Diese Inszenierung ist so bilderstark, so raffiniert gebaut, so wunderbar von Chor und Solisten ausgespielt, dass das Publikum im Schiller-Theater regelmäßig ins Staunen kommt. Regisseur Philipp Stölzl hatte sich Wagners „Fliegenden Holländer“ bereits vor Jahren in Basel vorgenommen, jetzt erlebte die Produktion in einer Staatsopern-Übernahme ihre gefeierte Premiere in Charlottenburg. Und wenn einen überhaupt etwas irritieren sollte, dann, dass so überhaupt kein Buh, kein Zweifel in der Luft liegt. Denn es ist auch ein Abend mit bildungsbürgerlichen Gestrigkeiten, manches erschließt sich in seiner Aktualität erst auf den zweiten Blick.
Was hat der Berliner Regisseur gemacht? Er hat die Handlung etwa in die Lebenszeit des Komponisten Richard Wagner verlegt, also mitten hinein ins 19. Jahrhundert, das mit seinen eigenen Gesellschaftslügen zu kämpfen hat. Diesmal geht es ums Frauenbild, und Stölzl erzählt alles aus Sicht seiner armseligen, von der Männerwelt erdrückten Senta.
Eine riesige Bibliothek
Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine riesige Bibliothek, mit Holztäfelung und einem riesigen Seegemälde a la Caspar David Friedrich im Hintergrund. So leben wohlhabende Kaufleute, die viel vom Leben erwarten. Jung-Senta erscheint, nimmt sich ein Buch, fläzt sich in einen Sessel und liest über Nacht darin. Dazu wuchtet Dirigent Daniel Harding im Orchestergraben gleich die ganz großen Gefühlswallungen auf. Die Staatskapelle lässt es brodeln und knallen, auch wenn sich bereits abzeichnet, dass es nicht der ganz große Abend der Blechbläser wird. Ein Psychodrama ist angekündigt.
Sentas Traumwelten
Philipp Stölzl ist gleichermaßen als Opern- und als Filmregisseur versiert, er kann die beiden Bilderwelten mit ihren eigenen Codes geschickt verbinden. Im „Holländer“ wird das riesige Seebild zur Leinwand oder besser zum Vorhang, der sich öffnet und den Blick auf Sentas Traumwelten freigibt. Wenn die im Sturm angestrandeten Seeleute ins Wohnzimmer hinabsteigen, fühlt man sich schon an Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“ erinnert, wo die Filmhelden aus der Leinwand heraustreten. Stölzl schneidet zwei Welten gegen- und auch ineinander: die scheinbar biedermeierliche Gemütlichkeit und die traumatische Fluchtwelt der Senta. Sie wirft sich massiv dem unglücklichen, vor der Ewigkeit flüchtenden Holländer an den Hals.
An einen alten Mann verscherbelt
Schließlich stellt ihr, so steht es in der Partitur, der eigene Vater den Langersehnten vor: Aber Überraschung – es ist ein alter Mann, an den sie ihr Vater verscherbelt hat. Der liebenswürdige Greis, der neben seiner Künftigen im Sessel einschläft, kann gar nichts falsch machen. Stölzl spielt mit der Verlogenheit der Gegenwelten. Denn urgewaltig erscheint dagegen der düster ausgesungene Holländer von Michael Volle, obwohl ihm die durchschlagende Tiefe fehlt. Der Bariton gleicht es mit Spannung, mit Energie, mit Bühnenpräsenz aus. Und er hat in der Sopranistin Emma Vetter eine gleichwertige Partnerin gefunden, die ihre zunehmende Verspanntheit mit dramatischer Attitüde aussingt. Beide Sänger sehen sich am Ende gefeiert, ebenso Stephan Rügamer, der einzige Gute im Spiel. Der Tenor umwirbt voller Gefühligkeit seine Geliebte, spürt ihr Entgleiten, umsorgt sie.
Die Frauen-Quote ist noch weit entfernt
Es kommt, wie es in einem guten Bürgerdrama kommen muss. Die vor Unglück halluzinierende Senta, so sind diesem Klischee nach halt Frauen, mordet den sie liebenden Erik, den künftigen Ehemann und schließlich sich selbst. Es ist ihr einziger Ausweg. Mehr kann Stölzl fürs 19. Jahrhundert nicht anbieten. Das Publikum nimmt es nach gut zwei Stunden bester künstlerischer Unterhaltung gelassen hin. Die Frauen-Quote ist noch weit entfernt. Und außerdem ist es Wagner.
Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Berlin-Charlottenburg. Tel. (030) 20354555 Termine: 1., 4., 10., 16., 19., 22. Mai 2013





