Maxim Gorki Theater

Warum das Leiden im Theater meist nicht so schlimm ist

Er ist jung und erfolgreich: Regisseur Antú Romero Nunes spricht über blaue Flecken, die Fernsehkonkurrenz und seine „Räuber“-Inszenierung. Sie wird mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet.

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Die Inszenierung „Die Räuber“ wird an diesem Dienstag als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung“ des Jahres 2012 mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet. Im Anschluss an die Vorstellung nimmt der Regisseur Antú Romero Nunes die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung entgegen.

Nunes wurde 1983 in Tübingen als Sohn eines portugiesischen Vaters und einer chilenischen Mutter geboren. Er studierte Regie an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. Seine Diplominszenierung, eine Dramatisierung von Schillers Erzählung „Der Geisterseher“, entwickelte sich im Studio des Maxim Gorki Theaters schnell zum Renner. Intendant Armin Petras machte ihn zum Hausregisseur.

In diesem Monat kam als vorläufig letzte Berliner Inszenierung „’N Haufen Kohle“ heraus, mehr Happening als fertige Arbeit, acht Tage wurde in Mexiko geprobt. Im Zentrum standen zwei mexikanische Wrestling-Stars.

Nunes moderierte den Abend und übersetzte die Texte der spanischsprachigen Schauspieler. Zum Finale wurde eine Wrestling-Arena aufgebaut, die Zuschauer kamen auf die Bühne. Und irgendwann schnappten sich die Wrestler den Regisseur.

Berliner Morgenpost: Herr Nunes, haben Sie die Attacke gut überstanden?

Antú Romero Nunes: Es tut noch höllisch weh. Ich hab’ noch eine Menge blauer Flecken und Verspannungen.

So ein Wrestling-Kampf ist doch nur Show?

Das war ja der Witz, das ich gesagt habe, es tut nicht weh. Man hört das Klatschen, wenn ein 1,95-Meter-Ungeheuer mir mit der flachen Hand auf die Brust schlägt, und klar, das tut weh.

Sagt Ihnen der Name Friedrich Luft eigentlich etwas? Sie sind ja mit 29 Jahren noch recht jung.

Ich habe gehört, dass er im Radio lebendige Theaterkritiken gemacht hat, die sich auch die Menschen in der DDR gerne angehört haben, weil sie dann einen tollen Eindruck davon bekommen haben, was auf der anderen Seite der Mauer abgeht.

Warum machen Sie Theater?

Ich glaube, ich kann nichts anderes (lacht). Nein, diese Frage stelle ich mir selber jedes Mal. Ich bin ganz froh, dass ich das nicht so genau weiß, sonst hätte ich diese Frage nicht. Warum verkleidet sich einer und geht auf die Bühne? Das war mit diesen Kämpfern toll, die ziehen sich eine Maske auf und setzen sie nie wieder ab. Warum? Weil es einfach geiler ist, weil sie auf einmal Superhelden sind, keine normalen Menschen mehr. Irgendwo da liegt's. Leben nachzuspielen ist einfach toll, weil man viel größere Sachen erleben kann, ohne ständig das alles durchleiden zu müssen. Was man im Theater erleidet, kann man in dem Moment abstellen, indem man weggeht. Wenn man etwas im Leben erleidet, dann stellt man das nicht ab. Das holt einen immer ein.

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung geht ins Theater. Aus Ihrer Sicht zu wenig?

Ja, denn 100 Prozent schauen Fernsehen. Wenn man sich den Erfolg von Reality-Shows anschaut, scheint es leicht zu sein, die Leute zu unterhalten. Aber wenn die ins Theater gehen, dann langweilen die sich meistens. Da muss man sich schon fragen, was machen wir hier? Wie viel Ibsen brauchen wir noch? Auch im Theater spielen wir immer dieselben Stücke, das beschränkt sich nicht auf die Oper. Ich beneide die Hollywood-Produzenten, die müssen Quote machen, wir hier am Theater übrigens auch, aber die machen nicht zum 500. Mal die „Räuber“, sondern engagieren die tollsten Schreiber oder sogar ganze Teams und die machen dann etwas, das spannend ist und trotzdem vom Thema her besser ist als eine griechische Tragödie. Da hängen wir am Theater wahnsinnig hinterher. Deshalb sind die Häuser nicht wirklich voll.

Sie liefern den Gegenbeweis. Ihre „Räuber“-Inszenierung ist fast immer ausverkauft.

Ich habe mir kürzlich nochmals die „Räuber“ angeschaut. Nehmen Sie die Zuschauer, die aus der Vorstellung rausgegangen sind, die wissen genau, wie das Ding gehen muss. Die wollen ihre „Räuber“ sehen. Viele Menschen gehen allein wegen des Titels oder aus Bildungsgründen ins Theater, weniger aus Spaß.

Aber da wandelt sich doch etwas in Deutschland, der Hochburg des Regietheaters, das ist auch eine Generationsfrage.

Natürlich will jedes Theater, das etwas tolles passiert, neue Formen entstehen. Aber Veränderungen werden nur ästhetisch begriffen, nicht inhaltlich. Wenn ich gefragt werde, worum geht's in deinen „Räubern“, sind da nicht zu viele Metaebenen, sage ich: Ganz einfach, gebt mir einen eingeäscherten Weltenkreis, mir alleine, wo ich allein das Elend der Welt zergliedere. Das machen wir. Und das auch noch mit drei Kindern ohne Vater. Die „Räuber“ auf die Bühne zu bringen, war echt schwierig, weil ständig Leute auf mich zukamen, die meinten: Die Castorf-Inszenierung war ganz toll, die Stemann-Inszenierung auch – schön, ich habe beide Arbeiten nicht gesehen. Den Stemann hab’ ich mir dann noch angeschaut, um es nicht so zu machen.

Das ist Ihnen gelungen. Schauspieler beschreiben die Proben mit Ihnen so: Ganz viel Spaß, dann großes Unverständnis, dann steht die Premiere unmittelbar bevor.

So ein bisschen ist das so bei mir. Es wird auch immer chaotischer, weil ich den Punkt finden will, wo es einem aus der Hand geht. Man hat eine Idee, die dekliniert man durch, manchmal wird die sofort sinnlich, wenn man probt, dann macht man es so, manchmal ist die nur kopfig, aber man weiß, dahinter steckt was, aber was, das weiß man nicht so genau. Man muss sich immer wieder überraschen lassen, bereit sein, ständig Sachen umzuschmeißen. Auch kurz vor der Premiere. Ich versuche, alle Türen aufzukriegen, das ist für die Schauspieler manchmal schwer auszuhalten.

Das Maxim Gorki Theater war ihre erste Station nach der Hochschule.

Es war super. Man kann gar nicht besser anfangen. Hier am Gorki gibt es keine Diven, der Umgang der Leute miteinander ist gut, das hat mir viel gebracht. Ich hab' komischerweise auch nie den großen Druck gehabt, mich hier zu beweisen. Man ist hier an einem kleinen Haus, aber wird beachtet.

Werden Sie unter der neuen Intendantin am Gorki weiterarbeiten?

Darüber kann ich noch nichts sagen. Nächste Spielzeit werde ich hier auf jeden Fall nichts machen.

Weil Sie mit Armin Petras nach Stuttgart gehen?

Ich werde auch die erste Spielzeit bei ihm nichts machen.

Was machen Sie denn?

Ich werde woanders inszenieren, am Thalia Theater, in Zürich, am Burgtheater.

Nicht in Berlin?

Ein Jahr ist hier erst mal Ruhe.

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