim Gorki Theater in einen Bus, mussten die Pässe abgeben, fuhren zum Grenzübergang Chausseestraße, dann ein bisschen durch West-Berlin bis zum Hebbel Theater. Wir probten, spielten die Vorstellung und das Ganze retour.“ Ein halbes Jahr später fiel die Mauer.

Das Programm und alle Informationen finden Sie hier

Theatertreffen-Bustouren: 11., 12., 15., 18. und 19. Mai 2013, Start am Haus der Berliner Festspiele (www.theatertreffen.de)